Der erste Schultag, September 1989, meine Klasse ist zum Appell angetreten. Wir stehen ganz still. Die Tür zur Aula öffnet sich, Carsten Krenz, der Sohn von Egon Krenz, und ein paar Jungen aus der Klasse über mir marschieren ein. Sie tragen grünliche Uniformen, schwarze Schnürstiefel, kehren aus einem dieser Wehrlager zurück, die meist in die Sommerferien fielen. Es ist ein schöner Tag, die Sonne spiegelt sich auf dem Parkett des Saales.

Ein paar hundert Kilometer südlich klettern in diesem Augenblick unsere Landsleute über Botschaftszäune oder laufen über die ungarische Grenze in den Westen. Unser Land liegt im Sterben. In der Aula formiert sich das letzte Kampfaufgebot der DDR, meine älteren Mitschüler. Die Szene hat etwas Unwirkliches, so als habe sich auf allem Staub abgesetzt. Wir, gefroren zu einem letzten Bühnenbild. Es ist dieses Bild, das mir als Erstes in den Sinn kommt, wenn ich an meine Schule denke, die Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Pankow.

Keiner aus meiner Klasse sagte etwas, ich glaube, wir haben uns nicht mal bewegt, nur geschaut. Vielleicht wandeln sich Erinnerungen aber auch über die Zeit. Es gab damals manche unter uns, die erschraken, manchen war es egal und es gab andere, die einen militärischen Aufmarsch am ersten Schultag für gottgegeben hielten. So ist es geblieben. 15 Jahre später können sich nur zwei Mitschüler an diese Szene erinnern. Es ist zu viel passiert.

Als wir an die Schule kamen, war die DDR fast tot. Wir waren 22 Schüler, 16 oder 17 Jahre alt, aus verschiedenen Bezirken, die zum Abitur für die letzten zwei Jahre an die Erweiterte Oberschule (EOS) "delegiert" worden waren. Und wir hatten nur eins gemeinsam: Wir stammten nicht aus der Arbeiterklasse. Warum, das blieb das Geheimnis der Schulrätin, die unsere Klasse zusammengestellt hatte. Die "Mischung" sollte stimmen. Es war, als hätte sie uns für ein soziologisches Experiment vorgesehen und uns nach größtmöglicher Unterschiedlichkeit ausgesucht: Kinder von Funktionären, Oppositionellen, Künstlern, religiös, atheistisch; DDR-gläubig, weniger DDR-gläubig, nicht mehr gläubig.

Den unauffälligen Michael hatten manche als Spitzel in Verdacht

Die "11 eins", das waren zum Beispiel: Therese, die Einzige von uns, die nicht in der FDJ war; meine Freundin Anna, die Intellektuelle, die für eine andere DDR kämpfte und unsere erste Klassensprecherin wurde. Katrin, die schon ein Kostüm trug. Matthias R., der der kleinen Johannischen Kirche angehörte und seinen Trabi Christel nannte; die stille Elisabeth und der noch stillere Henry, die am Ende der 12. ein Paar waren. Stephan, der ewige Rebell, der einmal die Republikaner wählen wollte. Helmut, der für die deutsche Einheit stritt und den man sich schon damals gut in einem Anzug vorstellen konnte. Der kleine Dirk, ehemaliger DDR-Meister im Turnen; Beate, die jeden Lurch retten wollte. Der unauffällige Michael, den manche als Spitzel im Verdacht hatten. Corinna, die noch an die DDR glaubte. Und ich, von der die anderen erzählen, dass ich mich schon am ersten Schultag mit dem Satz verabschiedet hätte, ich würde bald in den Westen gehen.

Wir waren die letzte Klasse, die ihr Abitur noch in der DDR begann und in einem anderen Land beendete. Inzwischen lebt eine von uns nicht mehr, drei sind nach Westdeutschland gezogen, eine nach England, eine aufs Land, eine ist nach Warschau zurückgegangen, alle anderen wohnen in Berlin. Nichts ist so geblieben wie damals, als wir uns in der Aula kennen lernten. Wie haben sich meine Mitschüler im neuem Land zurechtgefunden? Kann man an unserem Beispiel etwas über die jungen Ostdeutschen erzählen? Haben wir Gemeinsamkeiten?

Herbst 2004. Ich besuche Michael, der so gerne unauffällig war. Er wohnt in Berlin-Marzahn, Plattenbau. Vor seinem Haus trinken sich ein paar Frauen in knappen Röcken und Männer, die sich kaum noch aufrecht halten können, in den Abend. Aus einem Lautsprecher dringt Musik, krächzende Laute, die Anlage muss sehr alt sein. Luftballons schwingen hin und her. Ich weiß nichts von Michael. Ich habe in zwei Jahren Abiturzeit vielleicht drei Sätze mit ihm gewechselt. Corinna, eine Mitschülerin, die heute Geologin in Oxford ist, sagt: "Michael hättest du vor eine Tapete stellen können, er wäre darin verschwunden." Es stimmt. Michael war verdächtig unauffällig.