15 Jahre nach dem Mauerfall Ein KlassentreffenSeite 8/8
Sie hatte erzählt, wie seltsam ihr die Welt der Warenhäuser vorkomme, wie sehr sie die Auswahl zwischen 30 Jogurtsorten überfordere. »Ich will nur einen«, hatte sie gesagt. Es sah nicht aus, als würde sie viel brauchen, in ihrem Bad befand sich noch ein alter Ostfön. Beate hat keinen Fernseher, kein Handy, und auch das Internet benutzt sie nur in Notfällen. Sie hatte mich angesehen und gesagt: »Hör mal, wie die Kraniche rufen.« Die Situation hatte etwas Unwirkliches. In Wirklichkeit beobachtet sie, wie aus ihrem Dorf die Jungen verschwinden, es wird viel getrunken. In der Region hat die DVU fast sieben Prozent erreicht. Dieses Jahr wurde an ihrer freien Schule nur ein Mädchen für die erste Klasse angemeldet. Und als Lehrerin bemerkt sie, wie sich die Kinder verändern. Sie wollen, dass man ihnen sagt, was sie machen sollen. Das ist nicht in Beates Sinn. »Ich führe ein Leben wie eine Oma«, hatte sie mir zum Abschied gesagt. Ein paar Wochen später fragt Stephan sie beim Klassentreffen nach ihrer E-Mail-Adresse. Beate neigt den Kopf, da müsse sie erst einen bestimmten Stecker ziehen, das sei viel zu umständlich. Stephan betrachtet sie ungläubig, grinst: »Geh mal online Beate.«
Ich beobachte meine ehemaligen Mitschüler am Tisch. Äußerlich haben sie sich wenig verändert. Wenn wir zusammen sind, scheinen wir unsere alten Rollen zu spielen. Michael ist wieder sehr still, Henry und Lisa auch; Anna und Stephan reden unaufhörlich. Mir fällt auf, wie viel wir über Fonds, Versicherungen und Steuern sprechen. Was sagt das über uns und 15 Jahre Deutschland? Diese Klasse ist nicht repräsentativ. Wir haben fast alle studiert, kommen zum Großteil aus gut situierten Elternhäusern und leben in der Stadt. Wir haben bis auf eine alle Arbeit. Wir sind flexibel, mobil, agil. Wir sind längst im Westen angekommen, aber niemand fühlt sich darin vollkommen zu Hause.
Uns verbindet ein diffuses Ostgefühl einer gemeinsam geteilten Vergangenheit: Erinnerungen an Cola-Wodka in dunklen Clubs, Wehrkunde, Ferien in Ungarn. Wir sind sehr verschieden, und wir wissen, wie wir uns in einer Diktatur verhalten haben. Keiner von uns sehnt sich nach der DDR, wir sind glücklich, dass sie verschwunden ist. Manchmal kommt uns der Westen satt und sorglos vor, obwohl auch das nicht mehr stimmt. Eine gewisse Fremdheit wird bleiben. Wir haben gesehen, dass nichts sicher und für immer ist. Aber es gibt Träume: Beate wünscht sich ein altes Haus auf freiem Feld; Anna will Klavier spielen können. Matthias R. sehnt sich nach einer Frau; Lisa und Henry bekommen bald ein gemeinsames Kind; Stephan will eine Fotozeitschrift herausgeben. Asja hofft, dass ihr Freund bald wieder Arbeit findet; Dirk träumt von der eigenen Werbeagentur. Helmut wünscht sich, in seiner Bank mehr selbst entscheiden zu können. Katrin freut sich auf ihre Hochzeit im nächsten Jahr. Michael will einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok. Ich träume von einer langen Reise um die Welt. Und der massige Alexander St. wünscht sich, wie manche Kunden seiner Bank ein Jahr auszusetzen und zu segeln. Für ihn wird das wahrscheinlich schwierig. Er wird gerade gebraucht.
Am Ende des Klassentreffens rücken wir näher an Alexander St. heran und lassen uns beraten. Er hat auch eine Ausbildung als Versicherungskaufmann. Wir machen uns ziemliche Sorgen um unsere Rente.
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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