wahl usa Nach der Wahl kommt die Schlacht
Wenige Stimmen werden über Amerikas Präsidentschaft entscheiden. Tausende von Anwälten rüsten sich, das Ergebnis anzufechten
Miami, Florida
Es ist Donnerstag früh, als der Neue seinen Einsatzort betritt. Die Tür öffnet sich, vor ihm liegt ein schäbiges Großraumbüro. Der Teppichboden ist fleckig, abgestoßene Büromöbel stehen herum. Auf den Tischen Broschüren: »Wählen gehen am 2. November!«, steht da in großen Lettern. »Dafür sorgen, dass jede Stimme zählt!« In der Ecke findet sich ein Klappstuhl. Der Neue nimmt Platz.
»Wer sind Sie?«, fragt jemand.
»Joel Freedman, Anwalt aus Washington, soeben eingetroffen.«
»Sehr gut. Die Chefin kommt gleich.« Nun hat Freedman Zeit, sich umzuschauen. Menschen gehen ein und aus. Die meisten sind schwarz und tragen ein Hemd mit dem Namen der Organisation: Voices for Working Families. Kleine Teams bilden sich. Gleich werden sie sich über die Arbeiter- und Einwanderer-Viertel Miamis hermachen. Zehntausende hat Voices als neue Wähler registriert. Nun wollen sie an jede Tür klopfen und an den Tag der Entscheidung erinnern. Wo Voices Wähler wirbt, scheint es keine Republikaner zu geben. 95 Prozent sind Demokraten. Nur formell überparteilich, ist Voices eher eine Basisorganisation von Demokraten und Gewerkschaften.
Joel Freedman, im Hauptberuf bei der Maurer-Gewerkschaft, hat eigens Urlaub genommen, »um die Rückkehr des alten Südens zu verhindern«. Als Bub hat er noch erlebt, wie Hotelgäste abgewiesen wurden, weil sie schwarz waren. Als junger Mann, wie Schwarze eingeschüchtert und an der Wahl gehindert wurden. Schließlich durchlitt er das Jahr 2000, als in Florida ein technisches Debakel vor allem Minderheiten um ihr Wahlrecht brachte – und George Bush nach knappem Wahlsieg und 36 Tagen juristischem Gerangel zum Präsidenten gewählt wurde. So sitzt Joel Freedman nun auf seinem Klappstuhl, den Schlachtruf der Demokraten auf den Lippen: »Nie wieder!«
10000 Juristen werden landesweit von den Demokraten stationiert
Ein ganzes Gewerkschafterleben lang war Freedman Wahlbeobachter, in Sambia und in Chile zum Beispiel. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er »kurz vor der Pensionierung noch zu Hause in Amerika aufpassen muss«. Im Ausland fragte er immer, ob der Machthaber die Wahlkommission kontrolliere. »Wenn die Antwort Ja lautete, haben wir die Wahl niemals für fair erklärt«, sagt Freedman. Und doch sind die Verhältnisse in Florida identisch, wo der Bruder des Präsidenten regiert und Vorgesetzter der Wahlleiterin ist.
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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