Fernsehweh

Früher gab es kluge Krimis, Dokumentationen zur besten Sendezeit und Serien wie »Kir Royal«. Warum lässt uns das Fernsehen heute so kalt? Die Geschichte einer enttäuschten Liebe

Vergangenes Wochenende, Samstagabend, im Fernsehen ist gerade die zu Ende gegangen. Am Telefon: der Entertainer Olli Dittrich, 47. Er ist niedergeschlagen, sein HSV hat verloren, letzter Platz in der Bundesliga. Wir haben Dittrich angerufen, weil er einer der wenigen Fernsehmacher ist, der vielleicht für so etwas stehen könnte wie ein modernes Fernsehen, das zugleich unterhaltend und intelligent ist. Jeden Sonntagabend geht er mit seiner Kunstfigur Dittsche auf Sendung, einem sympathischen Hamburger Arbeitslosen, der in einem Imbiss ein, zwei, drei Bier bestellt und von dort aus die Welt kommentiert. Karstadt, Hartz IV, der Tod von Supermann Christopher Reeve oder eine Waschbärfamilie, die angeblich unter seiner Badewanne wohnt – alles wird besprochen, ganz leicht und doch hintersinnig. Obwohl nur spätabends im WDR läuft, erreicht er inklusive zweier Wiederholungen beim Hessischen Rundfunk und beim NDR jede Woche über eine Million Zuschauer. Gerade ist Dittrich dafür mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden.

Nun wollen wir von ihm wissen, welche Sendungen er denn zurzeit gerne sieht, aber dann entsteht eine kurze Pause, und er antwortet: »Ich sehe eigentlich kaum noch fern, Bundesliga, das ja, auch mal einen Boxkampf und Kinofilme auf Premiere, sonst nichts.« In seinem Bekanntenkreis, erzählt er dann noch, gehe das vielen so, Fernsehen sei für viele einfach kein Thema mehr.

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Das deutsche Fernsehen ist bedeutungslos geworden. Das Traurige daran: Das gilt für das öffentlich-rechtliche Fernsehen genauso wie für das private.

Es geht hier nicht um einzelne Sendungen. Es geht um ein Gefühl, das einen nicht mehr loslässt. Es geht nicht nur um den einen Dienstagabend um Viertel nach neun oder um jenen Sonntagmorgen. Es geht nicht um die Momente, wenn Günther Jauch mal gerade nicht in die Kamera schaut. Es geht nicht nur um Harald Schmidt. Es geschieht am helllichten Tag, immer wieder und jeden Tag neu, aber weder die Richterin Salesch ist schuld daran noch Ulrich Wickert, Johannes B. Kerner, Zlatko oder Arabella Kiesbauer. Dem Fernsehen ist seine grundlegende Bedeutung abhanden gekommen.

Das deutsche Fernsehen ist ungefähr so dynamisch wie die Abteilung für Herrenoberbekleidung bei Karstadt. Es versteckt sich hinter alten Klischees, hinter alten Gesichtern, hinter alten Strukturen und Denkweisen, es hat Angst vor Widersprüchen, es hat Angst vor Kompliziertem. Es ist von einem Medium aus der Mitte der Gesellschaft zu einem Sanierungsfall geworden.

Nun wurde das Fernsehen ja schon öfter für tot erklärt, von Kulturkritikern von links und rechts. Neu ist, dass sich genau jene Leute vom Fernsehen verabschieden, von denen es immer hieß, sie hätten ihr gemeinschaftsstiftendes Erlebnis nicht in den Schützengräben von Verdun gehabt, sondern bei den Saalwetten von Wetten, dass…? .

Dies ist nicht die Kritik von übel gelaunten Kulturpessimisten. Sondern das Zeichen einer enttäuschten Liebe. Das Fernsehen hat die Leute verloren, die eigentlich auf seiner Seite stehen.

Es sind jene Leute, die mit dem Fernsehen aufgewachsen sind, in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren. Es sind Leute wie der Berliner Filmkritiker, Anfang 40, der einst fernsehsüchtig war und heute bekennt, dass er nur noch DVDs sieht. Es sind die Leute, die sich immer vorwerfen lassen mussten, dass ihr Fernsehen ein Trivialmedium sei – bis das Fernsehen selbst daran glaubte. Es sind Leute, die heute studieren, Grafiker sind oder Angestellte oder Rechtsanwälte. Es sind all diese Leute, die heute nicht mal mehr eine Fernsehzeitschrift in die Hand nehmen, weil sie gar nicht damit rechnen, dass sie dort etwas erwartet, was mit ihrem Leben zu tun haben könnte. Es sind diese Leute, die abends sagen: Es geht nicht, ich würde ja gern, aber, schade, es geht einfach nicht. Unter all diesen Leuten ist auch ein über 70-jähriger ehemaliger Fernseh-Chefredakteur, der heute nur noch Sport und Nachrichten sieht, weil er den Rest nicht mehr ertragen kann – und sich damit einig ist mit einem wie Olli Dittrich. Aber es sind auch Studenten Anfang 20, Kinder der Popkultur, die Kinos, Konzerte und Clubs besuchen, CDs brennen, zu Lesungen gehen und manchmal ins Theater, die sich aber nicht erinnern können, dass sie in den letzten Jahren wegen eines Fernsehprogramms mit Anspruch, das in Deutschland produziert wurde, zu Hause geblieben wären. So niedrig sind die Erwartungen, dass selbst die linke Frankfurter Rundschau in einem Porträt des neuen RTL-Chefs Marc Conrad berichtete, dass von ihm »viele Kreative einen Ruck, gerade auch angesichts des müden Quoten-Herbstes« erwarten. Denn, so die FR: »Die Impulse, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen einst setzte, sind schwächer und seltener geworden.« Ausgerechnet das Profitcenter RTL soll nun die Qualität heben.

Zurück zu Olli Dittrich. »Ein Bruch passierte sicher Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger«, sagt er, »als die Privaten so unglaublich erfolgreich wurden und damit die Öffentlich-Rechtlichen verunsicherten. Seitdem rennen viele bei den Öffentlich-Rechtlichen den Privaten hinterher – ohne deren Konsequenz. Dabei können gerade die, die das nicht tun, Erfolg haben.« Das sind nur leider nicht viele. Und das Hinterherhecheln führt dann dazu, dass ARD und ZDF auch Quiz-Shows einführen – die aber als Kopien von Wer wird Millionär? nicht so gut sein können wie das Original. Es kann nicht nur an Günther Jauch liegen, dass seine Fragen bildungsbürgerlicher erscheinen als die in der ARD. Und so kommt es auch, dass die so selten gewordenen Unterhaltungsprogramme mit Witz und ein wenig Niveau mitten in der Nacht versendet werden. Wigald Bonings WIB-Schaukel etwa wurde von der Kritik hoch gelobt – und im ZDF zu nächtlicher Stunde versenkt.

Auch Olli Dittrichs Sendung Olli, Tiere, Sensationen zeigte im ZDF, was man alles falsch machen kann. Dittrich, der zuvor in der RTL-Sendung Samstag Nacht mit teilweise platten Witzen ein Star geworden war, sollte nun etwas machen, was gar nicht möglich ist: mit niveauvollerem Humor dasselbe junge Millionenpublikum locken wie bei RTL. Die Zuschauerzahlen von Olli, Tiere, Sensationen, 1,5 Millionen im Schnitt, waren gar nicht mal so schlecht, aber statt der Sendung Zeit zu geben wurde sie nach der ersten Staffel abgesetzt. Nun erringt Dittrich mit einer Figur aus der Sendung, dem Arbeitslosen Dittsche, zunehmende Akzeptanz und Preise – bei der Konkurrenz vom WDR.

In diesem Herbst erleben wir also den doppelten Flop: Die Privaten landen Misserfolge mit Freakshow-Programmen, die sich um Schönheitsoperationen drehen oder um veraltete Yuppie-Fantasien wie in Hire or Fire . Und bei den Öffentlich-Rechtlichen wissen offenbar viele nicht mehr so recht, wie ihre Art der Unterhaltung aussehen könnte.

Was soll man tun als Zuschauer, wenn einen an einem beliebigen Donnerstagabend ein alter Tatort erwartet, ein paar Weißblaue Wintergeschichten, die Ultimative Chart-Show und die Höhepunkte von Mein großer dicker peinlicher Verlobter? Bei den ewigen Ärzten in Kitteln, den ewigen Kriminalern, die sich erst gegenseitig ernst anschauen und dann auf ein Telefon starren, weil das klingelt? Bei diesen glatten, berechenbaren »TV-Movies«, die Probleme im Schuhschachtelformat verhandeln? Mit billig gedrehten Verfolgungsjagden, bestrafungswütigen Gerichtsshows, Handwerkersendungen und Wohnungsdekorationen und dem Dschungelcamp und einem Container, in dem Juden-Witze erzählt werden? Das ist in der Sendung Big Brother passiert, die rund um die Uhr live beim Bezahlsender Premiere ausgestrahlt wird. Es ist nur eines von vielen Symp-tomen für eine Entwicklung, die das Fernsehen ergriffen hat: Wer nur noch zum Ziel hat, den Stammtisch zu imitieren, darf sich nicht wundern, wenn der Stammtisch dann auch plötzlich in den Wohnzimmern der Zuschauer landet. Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO macht Quote, indem er auf innovatives Fernsehen setzt mit Serien wie Six feet under oder den Sopranos. Der deutsche Pay-TV-Sender sendet 24 Stunden am Tag Big Brother.

Wo ist die deutsche Serie, die die große Paranoia so virtuos und bildermächtig mit der großen Politik verknüpft wie die amerikanische Serie 24 und dabei eine Erzählweise findet, die dem Rhythmus dieser atemlosen Gegenwart gehorcht? Wo ist die deutsche Serie, die die Pathologie unserer Tage in einem Begräbnisinstitut sucht wie Six Feet Under? Und warum erzählen die Deutschen lieber von millionenschweren Hotelmanagern, die als Schwein beginnen und als leidende Liebende enden, warum von vergilbten Adelsgeschlechtern, warum von Schäferhunden auf Verbrechersuche?

Und wenn dann das ZDF mal eine Serie wie die Sopranos einkauft, gelingt es ihm, sie so gut zu verstecken, dass selbst dieses kleine Kunstwerk in Deutschland von fast niemandem gesehen wird.

Gegenfrage: War im Fernsehen früher alles besser? Nein. Aber vieles! Da informierte Marcel Reif im Sport-Spiegel, da unterhielt Hans-Joachim Kulenkampff mit einer Show, die spielerisch politisch war und die europäische Einigung vorantreiben wollte: Einer wird gewinnen hieß abgekürzt EWG – so wie das Kürzel für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, den Vorgänger der EU. Und da verzauberte Helmut Dietl mit seinen Serien Monaco Franze und Kir Royal die halbe Republik, verband bitterböse Satire mit Melancholie und großem Witz. Er veralberte seine Heimatstadt München und schrieb ihr gleichzeitig eine Liebeserklärung. Und, nur um zu beschreiben, wie sehr sich die Zeiten geändert haben: Ist heute eine ARD-Unterhaltungsserie vorstellbar, die die Methoden der Boulevardpresse kritisiert wie Kir Royal mit dem Reporter Baby Schimmerlos und seinem Fotografen Herbie? Dietl setzte sich mit der Gegenwart auseinander, den achtziger Jahren der Bundesrepublik – nicht mit der Vergangenheit, die in sich abgeschlossen war. Seine Dialoge, oft gemeinsam mit dem Schriftsteller Patrick Süskind geschrieben, waren brillant. Die Dialoge im deutschen Fernsehen von heute sind Schablonen, die Drehbuchautoren hin und her schieben. Die Bilder bestätigen auf billige Art das, was wir sehen, wenn wir im Supermarkt stehen. Die Geschichten sind von einer biederen Moral, die den Menschen nicht zutraut, mit Ironie, Zynismus, Sarkasmus, Depression oder ähnlichen Zutaten eines erwachsenen Lebens umzugehen.

Wir haben einen Traum: Es sollten sich einmal alle Fernsehredakteure dieses Landes zusammen auf eine riesige Couch legen. Sie könnten von ihren Ängsten erzählen, von ihren Sendeanstalten mit den fensterlosen Korridoren, von den egomanischen Chefs, vom Quotendruck, sie könnten erzählen, was sie einmal wollten, als sie jung waren, sie könnten erzählen, wovon sie träumen. Und das dann alles vergessen. Vielleicht wäre das Fernsehen danach besser.

Es gibt ja ein paar wenige, die in der Branche Ansehen genießen, weil sie anders sind. Axel Beyer, Unterhaltungschef beim WDR, oder Hans Janke im ZDF. Aber selbst einer wie der Reformator Hans Janke, stellvertretender Programmdirektor beim ZDF, gibt sich freundlich-defensiv. Er hat Anke Engelkes und Olli Dittrichs Blind Date gemacht, er wollte Dittsche machen – diese, sagt er, »wunderbar haarsträubende Absurdifizierung des Lebens« findet er nun allerdings beim WDR besser aufgehoben. »Das erschließt sich eher einer sehr kleinen Minderheit«, sagt er, das Quotenfiasko mit den Sopranos noch im Kopf. »Das möchte ich nicht noch mal erleben.«

Von der Klientel des jungen Bürgertums, das sich vom Fernsehen abwendet, erwartet Janke, dass es »selektiv und geschickt« mit dem Medium umgeht. »Ein minoritärer Zuschnitt insgesamt geht für uns nicht«, sagt er. Ein Film wie Christian Petzolds von der Kritik gelobtes Drama Wolfsburg wurde zwar zur besten Sendezeit gezeigt – jedoch nur »als gebotene Ausnahme von der ebenso gebotenen Regel«.

So aber ist alles, was wir meinen, wenn wir von Qualität reden, von Alternativen, von Lieblingssendungen, reines Entschuldigungsfernsehen. Harald Schmidt war immer Entschuldigungsfernsehen. 3sat, Phönix und Arte sind Entschuldigungsfernsehen. Dominik Graf macht Entschuldigungsfernsehen. Sogar Sex and the City oder Ally McBeal war immer Entschuldigungsfernsehen. Eine Ausrede dafür, dass wir nicht sehen müssen, wie eklatant sich das Fernsehen seinem Auftrag verweigert. Der Comedy-Boom, das Reality-TV, die Superstar- Manie, all das hat nur verschleiert, dass das Fernsehen ein Problem hat in seinem eigentlichen Kern: Es weiß nicht mehr, von welcher Welt, von welchen Menschen es erzählen soll. Es findet keine Bilder, keine Worte für diese Zeit.

Die wenigen Momente, in denen sich das Fernsehen noch selbst ernst nimmt, sind Projekte der historischen Selbstvergewisserung. Es sind Stauffenberg und Willy Brandt , es sind Die Manns und Mogadischu. Gegen all diese Projekte ist überhaupt nichts zu sagen. Aber warum scheut das Fernsehen den erwachsenen Blick auf unsere zerklüftete Gegenwart?

Olli Dittrich erinnert diese Situation an die Karstadt-Krise. »Eine der Ursachen für den ausbleibenden Erfolg bei Karstadt war doch offenbar, dass sich junge Käufer lieber von jungen Verkäufern beraten lassen wollen, welcher Pullover zu ihnen passt«, sagt er. »Und woher sollen viele der älteren Redakteure denn wissen, was die 20-Jährigen, 30-Jährigen von heute interessiert?« Das war mal anders, und das ist noch gar nicht lang her. Es gab mal so etwas wie ernst zu nehmendes Fernsehen für die Jugend. Es gab Talk-Sendungen wie Live aus dem Schlachthof und Doppelpunkt , es gab Magazine wie 45 Fieber, es gab die Sportsendung Pfiff. Und diese Sendungen wurden nicht auf den hinteren Plätzen der Fernbedienungen versteckt. Dasselbe gilt für Kulturprogramme, die in den wichtigen Kanälen nur noch laufen, wenn die arbeitende Bevölkerung schlafen muss.

Natürlich müssen auch die Öffentlich-Rechtlichen darauf achten, nicht zu reinen Nischenprogrammen zusammenzuschmelzen. Natürlich sind die Milieus ausdifferenzierter, natürlich ist das Konsumverhalten anders, natürlich ist die Unterschicht zu einer echten Kraft geworden, was Werbung und Verkauf angeht. Natürlich gibt es das Internet, wo sich viele Leute sehr viel schneller und sehr viel spezieller die Informationen und Nachrichten holen, die ihnen das Fernsehen am Abend bietet.

Gerade deshalb muss sich das deutsche Fernsehen darauf einstellen, dass die Menschen Bilder, Nachrichten, Geschichten anders wahrnehmen, sonst geht es ihm wie Karstadt. Es muss verstehen, dass es eine Sehnsucht gibt, nach Qualität, nach wahrem Witz, nach Zweifel, Sinn und Deutung. Und bitte schön: Niveau ist nicht gleich Langeweile. Die Verfilmung der Klemperer-Tagebücher war langweilig, nicht intelligent. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen erkennen, dass sie nicht einfach weiter die Gebühren erhöhen können und dabei jeden Kredit verspielen, weil sie nicht in der Lage sind, ein Programm für die zu machen, die immer noch die Mehrheit der Bevölkerung sind. Eine Mittelschicht, die vor allem ernst genommen werden will.

Wo ist also die neue Serie, in der Oskar Roehler von den Krisen seiner Altersgenossen erzählt? Wo ist der neue Georg Stefan Troller, der so subjektiv und aufregend aus fremden Städten, Welten, Wohnzimmern erzählt, dass es schon fast Literatur ist? Wo ist der neue Dietl? Wann läuft die nächste Serie von jemandem wie Wolfgang Menge? Warum gibt es keine Krimiserie mehr wie einst Schwarz-Rot-Gold? Wo ist der Film, der, ja, auch Aids, Terror und sozialen Abstieg behandelt? Wo sind die Sendungen, die die Schönheit und die Wirrnis unserer Tage feiern?

Es wäre schön, wenn nur einige dieser Wünsche in Erfüllung gingen. Wir würden so gerne wieder einschalten.

Mitarbeit: Matthias Kalle und Paul Raabe

 
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