DIE ZEIT: Nach 55 Jahren Föderalismus haben sich die Interessen von Bund und Ländern heillos ineinander verknäuelt. Blicken Sie selbst noch durch, wer eigentlich wofür zuständig ist?

Brigitte Zypries: Nicht in jedem Detail auf Anhieb. Die Gesetzgebungskompetenzen, die Verfahren sind so kompliziert, so ausdifferenziert, dass ein Einzelner kaum alles sofort überblicken kann.

ZEIT: Konkurrierende Gesetzgebung, Rahmengesetzgebung, Gemeinschaftsaufgaben – die Bürger können nicht mehr nachvollziehen, wer welche Entscheidung trifft. Viele sagen, ohne eine Reform des Föderalismus ginge in Deutschland gar nichts mehr. Stimmen Sie zu?

Zypries: Das ist überspitzt. Wir leben ja schon lange mit dem jetzigen Zustand und haben beispielsweise Hartz IV auch mit der Opposition im Bundesrat durchgebracht. Aber wenn die Verantwortung für die Gesetzgebung so unklar bleibt wie bisher, wenn die Bürger Entscheidungen nicht mehr rückverfolgen können, wenn sie nur noch das Gezerre und Gezänk sehen, dann fördert das auf Dauer die Politikverdrossenheit. Das ist meine größte Sorge.

ZEIT: Die Föderalismuskommission arbeitet seit einem Jahr daran, das Knäuel zu entwirren. Die Länder werfen der Bundesregierung vor, dass sie bis heute dazu keine eigenen Vorschläge gemacht habe.

Zypries: Das stimmt nicht ganz, denn es gibt ein Positionspapier der Bundesregierung vom April 2003. Das bildet allerdings nicht den derzeitigen Diskussionsstand ab. Der Ruf nach Vorschlägen der Bundesregierung scheint mir von der Idee getragen, dass wir Angebote machen sollen, die die Länder dann als Zugeständnisse abhaken können.

ZEIT:Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Steinbrück, ein Sozialdemokrat, klagt, er wüsste gerne, wer sein Ansprechpartner in der Bundesregierung sei.