ErzählungDie Geschichte vom Jungen, der keine Geschichten erzählen konnte

Eine Erzählung von Paul Maar, für die ZEIT geschrieben zum Vorlesen – nicht nur am bundesweiten Vorlesetag »Große für Kleine« von Maar, paul

Ich will von einem Jungen erzählen, der keine Geschichten erzählen konnte. Er hieß Konrad und wohnte in Redelburg am Inn. Wenn zum Beispiel Konrads kleine Schwester fragte: »Konrad, erzählst du mir eine Geschichte?«, antwortete er »Du weißt doch: Ich kann keine Geschichten erzählen.« Konrads kleine Schwester hieß übrigens Susanne. Manchmal konnte Susanne nachts nicht einschlafen und drehte sich so lange hin und her, bis ihr Bruder drüben im anderen Bett wieder wach wurde und flüsterte: »Jetzt schlaf doch endlich auch!« Aber wenn sie dann sagte: »Ich kann erst einschlafen, wenn du mir eine Geschichte erzählst«, antwortete Konrad bestimmt: »Du weißt doch: Ich kann keine Geschichten erzählen.« Konrads Eltern erzählten liebend gern Geschichten. Früher hatten sich sein Vater und seine Mutter kaum einigen können, wer den anderen zuerst eine Geschichte erzählen durfte. Deshalb beschlossen sie, dass mal der eine, mal die andere erzählen dürfe, immer schön abwechselnd. Zu diesem Zweck führten sie eine Liste. Hatte Vater eine Geschichte erzählt, schrieb Mutter mit dem Bleistift ein R aufs Papier, nach Mutters Erzählung malte Vater ein schönes rundes O. Das R und das O erklärt sich daraus, dass Konrads Vater mit Vornamen Roland hieß, seine Mutter Olivia. Neuerdings stand zwischen all den R und O manchmal ein winziges S. Das bedeutete »Susanne«. Konrads Schwester fing nämlich auch schon an, Geschichten zu erzählen, allerdings recht kleine. Aber sie war ja auch noch klein. Meistens hatten Vater und Mutter beim Frühstück einen Bleistift neben der Teetasse liegen, um gleich ein O oder R in die Liste eintragen zu können, wenn der andere eine Geschichte begann. Denn am liebsten erzählten sie während des Frühstücks. Besonders am Samstag oder Sonntag. Nun kann man ja nicht immer gleich erkennen, ob es sich um eine Geschichte handelt, wenn einer etwas sagt. Ein Satz wie: »Olivia, würdest du mir bitte mal die Erdbeermarmelade reichen?« ist noch keine Geschichte. Aber es kam vor, dass Vater dann mit dem Marmeladenglas in der Hand versonnen vor sich hin guckte und so anfing: »Das erinnert mich an meinen Großvater. Einmal, da war ich vielleicht acht oder neun, fragte Opa beim Mittagessen nach Erdbeermarmelade. Beim Mittagessen, wohlgemerkt. Wir dachten erst, wir hätten uns verhört, denn es gab Sauerbraten mit breiten Nudeln, wie immer am zweiten September…« Das führte natürlich dazu, dass Mutter sofort nach dem Bleistift griff und ein neues R in die Liste eintrug. Überhaupt führten alle Sätze, die mit »Einmal«, »Vor langer Zeit«, »Eines Tages« oder gar mit »Es war einmal« begannen, unverzüglich zu einem neuen O oder R auf der Liste. Seinen Eltern war es natürlich aufgefallen, dass Konrad keine Geschichten erzählen konnte, und sie grämten sich deswegen. Aber sie trösteten sich gegenseitig und sagten oft: »Es wird schon werden« oder »Manche Kinder entwickeln sich eben langsamer als andere« oder »Man darf ihn nicht drängen«.

Als Konrad zwölf Jahre alt war und immer noch keine Geschichte erzählen konnte, drängten sie ihn doch. Es war Samstagmorgen, die Familie saß am Frühstückstisch, da sagte Vater: »Vielleicht hat Konrad ja Lust, eine Geschichte zu erzählen.« – »Das wäre schön«, sagte Mutter. »Heute ist ein so gemütlicher Regentag.« Konrad sagte: »Ihr wisst doch: Ich kann keine Geschichten erzählen. Ich weiß einfach nicht, wie es geht.« – »Erzähl uns einfach, was du gestern erlebt hast«, schlug seine Mutter vor. »Gestern war ich in der Schule. Wir hatten erst Mathe, dann Deutsch, dann Bio und dann zwei Stunden Sport. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe Hausaufgaben gemacht. Dann habe ich noch ein bisschen am Computer gesessen, und später bin ich dann ins Bett gegangen«, sagte Konrad. Vater und Mutter blickten sich an und schüttelten den Kopf. Nein, das war keine Geschichte. »Versuch es mal so: Denk dir einfach irgendeine Geschichte aus«, sagte sein Vater. – »Einfach ausdenken? Ihr wollt, dass ich lüge?«, fragte Konrad empört. – »Nein, du sollst etwas erfinden. Das ist was ganz anderes«, sagte Vater. »Fang doch mal so an: Vor langer, langer Zeit…« – »Vor langer Zeit ist mir viel zu ungenau«, sagte Konrad. »Da müsste ich erst wissen, was du unter einer langen Zeit verstehst, Papa.« Seine Mutter sagte: »Dann versuch es doch mal mit diesem Anfang: Eines Tages…« – »Was heißt eines Tages?«, fragte Konrad. »Woher soll ich wissen, von welchem Tag du sprichst, Mama?« Konrads Mutter seufzte. Seine kleine Schwester Susanne kam ihm zu Hilfe. »Ich fange immer so an: Es war einmal eine Maus«, fing sie an. – »Spitzmaus, Hausmaus oder Wühlmaus?«, fragte Konrad, der sich in Biologie bestens auskannte. »Die Mäuse gehören zur Gattung der Nagetiere. Man unterscheidet zwei Gruppen, die echten Mäuse und die Wühlmäuse.« Nun seufzte auch sein Vater. »Er weiß wirklich nicht, wie man Geschichten erzählt«, sagte er leise zu seiner Frau. »Vielleicht sollten wir ihn mal zu Fräulein Muhse schicken«, flüsterte die Mutter. »Sie könnte ihm das Erzählen bestimmt beibringen.« – »Das würde ihn aber ziemlich anstrengen. Er ist nicht sehr sportlich«, sagte Vater leise. »Er wird es schon durchstehen«, flüsterte Mutter. »Wir schicken ihn zu ihr, ja?« Das hatte Konrad wohl gehört. Er fragte: »Wo wollt ihr mich hinschicken?« – »Konrad, du leidest darunter, dass du keine Geschichten erzählen kannst«, fing Konrads Vater an. »Und deswegen…« Konrad unterbrach ihn: »Ich leide kein bisschen. Ihr erzählt schon so viele Geschichten. Weshalb sollte ich da auch noch welche erzählen?« – »Hm«, machte Vater und sagte zu Mutter: »Vielleicht kannst du es ihm klarmachen.« Mutter gab sich einen Ruck, setzte sich kerzengerade auf, und sagte: »Konrad, du gehst auf der Stelle zu Fräulein Muhse, Calliopestraße 12, sagst ihr einen Gruß von deinen Eltern, und sie möchte dir bitte das Geschichtenerzählen genau so beibringen wie uns damals. Die Rechnung soll sie dann an Papas Adresse schicken.« – »Jetzt gleich?«, fragte Konrad. »Aber es regnet doch.« – »Du kannst ja einen Regenschirm mitnehmen«, sagte sein Vater. »Und zieh deine Jacke an!«

Konrad hatte sich vorgestellt, dass Fräulein Muhse eine junge Frau sei. Schließlich hatten seine Eltern sie Fräulein genannt und nicht Frau. Aber Fräulein Muhse, die ihm die Tür öffnete, war eine sehr alte Frau. Sie trug eine runde Brille, ihre Haare, die sie hinten zu einem Knoten gebunden hatte, waren weiß. An ihren dichten, immer noch dunklen Augenbrauen konnte man sehen, dass die Haare wohl einmal tiefschwarz gewesen waren. »Aha, da haben dich deine Eltern also zu mir geschickt, damit du das Erzählen lernst«, sagte sie, bevor Konrad auch nur ein Wort gesagt hatte. »Mach deinen Schirm zu und komm rein, Konrad!« Konrad wunderte sich: Woher kannte sie seinen Namen? Zögernd folgte er ihr ins Haus. Das Haus Nummer 12 hatte von außen recht klein gewirkt. Merkwürdigerweise war es innen viel größer. Konrad folgte der Alten durch einen endlos langen Flur zu einer schmalen Treppe. Die Stufen waren kaum breiter als ein Schulranzen. »Bring das Päckchen bitte hoch zu meiner Schwester«, sagte sie und drückte Konrad ein kleines Päckchen in die Hand. »Aber lass es nicht fallen, es ist sehr, sehr wertvoll.« – »Ich dachte, Sie wollten mir beibringen, wie man Geschichten…«, fing Konrad an. Fräulein Muhse unterbrach ihn. »Alles zu seiner Zeit, alles zu seiner Zeit«, sagte sie und deutet auf die Treppe. »Du gehst voraus!« – »Dahinauf?«, fragte Konrad und betrachtete unschlüssig die schmalen Stufen. »Ja, dahinauf!«, befahl Fräulein Muhse und ließ Konrad vorangehen. Als er schon mehr als hundert Stufen hochgestiegen war, fragte er: »Wie ist das möglich? Ich habe das Haus doch von außen gesehn. Da war es einstöckig. Wir müssen jetzt mindestens im siebten Stock sein.« Niemand antwortete. Er drehte sich um und merkte, dass er allein war. Fräulein Muhse war ihm nicht gefolgt. Konrad rief: »Hallo, Fräulein Muhse?« Während er unschlüssig dastand und nach unten blickte, öffnete sich neben ihm eine niedrige Tür in der Wand. »Da bipst du ja endlich!«, sagte eine heisere Stimme. »Nun krach schon und komm hier schwein!« – »Wollten Sie sagen, ich soll hier rein?«, fragte Konrad. Er streckte den Kopf durch die Tür. Im Raum dahinter war es so finster, dass er kaum etwas erkennen konnte. Im ersten Augenblick glaubte er im Dunkeln eine Eule zu sehen. Aber er merkte gleich, dass er sich getäuscht haben musste, denn Eulen waren nicht so groß wie er selbst und trugen auch keine Brillen. »Natürlich wollte ich das schlagen«, sagte die Stimme. »Mach gefühligst deine Uhren auf, wenn man was zu dir sackt.« – »Wer… wer sind Sie?«, fragte Konrad. – »Sei nicht so neuschmierig. Willst du mich vielleicht essig warten lassen?«, keifte die Stimme. »Die Kinder heutzuschlage haben keine Achtung mehr vor dem Ulster.« – »Entschuldigung«, sagte Konrad, bückte sich und trat durch die Tür. – »Gleich weht’s abwärts!«, kicherte die Stimme. »Schnute Reise!« Im selben Augenblick merkte Konrad, dass der dunkle Raum hinter der Tür keinen Boden hatte. Er stürzte in ein großes Rohr und fuhr in rasendem Tempo nach unten. Er versuchte sich an den Rohrwänden festzuhalten, aber sie waren zu feucht und zu glatt. Nach einigen Sekunden wurde seine Fahrt ein wenig gebremst, weil das Rohr Kurven und Schleifen bildete, sich verbreiterte und dann sogar einen kleinen Bogen nach oben vollführte. Es kam Konrad vor, als sei er im Bauch eines lebendigen Wesens, das ihn verschluckt hatte und ihn nun durch sämtliche Innereien nach unten beförderte. Und, dachte er, hoffentlich wieder nach draußen entließ. Kaum hatte er so gedacht, spuckte ihn das Rohr aus, direkt vor die Füße von Fräulein Muhse. »Was suchst du immer noch hier?«, fragte sie, während Konrad aufstand und sich die Feuchtigkeit von der Hose wischte. »Hab ich dir nicht gesagt, du sollst die Treppe hochsteigen?« – »Ich war doch oben«, protestierte Konrad. »Ach was, oben«, sagte sie. »Und was hast du mit dem Päckchen gemacht?« – »Ich muss es unterwegs verloren haben«, sagte Konrad. »Es ist nicht mehr da.« – »So, es ist nicht mehr da!« Sie blickte ihn durch ihre runden Brillengläser streng an. »Gib es zu: Du hast es aufgegessen!« – »Nein, ich weiß ja nicht mal, was drinnen war«, sagte Konrad. »Wieso drinnen?«, fragte Fräulein Muhse. »Es war natürlich leer. Wenn zum Beispiel ein Pfirsichkern drinnen gewesen wäre, hätte ich nicht gesagt: ›Bring das Päckchen hoch‹, sondern: ›Bring den Pfirsichkern hoch.‹ Das ist doch wohl logisch, oder?« – »Ich weiß nicht«, antwortete Konrad zögernd. – »So, du weißt nicht«, wiederholte sie. »Ich will’s dir noch mal durchgehen lassen.« Sie fasste in eine Tasche ihres schwarzen Kleides, holte ein Päckchen heraus und reichte es Konrad. Er hätte schwören mögen, dass es dasselbe war, das sie ihm schon einmal in die Hand gedrückt hatte. »Hier«, sagte sie dabei. »Bring das bitte hinunter zu meinem Bruder. Wenn du nicht hinaufsteigen kannst, dann schaffst du es vielleicht nach unten.« – »In den Keller?«, fragte Konrad. – »Unsinn«, sagte Fräulein Muhse. »Du findest ihn im Erdgeschoss.« Und da Konrad sie ganz verwirrt anblickte, sagte sie: »Wir sind hier oben im siebten Stock, das weißt du doch! Jetzt geh endlich!« Vorsichtig stieg Konrad die schmale Treppe hinunter. Nachdem er mindestens hundert Stufen hinabgestiegen war, endete sie. Konrad stand in einem düsteren Flur. Er rief: »Hallo?« Niemand antwortete. Ob der Bruder von Fräulein Muhse wohl so hieß wie sie? Konrad versuchte es mit einem »Hallo, Herr Muhse! Hören Sie mich?« Da öffnete sich die Tür neben ihm. »Natürlich schwöre ich dich. Ich bin doch nicht staub!«, sagte eine krächzende Stimme. »Komm schnell wein!« Der Raum hinter der Tür war dunkel. Konrad spähte vorsichtig hinein. Wenn Biber Zigarren rauchen würden, Brillen trügen und so groß wären wie ein zwölfjähriger Junge, hätte er das Wesen da drinnen für einen Biber gehalten. Das Biberwesen fragte: »Worauf kartest du noch? Komm endloch nein!« Einen Augenblick zögerte Konrad. Er wollte nicht wieder in ein Loch fallen. Aber dann sagte er sich, dass man nicht gut nach unten fallen kann, wenn man schon unten ist, und trat ein. Im selben Moment spürte er, dass er wieder nach unten stürzte. Noch einmal musste er den langen, dunklen Weg durch die Eingeweide des Hauses machen, bis es ihn schließlich ausspuckte, genau vor die Füße von Fräulein Muhse. Sie zog erst lange an einer dünnen Zigarre und sagte dann: »Wie ich dich kenne, hast du das Päckchen wieder nicht abgegeben.« – »Nein«, sagte Konrad. Mutig fügte er hinzu: »Ich bin ja auch nicht hier, um Päckchen abzugeben, sondern um das Erzählen zu lernen.« – »Wie soll ich einem Jungen, der nicht mal ein Päckchen die Treppe hochtragen kann, das Erzählen beibringen!«, sagte sie und pustete Konrad den Rauch ihrer Zigarre ins Gesicht. »Geh mal lieber nach Hause, du bist ein aussichtsloser Fall.« Sie reichte ihm seinen Schirm, und Konrad ging zur Haustür. »Fräulein Muhse, die Tür ist abgeschlossen«, rief er von da. – »Wer geht schon durch die Haustür!«, sagte Fräulein Muhse. »Hier, da durch!« Sie öffnete eine Tür in der Wand neben ihm. »Gute Preise und alles Hüte«, sagte sie, verbesserte sich aber gleich. »Ich wollte sagen: Gute Reise und alles Gute!« Sie gab Konrad einen kleinen Schubs, und wieder glitt er durch zahllose Windungen nach unten, bis das Rohrsystem ihn schließlich ausspuckte. Diesmal landete er nicht vor Fräulein Muhse, sondern erstaunlicherweise auf einem Gehsteig, direkt vor seinem Elternhaus.

Seine Eltern und Susanne saßen immer noch beim Frühstück. Da kam Konrad ins Zimmer gestürmt und rief: »Ich muss euch was erzählen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich erlebt habe…« Konrads Eltern blickten sich glücklich an. »Na also!«, sagte seine Mutter und trug ein großes K in die Liste ein.

Paul Maar ist einer der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchschriftsteller deutscher Sprache, Autor zahlreicher Bilderbücher, Funkerzählungen und Kindertheaterstücke. Er ist auch Illustrator. Zu seinen beliebtesten Werken gehören die Geschichten vom Sams, vom Träumer Lippel und vom kleinen Känguru. Paul Maar, der 1937 in Schweinfurt geboren wurde, erhielt viele renommierte Preise, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Österreichischen Staatspreis, den Brüder-Grimm-Preis und den Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk. »Kreuz und Rüben, Kraut und quer – Das große Paul Maar-Buch« mit Illustrationen von Verena Ballhaus ist eben beim Oetinger Verlag erschienen.

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