Juist klingt nach Wattwandern und Wassereis. Nach Sonne und Salzgeschmack auf den Lippen, kurz: nach einem Sommersehnsuchtsort, um den man, wenn es kälter wird, einen Bogen machen sollte. Es sei denn, man wohnt im Strandhotel Kurhaus Juist, das hier schlicht Kurhaus heißt und im Prospekt etwas mondäner "weißes Schloss am Meer". Ein unübersehbarer Klotz im Seebäderstil der Jahrhundertwende, wie ein gestrandeter Ozeanriese liegt er auf der laut Eigenwerbung "schönsten Sandbank der Welt", die an ihrer breitesten Stelle gerade mal 500 Meter misst. Die Kuppel leuchtet aus der Ferne bläulich wie eine zur Hälfte im Sand versunkene Glasmurmel. In ihrem Innern fühlt man sich wie auf einer Schiffsbrücke: rundherum eine Hand voll roter Backsteinhäuser, sonst nur Strand, Wasser und am Horizont die Inseln Norderney und Borkum.

Doch auch wenn das Kurhaus schon 1898 gebaut wurde, die Mini-Reichstagskuppel krönt es erst seit sechs Jahren, da wurde das Hotel komplett umgebaut und renoviert. 30000 Pferdefuhren waren notwendig, um Material und Möbel herbeizuschaffen und die Spuren von zehn Jahren Leerstand zu entfernen. Seitdem sind die 70 Zimmer großzügig und hell, mit gelben Sofas und Aquarellen im Goldrahmen. Die meisten davon haben Balkon, Kochnische und separate Wohn- und Schlafzimmer, was nicht zuletzt daran liegt, dass es eigentlich Ferienapartments werden sollten.

Wacht man morgens auf, ist der erste Anblick das Meer. So nah, dass man glaubt, direkt aus dem Bett hineinspringen zu können. Wo immer es möglich war, hat der Architekt die Betten direkt gegenüber den Fenstern aufgestellt, die vom Boden bis zur Decke reichen. Es ist viel zu schön, um aufzustehen.

Der Nachmittag ist die rechte Zeit, um die herrschaftliche Treppe in die Lobby hinabzustolzieren. Dann kann man in den Ledersesseln im Kaminsalon versinken, eine "ostfriesische Teezeremonie" auftragen lassen und danach, wenn es dunkel wird, unter gewaltigen Kronleuchtern im historischen "Weißen Saal" tafeln. Kneift man die Augen ein wenig zusammen, glaubt man sich in die Belle Époque zurückversetzt, hört Klaviergeklimper im Hintergrund, das Rauschen von Ballkleidern, sieht Brillanten glitzern. Auch wenn es dann nur die überaus emsige Bedienung mit blitzblank polierten Gläsern in der Hand ist – man fühlt sich trotzdem ein wenig wie in einem Schloss.

Es gibt keine Autos auf Juist, lediglich eine Fährverbindung am Tag, gerade mal 1500 Bewohner und eigentlich nur einen Grund, um das Kurhaus zu verlassen: den Strand. Ein Mann rollt gerade die letzten Strandkörbe ins Winterlager, ein paar einsame Urlauber mit gelben Regenjacken stapfen am Wasser entlang. "Schöne Luft", sagen sie. Wäre es nicht so kalt, man könnte fast einmal um die Insel wandern.

So geht man nach dem Strandspaziergang lieber zurück ins Kurhaus. Und steigt ins Wasser, in echtes, warmes Nordsee-Wasser aus einem nahe dem Ufer gebohrten Seewasserbrunnen. Man kann sich auch wie ein Wattwurm in Algenwickel rollen oder die Haut mit Algenpeelings und Algencremes einreiben lassen. Eine Sommerersatzkur. Man fühlt sich wie im Meer. Meerwasserkur heißt das hier schon seit zwei Jahrhunderten, seit ein paar Jahren sagt man auch auf Juist Thalasso dazu.

Juist, meinen die Juister, ist geradezu die Wiege der Wellness. Oder wäre es zumindest beinah geworden. Schlug doch vor immerhin 221 Jahren der Pfarrer Gerhard Janus seinem Landesherren Friedrich dem Großen vor, auf Juist ein Seebad zu errichten. Leider hielt der nicht viel vom Baden, und so wurde nichts daraus. Als man um 1840 dann doch mit bescheidenen Mitteln den Badebetrieb aufnahm, waren die Nachbarinseln Norderney und Borkum schon groß im Geschäft. Mit dem Bau des Kurhauses wollten die Juister gleichziehen. Es war zu seiner Zeit das wohl modernste und prächtigste Hotel an der Nordsee. Fürsten und Fabrikanten verbrachten hier ihren Sommerurlaub. Heute trifft man eher ruhebedürftige Großstädter, Brautpaare und Wellness-Urlauber. Doch während die Fürsten und Fabrikanten noch zum Meer gehen mussten, kommt das Meer jetzt ins Haus. Schade nur, dass man es noch nicht mitnehmen kann.