Mein Chef ist ein Brüllaffe!" Natascha M., 33, sitzt beim Karriere-Coaching und schüttelt ihren Kopf so schnell, als wollte sie eine böse Erinnerung abwerfen. Zum Beispiel die, wie ihr Chef sie vor versammelter Mannschaft als "ungeduldig und eigensinnig" beschimpft hat. "Nur weil ich eine winzige Entscheidung getroffen habe, ohne ihn vorher zu fragen", sagt die Betriebswirtin. Dabei wollte sie doch in die Freiheit flüchten, als sie sich vor zwei Jahren um den Job in einem Familienunternehmen bewarb. Die Stellenausschreibung war gewürzt mit Vokabeln wie "Eigenverantwortung" und "kurze Entscheidungswege". Genau das Richtige, dachte sie. Aber davon, "dass man keinen Bleistift spitzen darf, ohne den Chef vorher zu fragen", war nicht die Rede.

Wer einen Chef hat, hat ein Problem. 88 Prozent der Arbeitnehmer klagen über Schwierigkeiten mit ihrem (Ex-)Vorgesetzten. So steht es in einer Studie des Geva-Instituts in München, das sich auf Unternehmens- und Personalberatung spezialisiert hat. Jeder Fünfte gab sogar an, den Chef zu "hassen". Mancher sucht schließlich wie Natascha M. Hilfe bei einem professionellen Berater.

Mehr denn je gelten Probleme mit dem Vorgesetzten unter Personalexperten als Kündigungsgrund und Motivationsbremse Nummer eins. Gegen die Führungskräfte, einst umschwärmte Kapitäne des Wirtschaftswunders, braut sich eine Meuterei zusammen. Das Murmeln der Mitarbeiter, das Lästern hinter vorgehaltener Hand, in Kaffeeküchen und Kantinen, schwellen an. Erst recht in Zeiten, in denen die Wirtschaft lahmt und die Macht der Gewerkschaften schwindet. Ein-Euro-Job, Nullrunde, Billiglohnländer, Einstellungsstopp: Mit jedem dieser Schlagwörter sinkt das Selbstbewusstsein der Mitarbeiter weiter in den Keller. Sie fühlen sich nicht mehr als wichtigstes Kapital der Firmen behandelt, nicht als "Aktiva in der Bilanz", wie es der Managementexperte Peter F. Drucker fordert – sondern als Kostenfaktor und Ballast, den man im Krisenfall schnell abwirft. Die Motivation bröckelt, die Empfindlichkeit wächst.

Unsicherheit herrscht auch auf der anderen Seite, bei den direkten Vorgesetzten. Oft stecken sie in einer Art Sandwich-Position. Von oben predigt die Geschäftsleitung das Sparen; von unten fordern die Mitarbeiter, dass Gehälter erhöht und Arbeitsplätze erhalten werden. Mancher Chef zerreibt sich zwischen diesen extremen Erwartungen, die beide Seiten an ihn stellen. Doch eine Entschuldigung sei das nicht, sagt zumindest Fredmund Malik. Der Leiter des Management Zentrums St. Gallen sieht das Führen als "Schlechtwetter-Beruf" und zieht gegen die ungelernten Chefs zu Felde. Gerade in schwierigen Zeiten hätten die Mitarbeiter ein Anrecht auf professionelle Führung. Chefs brauchten daher eine ebenso gute Ausbildung wir Chirurgen und Piloten. Schließlich übten sie einen Risikoberuf aus, den "wichtigsten Beruf einer modernen Gesellschaft".

Doch bis heute fehlt es an einer geregelten Ausbildung für Manager. Man macht Karriere, weil man Experte für Buchhaltung, Baumzucht oder Byzantinistik ist – aber nicht fürs Führen. Personal-Fachmann Laurence J. Peter hat in diesem Zusammenhang das so genannte Peter-Prinzip entwickelt: Jeder Beschäftigte klettert die Berufshierarchie so weit hinauf, bis er seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist. Wäre er es, würde er ja weiter befördert werden. "Die Schlagsahne steigt so lange hoch, bis sie sauer wird", meint Peter. Der Galgenhumor könnte kaum deutlicher sein.

Sauer ist auch Natascha M. "Immer nur Vorwürfe! Immer nur Gemecker, weil ich angeblich übers Ziel hinausschieße! Aber bis heute hat mein Chef nicht definiert: Was darf ich entscheiden? Und was nicht?" Seit der Umsatz bröckelt, sei er nur noch mit sich beschäftigt. Sie vermisse eine klare Marschrichtung und positive Rückmeldungen. Sitzungen würden erst geplant und dann wieder gekippt. Gespräche unter vier Augen fänden nicht statt. Da hätte sie auch gleich bei ihrem alten Arbeitgeber, einem großen Energiekonzern, bleiben können, sagt Natascha M. Schon dort sei sie an zu kurzer Leine geführt worden von einem "kontrollwütigen Vorgesetzten".

Die Kommunikation zwischen Cockpit und Mitarbeiter-Klasse ist in vielen Betrieben gestört. Das wurde auch deutlich, als das Kölner Forschungsinstitut Psychonomics den besten Arbeitgeber des Jahres 2003 gesucht hat. 123 mutige Unternehmen wagten die Teilnahme, 26.000 Fragebögen wurden verschickt. Das Ergebnis: 39 Prozent der Mitarbeiter fanden, die Führungskräfte würden ihre Erwartungen nicht klar definieren. 53 Prozent fühlten sich bei Entscheidungen nicht ausreichend beteiligt. Bei anderen Befragungen klagen Mitarbeiter darüber, dass ihre Chefs launisch sind, zu wenig loben, zu viel toben, manchmal sogar mobben.

Nur zwölf Prozent der Deutschen gehen gern zur Arbeit