china Aufstand der WeberSeite 2/2
Was aber folgt dann? Gehen die Tianwang-Arbeiter brav nach Hause, sobald der Staat Gewalt anwendet, oder müssen erst noch mehr von ihnen festgenommen werden? In Wirklichkeit stellt der Tianwang-Streik die kommunistischen Behörden vor ein neues Problem: Es sind diesmal nicht die Entlassenen bankrotter Staatsbetriebe oder mittellose Bauern, die, wie oft in den vergangenen Jahren, per Protest staatliche Almosen einfordern. Vielmehr streiken in Xianyang die in Lohn und Reis stehenden Arbeiter einer tadellosen Fabrik. »Völlig ungewöhnlich«, nennt daher Robert Monroe vom chinakritischen Hongkonger Gewerkschaftsinformationsdienst China Labor Bul letin die Vorgänge in Xianyang. »Diesmal haben die Streikenden echte Verhandlungsmacht«, so Monroe.
Auf den ersten Blick protestieren die 6000 Tianwang-Arbeiter, deren große Mehrheit Frauen sind, gegen die Umstrukturierungspläne der neuen Eigentümergesellschaft China Resources. Die zählt mit ihren 80000 Mitarbeitern und umfangreichen Aktivitäten im Kaufhaus-, Brauerei- und Textilgeschäft zu den größten Holding-Gesellschaften Chinas mit Sitz und Börsennotierung in Hongkong. Die Mitarbeiter von Tianwang sind im Prinzip nicht unglücklich, dass solch ein Unternehmen ihre Fabrik übernommen hat. Doch gibt es für die Übernahme eines ehemaligen Staatsbetriebs wie Tianwang Regeln der Pekinger Zentralregierung, die nach Ansicht der Streikenden nicht eingehalten wurden – wie etwa Entschädigungszahlungen an die Arbeiter, denen zuvor ein Teil des Eigentumsrechts am Betrieb zustand. Heute ist dies das Hauptanliegen der Streikenden, nachdem das neue Management von China Resources anderen Forderungen, wie zum Beispiel nach der Fortzahlung der Kranken- und Rentenversicherung, bereits nachgegeben hat. Bei den Zahlungen geht es um Millionen, von denen die Arbeiter vermuten, dass sie von China Resources bereits ausgezahlt wurden und illegal in den Koffern des alten parteinahen Managements verschwanden. Bei genauerem Hinsehen richtet sich der Streik gegen die Korruption in Betrieb und Partei.
Genau das aber können die Behörden nicht zugeben. Ebenso wenig wie sie die Erfolge des Streiks einräumen können, der aus ihrer Sicht illegal bleibt. Die Kommunisten in Xianyang stecken in einer Sackgasse, aus der unter Umständen nur noch Gewalt einen Ausweg verspricht. Tiananmen kann sich wiederholen. So wie der Kapitalismus in den vergangenen zehn Jahren in China neu erfunden wurde, naht nun auch die Neugeburt einer chinesischen Arbeiterbewegung. Die bisher zu beobachtenden Arbeitslosen- und Bauernproteste waren nur Aufstände des Lumpenproletariats. Der Fall Xianyang liegt anders, ebenso die kürzlich gemeldeten Demonstrationen von Wanderarbeitern in der ehemaligen Wirtschaftssonderzone Shenzhen bei Hongkong: Erstmals erheben die Arbeiter des aufblühenden chinesischen Kapitalismus Forderungen. Spricht sich das herum, darf noch einmal Napoleon zitiert werden: »Wenn China erwacht, wird es die Welt erschüttern.«
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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