Ich habe einen Traum
Die Künstlerin Jenny Holzer wurde 1950 in Ohio geboren. Ihr Vater war Autohändler, ihre Mutter Reitlehrerin. Jenny Holzer malte anfangs abstrakte Gemälde und fand zu ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil, als sie Ende der siebziger Jahre begann, Wörter, Sätze und Redewendungen zu großflächigen Grafiken und Projektionen zu verarbeiten. Sie ist mit dem Künstler Mike Glier verheiratet und hat eine Tochter. Jenny Holzer träumt von der Abwahl des George W. Bush
Ich träume davon, George W. Bush in den Ruhestand versetzt zu sehen – wegen seines Krieges im Irak, wegen seiner Finanzpolitik, seiner Haltung in Umwelt- und Frauenfragen und weil er seine fundamentalistische Religion in die Politik getragen hat; wegen der Erosion des öffentlichen Bildungssystems, und weil seine Politik dazu geführt hat, dass mein Land weltweit gefürchtet und verspottet wird. Ich hoffe, dass John Kerry genug Wähler begeistern kann und dass Bushs Abschied aus seinem Amt kein Traum bleiben wird.
Schon bei seiner ersten Kandidatur war ich besorgt, weil er anscheinend nicht die erforderlichen Eigenschaften und Erfahrungen für diesen Posten mitbrachte. Ich bezweifelte, dass er gescheit, sachkundig, stark und gütig genug für den Job sei. Er erschien als blöd grinsende Figur mit einer spröden Frau, als ein Mann, der ein mittelmäßiger Student war, sich vor Vietnam gedrückt hatte, ein gescheiterter Unternehmer mit einer Vorgeschichte von Alkoholmissbrauch und als ein Kandidat, der nicht richtig reden konnte.
Vor kurzem schrieb der Romanautor E. L. Doctorow: »Ich werfe diesem Präsidenten vor, nicht zu wissen, was der Tod ist… Er hat nicht den Verstand dafür… Er kann nicht trauern, er ist eine Persönlichkeit von einer solchen moralischen Leere, dass wir für uns selbst trauern sollten.« Ich würde noch hinzufügen, dass wir auch für diejenigen trauern sollten, die von der Politik dieses Präsidenten betroffen sind.
Ich bin ein Nachrichten-Junkie. Ich lese die Nachrichten mehrmals täglich im Netz. Die ganze Nacht über läuft bei mir CNN oder BBC. Ursprünglich habe ich die Fernsehnachrichten als Geräuschunterdrücker benutzt, weil ich so oft in lauten Hotels übernachtete. Später wurde es für mich eine Obsession, Nachrichten überall auf der Welt in Echtzeit zu erfahren.
Ich bemühe mich dauernd, nützliche Inhalte zu finden, sie faszinierend schön und für möglichst viele Menschen verfügbar zu machen. Ich möchte weitsichtig genug sein, dass meine Kunst nicht für ruchlose Zwecke benutzt wird. Ich will nicht so sein wie die Gründgens-Figur, die Klaus Maria Brandauer in dem Film Mephisto spielt. Der war viel zu begierig zu arbeiten.
Meine persönlichen Beziehungen leiden unter der Anstrengung, mein privates Leben und die Herstellung von Kunst auszubalanzieren. Als meine heute 16-jährige Tochter Lili noch klein war, bereitete mir der Spagat zwischen dem Baby, das mich brauchte, und meiner Arbeit, die mich auffraß, entsetzliche Konflikte. In den zwei Jahren nach Lilis Geburt hatte ich Einzelausstellungen bei der DIA Art Foundation und im Guggenheim-Museum sowie einen Auftrag für den amerikanischen Pavillon bei der Biennale von Venedig. Diese Herausforderungen musste ich abwägen gegen die Verantwortung für ein kleines Lebewesen. Es waren furchtbare Zeiten in meinem persönlichen Leben, wenn auch wunderbare Zeiten in meiner Karriere.
Meine Arbeiten handeln von allgemein menschlichen Themen wie Frieden, Krieg, Sex, Grausamkeit, Tod, Mutterschaft, Vertrauen, Spaß und Gerechtigkeit. Ich ziehe es vor, dass meine Kunst nach allen Seiten offen ist und sich nicht auf einen konkreten Zeitraum oder ein Ereignis beschränkt. Eine Ausnahme war der Lustmord- Zyklus im Jahr 1993, der sich eindeutig auf die Vergewaltigungen und das Morden während des Bosnien-Krieges bezog.
Jetzt scheint es mir wieder sinnvoll, mich als Einzelperson konkret zu artikulieren, denn ich fürchte um mein Land und um die anderen Nationen, die von Bushs Politik betroffen sind.
Am liebsten würde ich jetzt, kurz vor den Wahlen, Lichtprojektionen in New York, in Washington und in einigen der so genannten Swingstates vorführen. Ich würde Gedichte von Wislawa Szymborska, Yehuda Amichai, Henri Cole und anderen projizieren sowie Regierungsdokumente, die kürzlich durch den Freedom of Information Act freigegeben wurden. Texte, die nicht die Kandidaten, sondern Gründe für das Leben thematisieren, Gründe gegen das Töten und das Sterben.
Ich liebe es, Gebäude, in denen die Macht regiert, mit Worten einzuwickeln. Am liebsten würde ich Gedichte auf das Weiße Haus projizieren. Ich denke an eine Passage von Henri Cole, aus seinem Gedicht An den dreiundvierzigsten Präsidenten: »Sehen Sie, dass vor dem Kummer alle gleich sind? / Oder sehen Sie das behaarte Bein des Satans, fest verankert / in der Armut, wo die Geburt des Leidens / die Geburt vollkommener Kinder aufhebt?«
Als ich 16 war, verließ ich mein Zuhause, um woanders zur Schule zu gehen. Viele Ansichten meines radikal konservativen Vaters, der für Nixon war, empfand ich als anstößig. Meine Mutter war eine moderate Republikanerin, die die Dinge von vielen Seiten betrachten konnte.
Als meine Mutter starb, war ich zutiefst betrübt; ich habe sie geliebt und sehr an ihr gehangen. Aber ich war auch auf schmerzliche Weise erleichtert, obwohl ich wusste, dass Lili ihre Großmutter vermissen würde. Meine Mutter hatte eine starke Persönlichkeit, und als sie mich nicht mehr in Anspruch nahm, konnte ich mich völlig meiner Tochter zuwenden.
Ich war unglücklich, als ich jünger war, und fast zu gut mit dem Tod befreundet. Heute habe ich eine entspanntere Beziehung zum Leben und kann davon träumen, dass die Wahrheit unnötige Tode abwehren wird.
Glücklicherweise bin ich zu eigenartig, um selbst Politikerin zu werden. Aber ich wünschte mir, dass sich meine Themen stärker in echter Politik niederschlagen würden, statt hinter politischen Lippenbekenntnissen zu verschwinden. Ich träume davon, dass die Sprache der Politik stärker verbunden wird mit der Wahrheit. Die Loslösung der Wahlkampfsprache von der Realität deutet auf eine abscheuliche Krise hin, und die Trennung zwischen Handeln und Wissen bringt Verderben.
In meiner jüngsten Ausstellung in Bregenz versuchte ich mit dem Titel Truth before Power (Wahrheit vor Macht) so etwas wie eine ideale Politik zu formulieren.
Dieser Titel stammt aus einem Essay von Sherman Kent, einem der Gründer der CIA. Er rät den Nachrichtenanalysten der Sicherheitsdienste davon ab, auf Druck von Politikern Berichte zu ändern. Nach dem 11. September schien Kents Essay geradezu hellseherisch und einer Darstellung mit Tausenden von blinkenden elektronischen Lichtern würdig.
Wer könnte ein guter amerikanischer Präsident sein?
Zur Abwechslung stellen wir uns eine Frau vor, eine Farbige, von bestechender Intelligenz, welterfahren, mit großem Arbeitsethos und rhetorischer Begabung. Eine Frau, die die Komplexität politischer Prozesse durchschaut und die aus bescheidenen Verhältnissen stammt, sodass sie sich nicht nur in die Unglückseligen einfühlen kann, sondern auch selbst solche Erfahrungen hat. Madeleine Albright hat die Eigenschaften einer guten Präsidentin. Auch Hillary Clinton ist zäh und schlau genug.
Historisch betrachtet, sind Frauen eher Opfer als Täter gewesen. Es bleibt noch ziemlich unerforscht, ob Frauen an der Spitze ihre Macht auf die gleiche Weise missbrauchen würden, wie viele Männer es getan haben. Aber warum sollte man diesen Rollentausch nicht mal versuchen? Oder, noch besser: die Macht teilen?
Aufgezeichnet von
Andrea Thilo
und
Patrick Hubenthal
- Datum 21.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44
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