So viel Hitler war nie. Die mediale Gegenwart des "Führers", die wir momentan erleben, ist seit sechzig Jahren ohne Beispiel. Sie übertrifft die öffentliche Präsenz des Diktators in den Monaten vor seinem Ende im Bunker, und sie lässt alle Hitler-Wellen der Vergangenheit flach erscheinen. In der Flut der fiktionalen Bilder und der forcierten Erinnerungsbücher, die uns derzeit überschwemmt, wirkt der reale "Untergang" des "Dritten Reiches" fast kümmerlich. Die Gedenkmaschine läuft, wie wenig anderes in Deutschland, auf vollen Touren, und bis zum 8. Mai 2005 wird das so weitergehen.

Wer vor zehn Jahren geglaubt hatte, ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende sei der Gipfelpunkt der Kommemoration erreicht, der sieht sich heute belehrt. Seit ein fantastisch gut aussehender Sebastian-Graf-Koch-von-Stauffenberg im Spätwinter 2004 im Führerhauptquartier die Bombe zündete, ist die Erinnerungsschlacht eröffnet. In ein paar Monaten können wir Koch als Albert Speer im "authentisch" nachgebauten Spandauer Gefängnisgarten begegnen, aber auch als "Dokument" wird man uns Hitlers Lieblingsarchitekten präsentieren. Chronologie und zeitliche Nähe zu den unterschiedlichen historischen Ereignissen spielen so gut wie keine Rolle mehr. Aus Angst, im Kampf um Zuschauer und Leser ins Hintertreffen zu geraten, operieren Buchverlage, Presse, Film und Fernsehen inzwischen mit absurden Vorlaufzeiten. Einzig die Politik, wiewohl längst gleichfalls auf perfekte Inszenierung trainiert, erinnert noch gedenktagsgenau.

So folgten, zu Anfang des vergangenen Sommers, die Fernsehbilder von den D-Day-Feiern in der Normandie auf die Spielfilme und Doku-Serien zum 20. Juli 1944; zwischen Schröders Rede am Bendlerblock und seinen Auftritt zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstands am 1. August schob sich ein Stückchen Debatte über Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung, und die PR-Walze für Eichingers öden Untergang konkurrierte mit jener für die Friedrich Christian Flick Collection in Berlin, die der Kanzler in den Rang einer Staatsaktion erhob. Herbst und Winter verheißen weitere kommerzielle Sensationen. Wenn der Erinnerungsbetrieb im nächsten Frühjahr zwangsläufig auf Parallelzeit einschwingt, ist nicht mehr auszuschließen, dass er mit den letzten Wochen des "Dritten Reiches" die bisherigen Formen unseres Umgangs mit der Vergangenheit unter sich begräbt.

Noch sind wir Weltmeister der Bewältigung

Jedenfalls lassen sich die gegenwärtigen Geschichts-Events nur noch bei oberflächlichster Betrachtung als Ausdruck jener politischen Kultur der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit begreifen, die seit den sechziger Jahren entstand und die Gesellschaft der Bundesrepublik jahrzehntelang prägte. Mögen wir uns selbst - mit Zustimmung von Péter Esterházy und vielen ausländischen Beobachtern - als Erfinder und nach wie vor amtierende Weltmeister der "Vergangenheitsbewältigung" gefallen: Wir leben in einem erinnerungspolitischen Gezeitenwechsel.

Gewiss, die politische Großdeutung der Kapitulation des Deutschen Reiches wird auch im Abstand von sechzig Jahren der Linie folgen, welcher Richard von Weizsäcker 1985 - spät genug - zur Durchsetzung verhalf und die nach einer weiteren Dekade im Westen Deutschlands so befestigt war, wie sie im Osten bezweifelt wurde: der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung. Dass es in etwa bei dieser Lesart bleiben soll, hat Gerhard Schröder durch seine Präsenz in der Normandie am 6. Juni erkennen lassen. Doch so einfach wie bei der Zeremonie in Caen, wo zum ersten Mal ein deutscher Kanzler den Beginn der "Befreiung Europas" durch die alliierten Truppen würdigte, wird das am 9. Mai 2005 in Moskau nicht gehen.

Mag sein, dass sich Schröder gegenüber Freund Putin an die Formel von der Niederringung des "Faschismus" hält, die ihm, als einem der letzten seiner Klasse und wie zum Ausweis seiner ansonsten heftig abgestrittenen 68er-Herkunft, ohnehin noch immer näher zu liegen scheint als der konkrete Begriff für die deutsche Extremvariante Nationalsozialismus. Manches deutet darauf hin, dass der Kanzler weniger von politischer Geschichte als von privater Erinnerung sprechen wird - wie schon in seiner Rede am Atlantik: "Das Grab meines Vaters, eines Soldaten, der in Rumänien fiel, hat meine Familie erst vor vier Jahren gefunden. Ich habe meinen Vater nie kennen lernen dürfen."