Geschichte Land der TräumeSeite 3/3

»Ein Thema zieht sich durch alle meine Aufzeichnungen: die Sehnsucht, einen Menschen, alle Menschen, eine Sache zu lieben. Eine Liebe, die zur Weltanschauung wird. Eine Weltanschauung, die zur Liebe wird.« So reflektiert sie im Frühjahr 1980 ihr Leben. 1967 hatte sie geschrieben: »Ich glaube, dass ein Kind allein schon daran erkennen muss, dass der Sozialismus die einzige lebenswerte Gesellschaftsordnung darstellt, weil es sich in jedem Falle gut aufgehoben fühlt. Weil es Vertrauen in die Vertreter dieser Gesellschaftsordnung empfinden kann.« Der Staat als Beschützer und Erzieher, die Ideologie als Glücks- und Liebesversprechen, die Gesellschaft als Familie: Hier artikuliert sich als Utopie, was – real existierend – zu einer »Diktatur der Liebe« pervertierte, in der Vertrauen gleichzeitig eingeklagt und permanent missbraucht wurde.

So war die DDR für viele ein Land der Träume. Es waren Träume von Sicherheit und Aufgehobensein, von Freundschaft und Zusammenhalt. Die Enttäuschung über das Scheitern des Sozialismus hat nach 1989 jedoch keinen Ort in der öffentlichen Erinnerung gefunden. Die sozialistischen Ideale wurden mit dem maroden DDR-Staat kurzerhand entsorgt. Die Biografien, die mit ihnen unauflöslich verwoben sind, verschwanden aus dem Blickfeld – und mit ihnen zuweilen auch die Bemühungen Einzelner, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Anzeige

In Dietmar Riemanns Bungalow-Wohnung in Mosbach steht in der Wohnzimmerecke noch immer die alte Kastenkamera, in der er damals den jeweils aktuellen Band seiner Aufzeichnungen versteckte. »Die Leute im Osten wollen im Nachhinein das alles nicht gewusst haben«, sagt er. »Stasi, Verhaftungen, Überwachung: Man konnte das aber wissen. Ich habe es gewusst.« Im Westen dagegen seien ihm wiederholt Leute begegnet, die immer schon gewusst haben wollen, was niemand wissen konnte: dass die DDR am Ende war. Nicht- wissen-Wollen und Immer-schon-gewusst-Haben. Beides hat Riemann veranlasst, sein Tagebuch einer Ausreise nicht schon 1989 enden zu lassen, sondern erst sieben Jahre später. So ist es auch zum Tagebuch einer Einreise geworden – in den, wie er sagt, »real existierenden Kapitalismus«.

Ausstellung

Dietmar Riemanns Bilderserien "Wände, Mauern, Zäune - und andere Begrenzungen" und "Schaufenster" zeigen die für den heutigen Betrachter zuweilen charmante Tristesse des DDR-Alltags in seiner traurigen Schönheit: leere Schaufenster, die vom Eingriff des Staates in das tägliche Leben zeugen, Mauern und Schilder, die vom Eingesperrtsein im Sozialismus erzählen. Bilder und Tagebuch stehen im Zentrum einer Ausstellung, die im Herbst 2005 in Freiburg i.Br. eröffnet wird und durch zahlreiche deutsche Großstädte in Ost und West wandert. Alle Bilder finden Sie außerdem in der Bildergalerie .

 

 
Service