Seit ein paar Jahren geistert ein Zitat herum. Ein deutscher Manager (Mannesmann?) soll ein Mikrofon folgendermaßen belehrt haben: "Menschen? Das sind Kosten auf zwei Beinen."

Gut erfunden oder nicht, dieses deutsche Herrenmenschen-Aperçu trifft ziemlich genau, was den übrigen Landsleuten gerade durch den Kopf geht – dass jeder sein Dasein vorm Kostengericht der deutschen Wirtschaft rechtfertigen muss und dass die nächste Streichliste auch hinter seinem Namen vermerkt: "kann wegfallen".

Die Stimmungslage im deutschen Herbst 2004, anderthalb Jahrzehnte nach dem Mauerfall, im Jahr eins der ernsthaften Sozialstaatsreform, hat viele Verursacher. Es sind die Jobverlagerer, die ihre eigene Haut retten, die Regierung, der es an handwerklicher Sorgfalt beim Formulieren der Gesetzestexte gebrach, auch die Krisenverschärfer, in deren Augen Deutschland bereits Schauplatz einer gewaltigen Gerechtigkeitskatastrophe geworden ist, das Opfer der kapitalistischen Entzivilisierung.

Angst hat jedenfalls nicht nur der Arbeiter, nicht nur der Arbeitslose und der Sozialhilfeempfänger, sondern inzwischen auch der Mittelstand, das alte und das neue Bürgertum, der Spezialisierte ebenso wie der Talentierte, von der vorauseilenden Resignation des Uniabsolventen ganz zu schweigen. Wenn Menschen Angst haben, ist es ganz sinnlos, darüber zu spekulieren, ob ihre Angst berechtigt sei oder nicht. Sie ist eine soziale Tatsache, weswegen die schneidigen Verhaltensappelle der versammelten Deutschlandexperten, "Weg von!", "Hin zu!", "Da müssen wir durch!", auch so hohl klingen.

Denn was wollen solche Richtungsangaben bedeuten? Es gibt ja gar kein erkennbares Ziel in diesem Umbauprozess. Dass alles wieder so schön sozialwarm wie früher wird, glaubt keiner, auch Vollbeschäftigung und Wachstumsraten von fünf, sechs Prozent verspricht niemand mehr. 15 Jahre lang wäre Zeit gewesen, sich über das Zusammenleben in Deutschland zu verständigen, und das meint auch über das Wozu von Veränderungen, sofern sie überhaupt noch politischer Einflussnahme unterliegen: Wovor genau wollen wir uns schützen, welche Einflüsse von außen sind willkommen? Stattdessen ist inzwischen jede Bewegung im Gemeinwesen fragwürdig geworden, ätzender Missmut macht sich breit, flankiert von medialer Übertreibungskunst.

"Eine Ökonomie auf der Suche nach einem Sinn"

Der Mauerfall war seinerzeit mit der "Großen Lüge" beantwortet worden, alles könne immer so weitergehen. Schon 1990 war abzusehen, dass die Zeitläufte die gesamte Bundesrepublik zausen würden. Das Einheitsgerede krankte immer an seinem säuerlichen Retro-Ton. Es ventilierte nur Konzepte, die von Demografie und gesellschaftlicher Wirklichkeit längst überholt waren: Nation, mal mit mehr, mal mit weniger Leitkultur, Sozialismus, mal mehr, mal weniger renoviert, Ordoliberalismus für alle, wenn nötig auch ohne Unternehmer und Beitragszahler.

So gesehen, ist Schröders Pragmatismus ebenfalls ein Teil der Großen Lüge. Seine Reformen lindern vielleicht die Einnahmen- und Ausgabenmalaisen des Staats, aber letzten Endes beantworten sie nicht die Frage, um welcher Ziele willen wir die Folgen dieser Reparaturen hinnehmen sollen. Vor allem: Wo enden die Reformen? Macht sich in den Parteien noch jemand Gedanken über deren Dramaturgie, oder ist der Umbau bereits ein unkontrolliertes, selbstläufiges Geschehen?