Kino »Die Reise des jungen Che« Schön, schön, schönSeite 2/2

Warum nicht die Interrail-Fahrten des jungen Friedrich Merz?

Vor diesem Hintergrund müsste ein Film eigentlich zu verstehen sein, der erklären soll, wie der junge Che politisiert wurde – wo zwischen Panlateinamerikanismus und »indigenem Sozialismus« die Widersprüche liegen und welche Aktualität es hier jenseits melancholischer Blicke auf die Bucht von Havanna noch geben könnte. Er könnte Zusammenhänge zeigen, die bis heute Wert und Wahnsinn eines solchen erweiterten Befreiungsnationalismus prägen, und sie filmisch aus den Physiognomien dieser beeindruckten Bürgerkinder herausarbeiten.

Stattdessen landen wir aber erst mal in Lima. Hier gibt es einen sehr belesenen und freundlichen Arzt. In einem seiner Bücher findet Che eine Zeile über Lateinamerikas Weg zum Sozialismus. Mit dessen Erwähnung hat es dann aber auch sein Bewenden. Später auf den Höhen der Anden wird er seinen zweiten politischen Satz sagen und sich im Gespräch mit Ureinwohnern für eine Gesellschaft aussprechen, die die Besonderheiten der indigenen Kulturen in den Mittelpunkt stellt. Der Widerspruch zwischen beiden Positionen, die heute in der lateinamerikanischen Linken wieder eine große Rolle spielen, wird nicht mal angedeutet.

Aber um Positionen, Ideen, Diskussionen, verbalisierbares Interesse an der Welt geht es eh nicht. Ein Revolutionär muss in erster Linie schön sein. Und er muss für seine Revolution eine schöne Landschaft finden. Und schöne Frauen, die ihm dabei zuschauen. Doch halt: Kommt da nicht Bewegung in unsere beiden Helden? Sehe ich da nicht ein Lebenszeichen? Nun ja. They stay in character. Alberto will ficken, Che drängt es in ein Krankenhaus. Er muss schon wieder helfen.

Am Amazonas arbeiten sie in einer Lepra-Station. Der charismatische Asthmatiker Che weigert sich erstens, die Kranken mit Handschuhen anzufassen, und überwindet zweitens die Trennung zwischen Personal und leicht Erkrankten auf der einen Seite des Flusses und den schwer Kranken auf der anderen Seite mit einem beherzten Sprung ins Wasser. Wirklich gefährlich ist es dann doch nicht. In diesem dünnen Film geht es nämlich wirklich um nichts, nicht einmal um Abenteuer. Er bleibt an der Beiläufigkeit von Reiseerinnerungen hängen und kann sie nur sehr selten und dann ungeschickt mit einer im Nachhinein erworbenen »historischen Dimension« verknüpfen. Offensichtlich hatten der Regisseur und sein prominenter Coproduzent Robert Redford vor Geschichte und Politik große Angst. Warum nicht gleich ein offensiv belangloses Sujet, warum nicht die Interrail-Fahrten des jungen Friedrich Merz?

Dem schönen Che ist derweil ein Bart gewachsen. Wenigstens sieht er langsam aus wie er selbst. Von Politik hat er nicht mehr gesprochen, dafür viel an Krankenbetten gesessen und sehr menschlich auf vage angedeutete Szenen von Elend und Tod geschaut. Sein Hauptcharakterzug in diesem Film bleibt die Unfähigkeit zur Lüge. Immer muss er die Wahrheit sagen, und wenn er sich und seinen Freund damit in die Scheiße reitet. Es bleibt am Ende nicht viel mehr von dem asthmatischen Charismatiker als, wie es schon in dem schrecklichen Biermann-Text (nach Carlos Puebla) heißt, dass man bei ihm »immer durchsah«. Ach ja, »und Liebe, Hass, doch nie Furcht sah…« Wenn man doch wenigstens einmal Hass gesehen hätte.

 
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