Geschichte
Land der Träume
Das Tagebuch-Archiv Emmendingen bewahrt private Erinnerungen auf – auch die von DDR-Bürgern. Sie sind das Material für eine andere Sicht auf die Geschichte. Zwölf Bände steuerte der Fotograf Dietmar Riemann bei
Für viele Ostdeutsche ist die DDR zu einem Land der Träume geworden. Es sind Träume von Sicherheit und Aufgehobensein, von Freundschaft und Zusammenhalt. Einer Studie der Universität Jena zufolge gaben im vergangenen Jahr 57 Prozent der ehemaligen DDR-Bürger an, der Mauerstaat habe mehr gute als schlechte Seiten gehabt. Jeder Achte wünscht sich gar die Mauer zurück, wie aus einer jüngst vom in Auftrag gegebenen Umfrage hervorgeht. Vergleichbare Umfragen verzeichnen seit den frühen neunziger Jahren einen eindeutigen Trend: Je weiter die DDR in die Ferne rückt, desto schöner wird sie. Jeder dritte Ostdeutsche sah im August 2003 die des ZDF. Die anderen Sender zogen nach, mit Plaste-Eierbechern und Trabi-Paraden, mit romantischen Retrofilmen wie Markus Imbodens über die Schriftstellerin Brigitte Reimann und kurzweiligen Dokuserien wie (vom 8. November an in der ARD).
Aus dem Land aber, in das sich heute so mancher zurücksehnt, wollten damals nicht wenige Leute entkommen. »Im Traum stand ein strenger Zollbeamter vor unserer Haustür, um zu entscheiden, ob ein im Vorgarten stehender Pflaumenbaum, den ich unbedingt in den ›Westen‹ mitnehmen wollte, auch ausgeführt werden darf«, hat der Fotograf Dietmar Riemann am 18. Dezember 1987 in seinem Tagebuch notiert. »Nach einem schrecklichen Hin und Her entschied sich der Uniformierte endlich für ein Ja. Er stellte nämlich plötzlich äußerst befriedigt fest, dass der Baum ja schon 1925 gepflanzt worden sei und der DDR infolge seines Alters nur noch sehr wenig Ertrag bringen werde.«
Anfang 1986 hatte Dietmar Riemann seinen Ausreiseantrag gestellt. Er war damals 36 Jahre alt, nur wenig jünger als der Staat, den er verlassen wollte. Die endlose Zeit des Wartens, der Hoffnungen, der Ängste und Schikanen hat er in zwölf handgeschriebenen Tagebuch-Bänden dokumentiert: Da ist die Gängelung durch die Abteilung für innere Angelegenheiten, wo der »Ausreiser« Riemann alles wertvolle Umzugsgut zur Genehmigung einreichen musste. Da ist die allmähliche Entwurzelung und die Sehnsucht nach dem Westen, der für Riemann noch etwas so Abstraktes ist, dass er ihn in Anführungszeichen setzt. Und da ist das Gefühl, in diesem Staat zu nichts mehr nutze zu sein – wie ein alter Pflaumenbaum. Im Traum vom Zöllner und vom Pflaumenbaum schnurrt Riemanns Wartezeit zusammen wie in einem surrealen Film. Zugleich scheint im Bild des Pflaumenbaums aber auch die Idylle im Ostberliner Stadtteil Rahnsdorf auf, wo Riemann mit seiner Frau Marga und seiner Tochter Hella wohnte. »Hier ahnt man das Paradies«, schrieb er und ließ den Blick vom Schreibtisch hinaus in den Garten schweifen.
Ein halbes Leben später, in Riemanns neuer westdeutscher Bungalow-Wohnung in Mosbach am Neckar, gibt es nur eine mit Betonplatten gepflasterte Terrasse. Riemann sitzt im Sessel und kneift die Augen zusammen, als würde er etwas begutachten. Ein Vollbart umkränzt Kinn und Kieferknochen. »Aus Rache«, sagt er heute, habe er angefangen zu schreiben: um das DDR-Unrecht publik zu machen. Wie hätte er ahnen können, dass sechs Wochen nachdem er ausreisen durfte die Mauer fallen würde. Aber das Tagebuch sei auch ein Ventil gewesen, »für den Frust, den ich sonst nicht rauslassen durfte«. Nun endlich, im Herbst 2005, wird sein Tagebuch in der von der Birthler-Behörde herausgegebenen Reihe Biografische Quellen erscheinen, nachdem das Manuskript jahrelang im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen lag.
Sammeln, was sonst verloren geht: die Geschichten der einfachen Leute
Das Emmendinger Tagebucharchiv in Baden-Württemberg ist das einzige Archiv dieser Art in Deutschland. Entstanden auf Initiative der ehemaligen Stadträtin Frauke von Troschke, wurden private Aufzeichnungen aus ganz Deutschland gesammelt: Über 1000 Tagebücher, Memoiren und Briefwechsel lagern in gedrängt stehenden Metallschränken im Emmendinger Rathaus. Seit der Gründung 1998 kommen jedes Jahr rund 200 Besucher, um ihre Erinnerungen abzugeben – oder die ihrer Vorfahren. Der eine oder andere hat ein vergessenes Tagebuch auf dem Dachboden entdeckt, manchmal melden sich Universitäten, wenn sie interessante Quellenfunde gemacht haben. So bewahrt das Archiv, was sonst verloren geht: die Geschichte der »einfachen Leute«.
Neben Dietmar Riemanns Aufzeichnungen finden sich im Katalog rund 30 weitere Tage- und Erinnerungsbücher aus der ehemaligen DDR. Zu wenig, um eine repräsentative Alltagsgeschichte zu schreiben, aber genug, um neue Perspektiven zu gewinnen. Die Universität Freiburg plant derzeit ein interdisziplinäres Forschungsprojekt und will im Herbst 2005, zum 15. Jahrestag der Wiedervereinigung, Riemanns Fotografien ausstellen: Fotos von DDR-Schaufenstern sowie von »Mauern, Wänden, Zäunen und anderen Begrenzungen« – zwei Serien, die während der Ausreisezeit entstanden sind. Da prangen sozialistische Fortschrittsparolen auf bröckelnden Fassaden; auf einem verrammelten Laden steht in großen Buchstaben: »Es ist offen«. Lebens- und Herrschaftswelt überlagern sich auf diesen Bildern wie in den Tagebüchern Riemanns und jener anderen Autoren, die ihre DDR-Geschichten in Emmendingen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Damit stoßen sie in eine Lücke, die 15 Jahre nach dem Mauerfall noch immer im öffentlichen Diskurs über die DDR-Vergangenheit klafft.
Spätestens seit dem Aufkommen der Ostalgie-Welle wird die DDR wechselweise aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Einerseits richtet sich der Blick auf die Herrschenden, auf den Stasi-Apparat und die Clique der Politiker. Der andere Blick erfasst die DDR als Kuriosum. So wie die Mauerspechte sich willkürlich ihr Stück Geschichte aus der Berliner Mauer hackten, brechen sich die Medien nun einzelne Brocken aus der historisch gewordenen Lebenswirklichkeit: Mocca-Fix, Ampelmännchen, Spreewaldgurke. Aus dem Blickwinkel einer kapitalistischen Konsumkultur ersteht die DDR als schöne Illusion noch einmal auf – aus den Ruinen ihres Alltags. Totalitäre Herrschaft und entpolitisierte Lebenswelt: Es ist, als blicke man in zwei Rückspiegel, die völlig unterschiedliche Bilder zeigen. Das Leben in der DDR liegt wohl irgendwo im toten Winkel dazwischen.
Diese verborgene DDR lässt sich aus den Emmendinger Tagebüchern wenigstens teilweise rekonstruieren. Manchmal, notiert Dietmar Riemann, komme es ihm vor, als beschreibe er die DDR für einen Außerirdischen. Sein fremder Blick auf das Vertraute ist jedoch kein Kunstgriff, sondern Ausdruck seiner Lebenssituation: Mit dem Ausreiseantrag katapultierte er sich aus dem gewohnten Gang des Sozialismus hinaus. Plötzlich bewegte er sich frei schwebend zwischen Noch-Ost und Noch-nicht-West, wurde Teil einer verschworenen Gemeinschaft von Antragstellern, die sich als geheimes Erkennungszeichen weiße Fähnchen an die Trabi-Antenne banden. Riemann ist zum Fremden im eigenen Land geworden, er weiß, dass er jetzt beäugt wird, darum beginnt auch er genau hinzusehen.
So entwickelt er einen Blick für die kleinen Dinge: ein Wäschegeschäft, in dem zu Ehren des XI.SED-Parteitags die weißen »Einheitsbüstenhalter« mit einer Girlande aus DDR-Fähnchen durchflochten sind. Er entwickelt ein Gehör für die Sprache der DDR-Propaganda: »Leistung der Besten – Maßstab für alle«. Er entwickelt ein Sensorium für Stasi-Spitzel: »Sie sind nach standardisierter DDR-Mode gekleidet. An ihren Armen schlenkern kleine Handgelenktaschen oder ein Regenschirm, selbst wenn Regen nicht in Sicht ist.« Aber manchmal spielen die überreizten Sinne dem nervösen Beobachter Riemann einen Streich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1986 hält er den mit Hemd und Hose behängten Kleiderständer in seinem Schlafzimmer für einen Stasi-Lauscher: »Ich musste den ›Mann‹ erst betasten, um mich von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen.«
Erst als »Ausreiser«, sagt Riemann heute, wurde ihm bewusst, wie sehr der Staat das Private durchdrang, umgekehrt habe ihm seine Entscheidung zu gehen aber auch die Annehmlichkeiten des DDR-Lebens vor Augen geführt. Es war ein Nischendasein – geschützt, aber eng umzäunt. Riemann hat in der DDR als freier Fotograf gearbeitet, schaffte es, zumindest in kirchlichen Verlagen, auch Bilder zu veröffentlichen, die dem sozialistischen Fortschrittsideal zuwiderliefen – Bilder von Behinderten, verfallenen Friedhöfen, alten Menschen.
Im Westen hat er nun ein schlecht gehendes Fotostudio. Weil das Geld nicht reicht, fährt er dreimal die Woche Filme aus für ein Großlabor. Dietmar Riemann nimmt solche Schwierigkeiten gern in Kauf. Zu keinem Zeitpunkt habe er sich Illusionen über die Verhältnisse in der DDR hingegeben. Dieser Staat konnte ihn nie enttäuschen, denn Riemann hatte sich nie mit ihm identifiziert. Damit entging er jener Sinnkrise, in die zahlreiche DDR-Bürger nach der Wende stürzten.
Der Staat als Beschützer, die Ideologie als Liebesversprechen
»Unter diesem Himmel stirbt jeder langsam, aber ungeheuer sicher. Und das längst bevor er in die Grube fährt. Dieses Gesellschaftssystem, das im Verlauf der Zeit zu einem Krüppelwesen wurde und seine Machtvollkommenheit dazu benutzte, alle Untertanen zu Krüppeln zu machen, dieses Gesellschaftsgefüge tötet«, schreibt die Schauspielerin Veronika Schneider am 10. Juli 1981 in ihr Tagebuch. Wie Riemanns Aufzeichnungen lesen sich auch diese Notizen wie das Protokoll einer Auflösung. Doch während diese Erfahrung bei Riemann mit der Hoffnung auf eine, wenn auch ungewisse Zukunft verbunden war, glaubt Veronika Schneider schließlich an keine Alternativen mehr.
»Der Riss der Welt zwischen Kapitalismus und Sozialismus, das ist die vernichtende Gletscherspalte. Mit dem Kapitalismus kann man nicht leben. Mit dieser Art von Sozialismus nicht mehr.« Der »Riss« geht mitten durch Veronika Schneiders Biografie. Sie war SED-Mitglied, glaubte an »unsere Partei, der ich mich 1950 mit Haut und Haaren verschrieb«. Ihre allmähliche Einsicht während der sechziger und siebziger Jahre, dass diese Partei einen diktatorischen Staatsapparat aufgebaut hat, mündet in eine vernichtende Selbstanklage: »Ich habe weniger die Absicht, die entartete Gesellschaftsordnung anzuklagen, vielmehr mich selbst, mein Jasagertum.« Sie hat eine Zeit lang im Auftrag der Stasi ihre Kollegen bespitzelt. Sie hat in der Parteiversammlung geschwiegen, als im Mai 1968 die Panzer in Prag einrückten. Sie hat stets ihre Zweifel in Zweifel gezogen. Im Oktober 1988 attestiert sie sich, 64 Jahre alt, ein »verfehltes Leben«. Ihr Beruf als Schauspielerin am Berliner Ensemble erscheint ihr nurmehr als »Flucht vor der Realität.« Sie hatte Erfolg auf der Bühne, doch dieser Erfolg zählt für sie am Ende nicht mehr.
»Ein Thema zieht sich durch alle meine Aufzeichnungen: die Sehnsucht, einen Menschen, alle Menschen, eine Sache zu lieben. Eine Liebe, die zur Weltanschauung wird. Eine Weltanschauung, die zur Liebe wird.« So reflektiert sie im Frühjahr 1980 ihr Leben. 1967 hatte sie geschrieben: »Ich glaube, dass ein Kind allein schon daran erkennen muss, dass der Sozialismus die einzige lebenswerte Gesellschaftsordnung darstellt, weil es sich in jedem Falle gut aufgehoben fühlt. Weil es Vertrauen in die Vertreter dieser Gesellschaftsordnung empfinden kann.« Der Staat als Beschützer und Erzieher, die Ideologie als Glücks- und Liebesversprechen, die Gesellschaft als Familie: Hier artikuliert sich als Utopie, was – real existierend – zu einer »Diktatur der Liebe« pervertierte, in der Vertrauen gleichzeitig eingeklagt und permanent missbraucht wurde.
So war die DDR für viele ein Land der Träume. Es waren Träume von Sicherheit und Aufgehobensein, von Freundschaft und Zusammenhalt. Die Enttäuschung über das Scheitern des Sozialismus hat nach 1989 jedoch keinen Ort in der öffentlichen Erinnerung gefunden. Die sozialistischen Ideale wurden mit dem maroden DDR-Staat kurzerhand entsorgt. Die Biografien, die mit ihnen unauflöslich verwoben sind, verschwanden aus dem Blickfeld – und mit ihnen zuweilen auch die Bemühungen Einzelner, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.
In Dietmar Riemanns Bungalow-Wohnung in Mosbach steht in der Wohnzimmerecke noch immer die alte Kastenkamera, in der er damals den jeweils aktuellen Band seiner Aufzeichnungen versteckte. »Die Leute im Osten wollen im Nachhinein das alles nicht gewusst haben«, sagt er. »Stasi, Verhaftungen, Überwachung: Man konnte das aber wissen. Ich habe es gewusst.« Im Westen dagegen seien ihm wiederholt Leute begegnet, die immer schon gewusst haben wollen, was niemand wissen konnte: dass die DDR am Ende war. Nicht- wissen-Wollen und Immer-schon-gewusst-Haben. Beides hat Riemann veranlasst, sein Tagebuch einer Ausreise nicht schon 1989 enden zu lassen, sondern erst sieben Jahre später. So ist es auch zum Tagebuch einer Einreise geworden – in den, wie er sagt, »real existierenden Kapitalismus«.
Ausstellung
Dietmar Riemanns Bilderserien "Wände, Mauern, Zäune - und andere Begrenzungen" und "Schaufenster" zeigen die für den heutigen Betrachter zuweilen charmante Tristesse des DDR-Alltags in seiner traurigen Schönheit: leere Schaufenster, die vom Eingriff des Staates in das tägliche Leben zeugen, Mauern und Schilder, die vom Eingesperrtsein im Sozialismus erzählen. Bilder und Tagebuch stehen im Zentrum einer Ausstellung, die im Herbst 2005 in Freiburg i.Br. eröffnet wird und durch zahlreiche deutsche Großstädte in Ost und West wandert. Alle Bilder finden Sie außerdem in der Bildergalerie .
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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