Amerika, du hast es besser – dieser Spruch gilt offenbar nicht für das Funktionieren der Demokratie oder genauer: für den Urakt der Demokratie, für das Wählen. Und das ist schon erstaunlich für die westliche, die einzige Großmacht, die ja die Demokratie am liebsten über die ganze Welt verbreiten würde, wenn es sein muss mit präventiven Kriegen.

Drei Dinge sind es, die den alten Europäer immer wieder staunen lassen. Das ist zum einen das antiquierte Wahlsystem selber, das immer noch mit Wahlmännern aus den einzelnen Bundesstaaten operiert, als müsse man noch wie 1792 mitten im Winter auf langen Reisen Stimmbotschaften durch Eis und Schnee nach Washington schaffen. Aber nicht nur dies: Nach dem System „winner takes all“ fallen sämtliche Stimmen eines Bundesstaates auf jenen Kandidaten, der in diesem Staat die meisten Wählerstimmen auf sich vereinigt hat – sämtliche anderen Stimmen fallen unter den Tisch, als seien sie nie abgegeben worden. Dabei wäre es inzwischen ein Leichtes, jenen Bewerber zum Präsidenten auszurufen, der in allen Bundesstaaten zusammengenommen die meisten Stimmen, also die Mehrheit der US-Amerikaner auf sich vereinigt hat. (Aber so leicht ist das eben auch wieder nicht, wie wir am Ende noch sehen werden…)

Sodann leidet das amerikanische Wahlsystem darunter, dass beileibe nicht alle Wahlberechtigten in die Wählerlisten aufgenommen sind. Das muss von Mann zu Mann, von Frau zu Frau je einzeln beantragt werden – und je bescheidener der Bildungsgrad, je karger der soziale Status, desto niedriger die Quote der registrierten Wähler. Mit anderen Worten: Gerade jene Menschen, die es ohnehin schwer im Leben haben, werden auch noch benachteiligt in ihrer politischen Vertretung. Und nun erfährt man auch noch, dass private Firmen (und das in durchaus – bezahlter – parteiischer Absicht) sich in das Geschäft der Wählerregistrierung drängen, als sei die Aufstellung vollständiger und korrekter Wählerverzeichnisse nicht die Urpflicht eines ordentlichen Staates selber.

Und drittens nun das Peinlichste von allem: Obwohl es sich vor vier Jahren gezeigt hatte, dass die Stimmauszählung zumindest in Florida höchst dubios gewesen war, ist nicht nur dort nichts Rechtes unternommen worden, um die Wiederholung solcher Pannen auszuschließen. Nein, jetzt sieht man: Im ganzen Lande geht es bei der Stimmauszählung drunter und drüber – und zwar in einem Ausmaß, dass bei allen recht knappen Wahlausgängen das Vertrauen in die demokratische Korrektheit der Wahl landesweit zerstört zu werden droht.

Damit kein Missverständnis entsteht: Amerika ist ein recht freies Land und besonders für Deutschland ein Vorbild in Sachen Demokratie gewesen. Aber gerade deshalb bleibt es eine Groteske, dass die Grundregel der Demokratie ausgerechnet in der „Mutter aller Demokratien“ nicht überzeugend durchgesetzt werden kann, sondern in einer peinlichen Schlamperei versinkt.