Eine alte Wahlweisheit sagt: Wer zwei der drei Staaten Pennsylvania, Florida und Ohio gewinnt, der hat die Präsidentschaftswahl gewonnen. Entsprechend leidet Pennsylvania - und hier Metropole wie Kleinstadt - am Wahlfieber. Nirgendwo scheint die enorme Politisierung der Menschen im diesjährigen Wahlkampf sichtbarer als in Pennsylvania. Der Bergbau-, Stahl- und Agrarstandort im mittleren Nordosten der USA ist ein so genannter Schlachtfeld-Staat: Pennsylvania wurde 2000 vom Demokraten Al Gore mit nur fünf Prozentpunkten Vorsprung gewonnen und bringt ganze 21 Stimmen in das Wahlmännergremium ein. Daher gilt es, die entscheidenden Wechselwähler zu überzeugen. Innerhalb eines Monats kann Pennsylvania von einem den Präsidenten unterstützenden Staat zu einer Kerry-Region umschwenken. 

An den Unis herrscht deswegen Ausnahmezustand. "Am 3. November werde ich endlich ausschlafen", sagt Jessica, Studentin der Politikwissenschaft in Philadelphia. Sie ist verantwortlich für den Wahlkampf der Demokraten auf dem Campus der Ivy-League-University of Pennsylvania, der ältesten Universität der USA. Die blasse Frau ist stolz darauf, 2.000 Studenten neu registriert zu haben und spricht mit Begeisterung von den "Schlafsaal-Kapitänen", die ihre Kommilitonen in den Wohnheimen auffordern, wählen zu gehen. Doch auch die Republikaner haben sich studentisch organisiert.  Jessicas Gegenspielerin heißt Kristina, die vor einigen Wochen einen Republikanischen Club gegründet hat, der 300 Mitglieder zählt. In einer öffentlichen Debatte lieferten sich die beiden Frauen eine Debatte, die dem Fernsehduell zwischen Bush und Kerry nicht unähnlich war. Die Auseinandersetzung bleibt nicht immer auf der politischen Ebene. "Man hat unsere Bush-Papp-Figur geklaut", beschwert sich Kristina über das Klima zwischen den zwei Lagern.

Die Stimmung ist ernst und angespannt. Es herrscht grimmige Entschlossenheit, die Wahl zu gewinnen. Für Politik-Professorin Marie Gottschalk liegen Lichtjahre zwischen ihrer Studentengeneration und der heutigen: "Die Studenten sind heute viel parteipolitischer als noch vor einigen Jahren. Als ich Studentin war, waren wir nur auf eine Assistentenstelle erpicht. Wenn Sie heute in einem Kurs sagen, die Wahl 2000 wurde durch eine Entscheidung des Supreme Court für Bush entschieden, dann fühlt sich sofort jemand extrem provoziert." Der Elfenbeinturm der Universität - parteipolitisch ist er derzeit eingestürzt.

Auch die Schulen in Pennsylvania sind vom Wahlkampf-Virus befallen. Die Oberstufenschüler von 50 Highschools des Staates haben "Präsidentschaftswahl 2004" simuliert und ihre Ergebnisse in dieser Woche publiziert. Die Schüler sind ganz Repräsentanten der Nation - das Ergebnis fällt durch die Bank gespalten aus: 3.770 stimmten für Kerry, 3.453 für den Präsidenten. Schüler Adam Hill spricht wie einer, der schon gar nicht mehr zählen kann, wie oft er wählen war. "Bush muss weg, sonst geht es uns hier zu schlecht", sagt der 18-Jährige. Er hat für einen Tag die Schule geschwänzt und ist 25 Meilen nach Wilkes-Barre gereist, um den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu hören. Es ist der 19. Besuch Kerrys in Pennsylvania, seit er im März noch inoffiziell zum Kandidaten der Demokraten wurde.

Wilkes-Barre, zweieinhalb Autostunden entfernt von Phildelphia, zählt rund 46.000 Einwohner. Viele Geschäfte stehen leer, und das Städtchen wirkt verwaist. Schon früh hat sich Adam Hill vor dem Kulturzentrum, in dem Kerry sprechen wird, in die Menschenschlange eingereiht, um einen guten Sitzplatz zu ergattern. Seine Erstwahl steht fest - Kerry. "Schauen Sie sich die Lage hier an - erst sind die Jobs weggegangen und dann die jungen Leute."  Er ist so gut informiert, dass der neben ihm sitzende William Obrura, ein pensionierter Professor für Erziehung, erstaunt zuhört. "Er ist erstaunlich reif für sein Alter", kommentiert er und gibt der düsteren Sicht des jungen Mannes recht: Das Land habe in den letzten Jahren soviel an Misere erlebt, dass nur Kerry helfen könne.

Während Kerry im Saal den Niedergang beschwört, der unter Bush für die Mittelschichten und die Arbeiter des Landes eingetreten ist, drücken sich draußen auf dem Platz zehn Halbstarke herum, die mit "Bush/Cheney-2004"-Aufklebern hantieren. Die Schüler einer jüdisch-orthodoxen Internatsschule haben ebenfalls den Unterricht ausfallen lassen. "Kerry bringt Hass nach Amerika," erklärt einer von ihnen als Grund für seinen Bush-Aktionismus. Auf die Frage, woran man den Hass-Import feststellen könne, weiß er keine Antwort. Auch die Israel-Politik der beiden Kandidaten ist kein Motiv für die aggressiv-verlegene Bush-Befürwortung. An ihrer Schule sei der Wahlkampf kein Thema. Fast scheinen sich die Jugendlichen mit dem Wahlkampf nur zu beschäftigen, weil Wilkes-Barre den Pubertierenden  sonst nicht viel zu bieten hat.

Steinkohle-Standorte wie Wilkes-Barre und die Metropolen Philadelphia mit den akademischen Milieus und den Minderheiten gelten noch immer als Domänen der Demokraten. In den Vorstädten und den Industriezentren vor den Städten hingegen sind die Republikaner zu Hause. "Pennsylvania ist Doughnut-Land", sagt der Wahlkampf-Chef des Republikanischen Senators Arlen Specter, Chris Nicholas. "In der Mitte ist nichts und darum herum ist unser Teig."  Bush-Wahlhelfer schwärmen von Harrisburg in die ländlichen Regionen und hängen dort Plastiksäckchen mit Informationen zu allen republikanischen Kandidaten an die Haustüren. Der Präsident ist demnach der Mann, der die Steuern für alle Bürger Pennsylvanias gesenkt hat, der den früheren Gouverneur Pennsylvanias, Tom Ridge, zum Minister für Innere Sicherheit gemacht hat und der ein großes Gesundheitsgesetz auf den Weg gebracht hat. Bush steht, so ist auf buntem Papier zu lesen, auch den Waffenbesitzern zur Seite. Das ist ein wichtiges Bekenntnis, denn nirgendwo ist der Anteil ländlicher Bevölkerung und Jäger so hoch wie hier.