Amerikanische Selbstkritik Die »Staatsfeinde«
Gegen sie ist Michael Moore ein Waisenknabe: Amerikanische Historiker, Ökonomen und Intellektuelle beklagen den sozialen Verfall der Vereinigten Staaten und die Arroganz der Mächtigen. Ein Gang durch die blühenden Landschaften amerikanischer Selbstkritik
Kellogg’s feiert Amerika« heißt eine »Limited Edition«, die der Hersteller von Cornflakes den Schulkindern vor die Nase setzt. »Zeig deinen amerikanischen Geist« steht auf der Packung, und damit jeder weiß, woran er zu denken hat, gibt es eine bebilderte Nachhilfe: die Freiheitsglocke, die Freiheitsstatue und die Präsidentengalerie am Mount Rushmore. Jede Ikone repräsentiere eine Wahrheit, »
Die volkspädagogische Massenspeisung könnte einem glatt den Appetit verderben. In der Stunde der wahren Empfindung füttert Amerika die Nation mit einer Überdosis Patriotismus und treibt Götzendienst mit seinen Werten. Und doch – Kellogg’s ist nicht Amerika. Der regierungstreuen Propaganda steht eine unerbittliche und vor allem: unerschrockene Selbstbetrachtung gegenüber, die in Europa ihresgleichen sucht. Die Klarheit amerikanischer Selbstkritik ist bestechend und ihr politischer Ernst bewundernswert. Wer sich hierzulande über Michael Moore erregt, weiß gar nicht, was das Land noch alles zu bieten hat.
Weil es keine ausgeprägte Feuilletonkultur gibt, sind es vor allem Zeitschriften und Bücher, auf deren Bühne der Widerstreit zur Aufführung gelangt. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Publizistik ist dabei fließend, und wer als Universitätsprofessor in das Gewand des Intellektuellen schlüpft, bricht sich keineswegs einen Zacken aus der Krone. Das prominenteste Beispiel dafür ist gewiss der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman, dessen rauflustige Kolumnen in der New York Times hohe Wellen schlagen ( auf Deutsch gesammelt in Der große Ausverkauf, Campus Verlag). Was Leuten wie Krugman oder seinem Fachkollegen Robert Brenner (Boom and Bubble, VSA Verlag) den Schlaf raubt, ist der Riss, der durch das Land geht und die »amerikanische Seele« vergiftet. Amerika sei im Umbruch, aber nicht zum Guten. Es erlebe eine »Revolution von rechts«, die das Land »zerreißt«. Die »radikale Rechte« habe nicht nur das Weiße Haus erobert, sondern auch einen Großteil von Justiz und Medien. Ihre »Hegemonie verändert alles«. »Warum«, fragt Krugman ratlos, ein derart »radikaler Angriff auf unser politisches System«? Warum diese Unredlichkeit und intellektuelle Korruption? Warum diffamiert die Bush-Regierung ihre Kritiker oder verfolgt sie wie Staatsfeinde – zum Beispiel den Exdiplomaten Joseph Wilson, der die Kriegslügen des Weißen Hauses aufdeckte (Politik der Wahrheit , S. Fischer Verlag)?
Für Kritiker wie Krugman oder Lewis Lapham, den Herausgeber von Harper’s Magazine (Gag Rule, The Penguin Press), ist es kein Zufall, dass die politische Spaltung des Landes mit einer sozialen Verwerfung Hand in Hand geht. Die Armen werden ärmer, die Mittelklasse verliert an Boden, und der Reichtum der Superreichen sprengt alle Vorstellungen. Bushs »mitfühlender Konservatismus« sei eine Farce. Seine Steuersenkungen, darin ist man sich einig, kommen vor allem dem obersten einen Prozent zugute, also Haushalten mit mehr als 1,2 Millionen Dollar Jahreseinkommen. Zum Vergleich: Fast 39 Millionen Amerikaner fehlen ausreichende Mittel, um Grundbedürfnisse wie Unterkunft und Verpflegung zu befriedigen. 15 Prozent der Bevölkerung sind nicht krankenversichert.
Ginge es mit rechten Dingen zu, dann müsste diese Kritik am Verlust amerikanischer Tugend und am Zerfall der Gemeinschaft auch auf konservativer Seite Beifall finden. Doch viele Kritiker, wie etwa der Soziologe Norman Birnbaum mit seinem eindrucksvollen Buch Nach dem Fortschritt (DVA), zählen zum Lager der »Liberals«, und das macht sie im aufgeheizten Kulturkampfklima der Gegenseite von vornherein verdächtig.
Eine solche Ignoranz ist im Fall des Publizisten Kevin Phillips schon schwieriger. Er ist für das konservative Milieu ein harter Brocken, denn früher zählte er selbst einmal dazu. Phillips beriet Präsident Reagan und ist ein intimer Kenner der Republikanischen Partei, vielleicht einer der besten. Aber die »Gier« der Reagan-Jahren, die »Theologie« der Marktradikalen und die »Spekulationsexzesse« der Clinton-Ära haben ihn ins Grübeln gebracht. Ähnlich wie Samuel Huntington beschreibt Phillips Amerika als eine vom Verfall bedrohte Nation, deren »Wohlstandsdisparitäten an Lateinamerika« erinnern.
Doch anders als Huntington (Who are We, Europa Verlag) sieht Phillips die Ursache nicht im Mangel an nationaler Identität, sondern in skandalöser Ungleichheit. Korruption und neoliberale Deregulierung hätten zu einer »Reichtumskonzentration« geführt, die den Ausgleich zwischen Gemeinwohl und privatem Interesse zerstöre. Kein Land unter den großen westlichen Nationen weise so viel Ungerechtigkeit auf, ein solches Gefälle zwischen Arm und Reich. »Die Kluft zwischen den Reichen und allen anderen ist wieder so groß wie in den zwanziger und dreißiger Jahren.«
- Datum 25.02.2008 - 03:34 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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