Peter EnsikatMein armer Vater

Peter Ensikat ist der bekannteste Kabarettist im Osten. Mit der Wende veränderte sich sein Leben, seine Liebe und seine Arbeit. Die Geschichte dieser Wandlungen beschreibt sein Sohn David Ensikat. von David Ensikat

David Ensikat, wie er seine Füße noch mal unter den Tisch seines Vaters stellt

Foto: Jens Passoth für ZEIT Leben

Als sie die Mauer bauten, war mein Vater 20, ungefähr so alt, wie ich war, als sie die Mauer aufmachten. Als mein Vater so alt war wie ich jetzt, 36, bekam er einen Brief, auf dem Umschlag stand der Absender: Ministerium für Staatssicherheit. Als sie die Mauer aufmachten, war mein Vater 48, zog sich in sein Haus zurück und wollte mit dem ganzen Trubel nichts zu tun haben. Ich war mittendrin im Trubel und freute mich.

Ich – der begnadet spät Geborene, heute Journalist und also einer, der die Dinge, gute oder schlechte, aufschreiben sollte, wie sie sind, ich habe Glück gehabt, möchte man meinen. Mein Vater – der im Krieg Geborene, einer aus jener Generation, über die man sagt, für sie sei der 9. November 1989 zu spät gekommen, mein Vater, der Satiriker und also einer, der das Schlechte in den Dingen suchen und auch noch Witze drüber machen soll: Mein Vater, die arme Socke?

Über mein Glück wollen wir hier nicht weiter reden, das ist zu offensichtlich. Reden wir über meinen armen Vater.

Mein armer Vater war ein Reisemuffel und ein Reisekader. Am Tag, an dem sie in Berlin die Mauer bauten, lag mein Vater in Leipzig im Krankenhaus. Warum? Weil er zuvor im Westen war!

Es war seine erste offizielle Westreise, er war beim Theaterfestival in Avignon. Meinem Vater, der armen Socke, wurden anlässlich dieses seines Reiseprivilegs seine zwei größten Makel sehr bewusst: Erstens – er kam aus der DDR. Dass das was Schlimmes war, ließen ihn alle Kollegen spüren, die sagen konnten, sie kämen aus »Deutschland«. Wahrscheinlich fanden sie es nicht so schlimm, dass er aus dem Osten »Deutschlands« kam, aber dafür umso mehr, dass er zum Osten DDR sagte, ganz ohne Anführungsstriche. Der zweite Makel: Mein Vater hatte kaum Westgeld. Auf der Rückfahrt hatte er gar keins mehr und trank deshalb Wasser am Eisenbahnwaschbecken. So verdarb er sich den Magen und lag im Leipziger Krankenhaus, als sie in Berlin die Mauer bauten.

War das alles wirklich so schlimm? Für die Sache mit der Mauer hatte mein Vater, der dem Sozialismus zugewandte, realistisch Weltfremde durchaus Verständnis. Ohne Mauer ging’s nicht weiter mit dem Sozialismus, und mit Mauer, so die Hoffnung, würden die Obersozialisten etwas lockerer. Das mit dem Krankenhaus war, das darf ich sagen, ein noch viel größeres Glück: Mein Vater lernte meine Mutter kennen. Sie gab ihm die zärtlichsten Spritzen.

So verdanke ich mein Dasein und mein Vater meine Mutter (von der er sich später undankbar wieder schied) dem gemeinen Umstand, dass dem Ostler im Westen das gültige Geld fehlte.

1961: Mein Vater muss ins Krankenhaus und trifft meine Mutter