kommentarAn der Kapazitätsgrenze

Die goldenen Zeiten billigen Öls gehen zu Ende. Hinreichende Alternativen existieren bislang nicht von Jürgen Krönig für Zeit.de

Der Preis für das schwarze Gold klettert auf neue Rekordhöhen. Und mit 55 Dollar pro Fass dürfte nicht einmal die Obergrenze erreicht sein. Doch die Aufregung hält sich in Grenzen. Bislang jedenfalls. Alan Greenspan, Chef der amerikanischen Zentralbank, wiegelte sogar ein bisschen ab. Ernst werde es für die Weltwirtschaft nur, wenn Öl so teuer werde wie in den 70er-Jahren. In der Tat müsste sich heute das Fass Rohöl auf 80 Dollar verteuern, um, inflationsbereinigt, dem Preisniveau früherer Krisen zu entsprechen und eine ähnlich negative konjunkturelle Wirkung zu erzielen. Die Internationale Energie Agentur macht sogar in verhaltenem Optimismus. Sie glaubt bereits Indizien für eine sinkende Nachfrage nach Öl zu erkennen.

Doch sollten wir uns nichts vormachen. Der derzeitige Rohölpreis wird unvermeidlich unangenehme konjunkturelle Schleifspuren hinterlassen. Ein höherer Ölpreis schlägt stets noch mit einer Verzögerung von rund 18 Monaten auf die Volkswirtschaften durch. Wichtig ist es auch, sich nicht den Blick verstellen zu lassen für die neue Dimension der derzeitigen Ölkrise. Öl ist eine endliche Ressource, ganz gleich wer im Dauerdisput der Experten über den Umfang globaler Reserven Recht hat. Die Geologen, die eine bald schon rapide sinkende Förderkurve und das Ende des Überflusses voraussagen. Oder die Ölindustrie, die mit ungebrochenem Optimismus ein Öldorado verheißt, das noch viele Dekaden blühen wird.

Anzeige

In der Erde mag ein unerschöpflich wirkender Vorrat des Saftes liegen, auf dem unsere Zivilisation basiert. Doch die Förderkosten für Öl aus Schiefer, Sand und der Tiefe der Meere sind enorm. Unkonventionelle Reserven anzuzapfen rechnet sich nur, wenn der Preis für Öl dauerhaft auf, wenn nicht noch ein gutes Stück oberhalb des Niveaus liegt, über das Industrie und Autofahrer heute schon jammern.

Dazu wird es immer schwerer, den wachsenden Öldurst einer Welt zu stillen, in der China binnen kurzer Zeit zum zweitgrößten Ölimporteur aufgestiegen ist. Chinas und auch Indiens fulminantes Wachstum ist eine der Ursachen für den steilen Preisanstieg der vergangenen Monate. In den 70ern fürchtete die industrielle Welt, die Lieferungen aus dem Golf könnten unterbrochen werden. Niemand sorgte sich damals um zu niedrige Förderkapazitäten oder erschöpfte Ölfelder. Heute vermag selbst eine Förderung an der oberen Kapazitätsgrenze die rasante Nachfrage nur mühsam zu befriedigen.

Selbst die Situation der Saudis hat sich schlagartig verändert. Bislang waren sie die einzigen Swingproducer der Welt; wenn erforderlich, vermochten sie die Hähne weiter aufzudrehen. Ihre ungenutzten Förderkapazitäten beliefen sich noch vor 12 Monaten auf 4 bis 5 Millionen Fass pro Tag. Heute können die Saudis kaum noch nachlegen; ihre Förderreserven schrumpften auf 1 bis 1 ½ Millionen Fass, zu wenig, um wirkungsvoll einspringen zu können, sollte irgendwo auf der Welt der Nachschub ins Stocken geraten, ob durch Streiks in Venezuela, Hurrikans im Golf von Mexiko, ethnische Konflikte in Nigeria oder Terroranschläge auf irakische Pipelines.

Manche Optimisten hoffen, dass durch das Kyoto-Abkommen, das Russland nun doch ratifiziert, die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen gedämpft wird. Doch das scheint mehr als fraglich. Kyoto verlangt eine Reduzierung des Treibhausgases Kohlendioxid, allerdings nur von den etablierten Industrieländern des Westens, nicht aber von den neuen Wirtschaftsgiganten Asiens. Es ist nicht zu erwarten, dass die europäischen Regierungen ihren angeschlagenen Wirtschaften in Zeiten teuren Öls auch noch zusätzliche Kosten für verschärfte Emissionsauflagen aufbürden werden oder dass ein teurer Handel mit Emissionsablässen beginnt, auf den man jetzt in Russland hofft.

Ein weiterer Negativfaktor ist die Geologie des Öls, sie macht die Situation komplizierter. Der Löwenanteil der Reserven liegt im islamischen Halbmond, von Kasachstan bis zum Golf. Die Macht der Opec, voreilig als Papiertiger abgeschrieben, wird weiter wachsen. Die fünf Golfstaaten der Opec, neben den Saudis sind es Iran, Irak, Kuweit und die Emirate, kommen ihrem Ziel, Nachfrage wie Preis zu kontrollieren, inzwischen erheblich näher. George W. Bush, dem doch glänzende Beziehungen zu den Saudis unterstellt werden, ist die angestrebte Wiederwahl gewiss nicht durch billigeres Öl erleichtert worden. Wir sollten uns darauf einstellen, dass die goldenen Zeiten billigen Öls zu Ende gehen. Öl bleibt teuer. Hinreichende Alternativen existieren noch lange nicht. Die Umrüstung unserer Ölgesellschaften auf andere Energieträger ist enorm teuer und langwierig. Pessimisten meinen, man hätte damit schon längst beginnen müssen, da der Umrüstungsprozess mindestens zwei Dekaden braucht. Eines ist gewiss: Die Anpassung an die harsche Realität teuren Öls wird nicht ohne Schmerzen vonstatten gehen.

Zur Startseite
 
  • Serie cvd
  • Schlagworte Alan Greenspan | Opec | Golf | Hurrikan | Kasachstan | Kohlendioxid
Service