Karriere Der Chef, dein FeindSeite 2/2

Die Folgen dieses Blindflugs bleiben zunächst gefährlich unsichtbar. Statt den Arbeitgeber zu wechseln, wie es in wirtschaftlich guten Zeiten üblich war, kündigen frustrierte Mitarbeiter mittlerweile auf andere Weise: innerlich. Längst haben Fluktuationsraten, deren Höhe früher schlechte Chefs verriet, keine Aussagekraft mehr. Wohin sollen die Mitarbeiter auch wechseln, ohne die Aussicht auf freie Stellen? Da züngelt kein Feuer aus dem Dach, da wuchert ein gefährlicher Schwelbrand. Wie groß der ist, davon gibt die jährliche Motivationsstudie der Unternehmensberatung Gallup eine Vorstellung. Danach sind lediglich zwölf Prozent der Deutschen am Arbeitsplatz »engagiert«; der Rest macht »Dienst nach Vorschrift«.

Allerdings: Die Mitarbeiter als Opfer, als Motivationsleichen im Keller ihrer Chefs, das sei nur die halbe Wahrheit, sagen Kenner der systemischen Psychologie. Denn wenn ein Chef und ein Mitarbeiter zusammentreffen, verhält es sich so, als wenn man zwei chemische Elemente zusammenschüttet: Es kommt zu einer Reaktion. Und wie die ausfällt, hängt von den Eigenschaften beider ab – des Chefs und des Mitarbeiters.

Auch bei Natascha M. ist das so. Hatte sie nicht schon damals bei ihrem Job im Energiekonzern das Gefühl, ihr Chef sei kontrollwütig? Warum holt sie das gleiche Problem am neuen Arbeitsplatz wieder ein? Kann es sein, dass sich die Vorgesetzten durch ihre manchmal etwas forsche Art überfahren fühlen? Macht sie sich selbst die Leine eng, indem sie immer wieder ihre Grenzen testet? Und ist der heftige Ruck, mit dem sie von ihren Chefs gebremst wird, eine direkte Folge der hohen Geschwindigkeit, mit der sie in die Entscheidungsfreiheit stürmen will?

Wie groß der eigene Anteil am Problem ist, lässt sich oft herausfinden mit der Frage, ob alle Kollegen die gleichen Schwierigkeiten mit dem Chef haben. Natascha M. stützt ihre Ellbogen auf den Tisch, legt ihr Kinn in die offenen Handballen. Grübelt. Dann räumt sie ein: »Viele können bei uns beschließen, was sie wollen – und den Chef kümmert’s nicht.« – »Haben Sie eine Ahnung, woran das liegt?«, fragt der Coach. Ihr Blick bohrt sich in die Tischplatte. »Bei denen ist er sicher, dass sie so wie er entscheiden.«

Am Ende der Beratung hat Natascha M. einen Plan. Sie will ihrem Chef die Angst vor einem Kontrollverlust nehmen, ein Gespräch unter vier Augen suchen, in dem ihr Entscheidungsrahmen definiert wird. Eine Regelung für Zweifelsfälle vereinbaren. Und sich schließlich ganz eindeutig dazu bekennen, dass sie ihn und seine Vorgaben respektiert. Einfach wird das sicher nicht. Aber vielleicht wird er ihr dann auch mehr Freiraum geben. Leise, wie laut gedacht, sagt Natscha M.: »Vielleicht hab ich ihn ja auch zum Brüllaffen gemacht.« Und schüttelt wieder ihren Kopf. Diesmal ganz langsam.

Vom Autor ist im Frühjahr das Buch »Die Geheimnisse der Chefs« bei Hoffmann und Campe erschienen

 
Service