Ich blicke auf Israel wie auf ein Mädchen, das reifer wird

Wird der Krieg je ein Ende haben? Wie verzeiht man seinen Eltern? Was passiert, wenn Träume Wirklichkeit werden? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Amos Oz über seine Familie, über seine Heimat und über sein neues Buch »Eine Geschichte von Finsternis und Licht«

DIE ZEIT: In diesem Buch reden Sie zum ersten Mal über den Tod Ihrer Mutter. Sie nahm sich das Leben, als Sie zwölf waren. War es eine Therapie, in Eine Geschichte von Finsternis und Licht über dieses Geheimnis zu schreiben?

Amos Oz: Es war posttherapeutisch. Erst als ich in mir keine Wut mehr hatte, keine Wut mehr auf mich selbst, als ich in mir keine Bitterkeit mehr fand, konnte ich über meine Eltern so schreiben, als wären sie meine Kinder. In jenen Tagen, in denen diese Tragödie passierte, waren sie in dem Alter, in dem nun meine Kinder sind. Meine Mutter war damals 38 Jahre alt, jünger als meine Töchter heute.

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ZEIT: Haben Sie Erklärungen für diesen Tod?

Oz: Wenn jemand 780 Seiten lesen will, um herauszufinden, wer der Mörder ist, wird er enttäuscht. Ich habe nach keinem Grund und keiner Schuld gesucht, sondern nach der verlorenen Zeit, Les temps perdus, um mit Proust zu sprechen. Ich wollte mir alles noch einmal anschauen.

ZEIT: Ihr Vater bekommt aber ein wenig Schuld ab.

Oz: Ganz ehrlich, nein. Mein Vater war etwas kindisch und fantasielos, aber zugleich ein sehr sanfter und großzügiger Mann. Es gab eine Zeit, da war ich ihm sehr böse. Als ich dieses Buch schrieb, war das vorbei. Es geht um das Mysterium, wie eine Ehe von ganz und gar guten Menschen, die weder obsessesiv noch verrückt sind, kaputtgehen und ein so tragisches Ende nehmen kann.

ZEIT: Wäre alles anders verlaufen, wenn Ihre Eltern in Odessa hätten bleiben können, anstatt als jüdische Emigranten nach Palästina zu kommen?

Oz: Dieses Buch ist eine Tragikomödie über die Einwanderer. Nicht nur die jüdischen. Menschen kommen voller Hoffnungen in ein Gelobtes Land. Bald kommt Nostalgie auf für die alte Heimat, diese Gefühle werden zensiert. Die Menschen entdecken, dass die neue Heimat kein Paradies ist, und laden all ihr Gepäck auf die Schultern der nächsten Generation. Die Familie wird zum Kap Canaveral, das Kind die Rakete, die den Ehrgeiz der Familie zum Himmel tragen soll. Was mit meinen Eltern passiert wäre, wenn sie in Europa geblieben wären, das weiß ich: Sie wären heute tot. Aber ob ihre Ehe besser gewesen wäre, das ist fraglich.

ZEIT: Der kleine Amos, der damals noch Klausner hieß, war immer ein Außenseiter. Erst zu Hause, dann in seiner Geburtsstadt Jerusalem, später im Kibbuz. Ist das heute immer noch so?

Oz: Davon gehe ich aus. Aber ich habe nicht das kleinste Problem damit. Aus zwei Gründen. In meiner eigenen Familie bin ich kein Außenseiter mehr. Und was den Rest der Welt angeht, da habe ich die Wahl. Und ich will gar nicht zu 150 Prozent irgendwohin gehören. Ich beobachte gerne, ich höre zu, ich will nur zu 65 Prozent oder vielleicht auch nur 10 Prozent irgendwohin gehören.

ZEIT: Dann ist es ein Ironie des Schicksals, dass Sie als der israelische Schriftsteller schlechthin gelten?

Oz: Die Leute sind faul und brauchen immer irgendeinen Repräsentanten. Es ist aber ziemlich absurd, mich zu nehmen und zu glauben, Israel zu kennen.

ZEIT: Sie haben in Ihrem Buch das Wort Autobiografie vermieden, warum?

Oz: Weil es keine ist. Vieles darin ist Erfindung. Wenn ich zum Beispiel die Geschichte meines Urgroßvaters mütterlicherseits erzähle, der im Alter von 30 Jahren seine Ehe mit einem 12-jährigen Mädchen am Tag der Hochzeit vollziehen wollte, obwohl es doch eine reine Papierheirat hätte sein sollen, dann kann ich nur meine Gene konsultieren. Viele Dialoge in diesem Buch fanden statt, bevor ich geboren war, in Sprachen, die ich nicht kenne, oder wenn ich nicht im Raum war.

ZEIT: Wie konsultiert man seine Gene?

Oz: Ich versuche mich in jemanden hineinzuversetzen und mir vorzustellen, was ich an dessen Stelle denken, fühlen oder begehren würde. Ohne diese Fähigkeit lässt sich nicht einmal der einfachste Dialog zwischen Charakteren schreiben. Der Romanautor muss auf allen Seiten sein. Deshalb gibt es in keinem meiner Werke gute und böse Leute. Alles, was in dem Buch ist, ist Teil meines Lebens, aber nicht alles ist deshalb eine Lebensbeichte. Ich wollte die Linie verwischen zwischen Konfession und Fiktion, Dokument und Erfindung. Ich denke, alles im Leben ist eine Mischung aus beidem. Selbst wenn wir hier sitzen und reden, gibt es Dinge, die uns im Kopf herumgehen, aber nicht im Gespräch auftauchen.

ZEIT: Ihre Familiensaga, die in litauischen Dörfern und in Odessa beginnt und sich über 150 Jahre erstreckt, liegt unter dem dunklen Schatten Europas. Dabei hatten die Menschen, von denen Sie erzählen, Europa geliebt. Über Ihren Onkel heißt es, er sei ein überzeugter Europäer zu einer Zeit gewesen, als niemand ein Europäer war.

Oz: Ja, er und seine Familie waren ergebene Europäer. Sie liebten viele Sprachen, die Kunst, Kultur, Musik, Architektur, das gesamte Erbe von Europa, nicht nur das von Polen und Russland oder Deutschland. Aber sie lebten zu einer Zeit, als die einzigen Europäer in Europa die Juden waren. Man hat sie als Kosmopoliten abgestempelt.

ZEIT: Was damals ein Schimpfwort war…

Oz: …und von den Nazis wie von den Kommunisten benutzt wurde. An diesem Punkt trafen sich die beiden Vokabulare. Die schlimmsten Vokabeln für beide waren Intelligenzija, Kosmopolit und Parasit. Sie beschreiben meine Familie. Mein Vater hat mir einmal im Spaß erzählt, in der Tschechoslowakei gäbe es drei Nationalitäten: Tschechen, Slowaken und Tschechoslowaken, wir aber seien die Juden. Ich habe viele Jahre gebraucht, um die traurige Ironie zu verstehen. Man nennt das unerwiderte Liebe.

ZEIT: Sie gehörten nicht dazu…

Oz: Es ist, als sei meine Familie nicht mit der Titanic untergegangen, sondern als habe man ihre Mitglieder hinten vom Deck geworfen, während das Singen und Tanzen und Speisen immer noch weiterging. Dabei hatten einige von ihnen sozusagen mitgeholfen, die Titanic zu gestalten, sie geschmückt oder die Musik geschrieben und Rezepte für die Küche. Sie wurden trotzdem von Deck gestoßen. Dafür haben sie sich geschämt, wie ein Liebhaber, der zurückgewiesen wird und sich sagt: Mit mir muss etwas nicht in Ordnung sein.

ZEIT: Ein Teil Ihrer Familie hat sich vor dem Holocaust retten können und kam ins damalige Palästina.

Oz: Sie kamen aus kleinen Orten in der Ukraine und litauischen Dörfern, hatten zionistische Träume, riesige Erwartungen und wurden dann wachgerüttelt, gleich nach der Staatsgründung Israels 1948. Der berühmte Morgen nach der Euphorie. Es fehlten allein drei oder vier Millionen Dollar, um die Leute auch nur mit Brot zu versorgen. Es war wie die Entdeckung der Hausfrauenarbeit am Morgen danach. Meine Mutter hätte sich wahrscheinlich nicht mitten im Unabhängigkeitskrieg umgebracht, weil sie viel zu neugierig gewesen wäre, zu erfahren, ob ihr Sohn und ihr Mann überleben würden, ob es zu noch einem Völkermord käme. Aber in ihrem Todesjahr, 1952, herrschten Mangel und Langeweile.

ZEIT: Kurz danach sind Sie aus Ihrem Leben ausgebrochen. Mit vierzehneinhalb haben Sie, metaphorisch natürlich, Ihren Vater umgebracht, Ihren Namen geändert und sind in den Kibbuz gezogen. Ist die Transformation gelungen?

Oz: Sie gelingt nie. Ein altes Sprichwort sagt: Du kannst die Vergangenheit ignorieren, aber die Vergangenheit ignoriert dich nicht. Du kannst entweder davonlaufen oder dich umdrehen und auf sie zurückschauen, aber du kannst sie nicht ausradieren. Das ist etwas, das für beide, Israelis und Deutsche, sehr wichtig ist: Man muss nicht zum Sklaven der Vergangenheit werden, aber in diesem einen Teil Europas muss man niederknien und die Vergangenheit auf die Schulter laden. Dann kann man hingehen, wo immer man will.

ZEIT: Das alte Europa war auch in dem Kibbuz Hulda präsent. Sie waren aus einem Elternhaus voller Bücher dorthin geflüchtet und trafen im Kibbuz Leute, die Pioniere waren und zugleich Intellektuelle, die Gedichte lasen und beim Olivenpflücken über Kommunismus stritten.

Oz: Das ist ja der Witz. Diese Leute fuhren Traktoren und molken Kühe und waren zugleich diskussionsfreudig, sehr ideologisch ausgerichtet, jeder hatte seine oder ihre Formel, wie sich die Welt retten lässt. Und ich schwor mir damals: Ich werde nie mehr schreiben, ich werde nicht mehr masturbieren, ich werde eine neue Kreatur sein.

ZEIT : Israel ist jetzt 56 Jahre alt. Ist es heute erwachsen?

Oz: Ich blicke auf Israel, als wäre es ein junges Mädchen, denn ich bin älter als mein Land. Es ist noch nicht reif, aber es wird reifer. Ich weiß nicht, wie viel länger es noch braucht. In jedem Fall ist dieses Land jetzt nüchterner – im guten und im schlechten Sinn –, als es vor 20 Jahren war. Mehr und mehr Leute verstehen, was erwartet werden kann und was nicht und was der Preis dafür ist.

ZEIT: Das heißt, der Morgen danach dauert immer noch an.

Oz: Es liegt in der Natur eines jeden Traums, dass die Erfüllung hinter der Erwartung zurückbleibt. Israel ist ein wahr gewordener Traum und als solcher enttäuschend. Es konnte nie den Erwartungen gerecht werden, die die Gründungsväter und -mütter in es gesetzt hatten. So kam es zu dem Morgen danach und dem Morgen danach und dem Morgen danach. Ich habe kein Problem damit. Ich blicke nicht enttäuscht und schockiert auf die Träume zurück, sondern mit dem Lächeln eines erwachsenen Mannes, der weiß, dass die Welt keine Teenagererwartungen erfüllt. Weder die von Individuen noch von Nationen und Bewegungen.

ZEIT: Welche Träume sind erfüllt worden?

Oz: Die größte Genugtuung für mich ist, dass heute auf der Welt rund acht Millionen Menschen Hebräisch sprechen. Israelische Juden, israelische palästinensische Araber. Als ich ein Kind war, sprachen auf der ganzen Welt vielleicht 300 000 Menschen Hebräisch. In Jerusalem sprach damals jeder, der älter als 35 war, eine andere Sprache, entweder Jiddisch, Ladino, Ungarisch oder Russisch. Ich hatte als Zehnjähriger Angst, dass ich als Erwachsener eines Morgens aufwachen könnte und Jiddisch sprechen würde. So wie man Angst davor hat, graue Haare zu bekommen oder Falten im Gesicht.

ZEIT: Wir haben zuletzt vor der Wiederwahl Ariel Scharons geredet. Sie waren damals pessimistisch.

Oz: Ich bin es heute weniger. Ich kann zwar keinen Zeitplan für so etwas wie eine Hochzeit vorlegen. Aber ich denke, immer mehr Israelis wie auch palästinensische Araber wissen heute, was die Lösung des Konflikts sein wird – einschließlich jener Leute, die diese Lösung nicht mögen oder bereit sind, dagegen zu kämpfen. Die Lösung heißt: Zwei Staaten, mehr oder weniger entlang der 67er-Linien getrennt, ohne jüdische Souveränität über den Tempelberg und ohne eine massive Rückkehr der Palästinenser nach Israel. Die Patienten sind zur Operation bereit, wenn auch nicht glücklich.

ZEIT: Also Licht am Ende des Tunnels?

Oz: Hoffentlich. Ich sehe durchaus das tödliche Gefahrenpotenzial interner Konflikte, ich sehe Aufs und Abs, aber ich denke, der Konflikt zwischen Israel und Palästina beginnt allmählich durch Erschöpfung zu verblassen. Fanatiker sind natürlich nie erschöpft. Aber die Mehrheit auf beiden Seiten ist erschöpft, das ist nicht schlecht.

ZEIT: Sind die richtigen Männer am Ruder?

Oz: Es kann immer plötzlich jemand auftauchen, mit dem man nicht gerechnet hat. Die Menschen können sich manchmal selbst überraschen. Aber das ist ja das Schöne. Hätte einer in Frankreich geglaubt, dass ausgerechnet de Gaulle Frankreich aus Algerien rausholt? Und schauen Sie sich Gorbatschow an, er war ein Produkt des Systems und wacht eines Morgens auf und demoliert dieses System, das ihn geschaffen hat. Ariel Scharon hat mich zumindest in einem überrascht, er hat seine Sprache geändert. Man müsse Siedlungen abbauen, das sind Worte, mit denen er vor 20 Jahren bei den Linken rausgeflogen wäre. Alles hat ein Ende. Und ich hatte oft geglaubt, dass es nie enden würde.

ZEIT: Was kann Europa beitragen?

Oz: Ich bin das Kind von Leuten, die aus Europa rausgeworfen wurden, obwohl sie es geliebt und vielleicht sogar dazu beigetragen haben, dass die Vorstellung eines vereinten multikulturellen Europas entstehen konnte. Europa muss beiden Seiten ernsthaft helfen und darf nicht mit dem Zeigefinger herumwedeln oder Noten verteilen.

ZEIT: Wie könnte solche Hilfe aussehen?

Oz: Wir brauchen Pläne für die Wiederansiedlung von 600 000 bis 700000 palästinensischen Flüchtlingen im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Und wir brauchen Sicherheitspläne für ein Israel nach einer Zweistaatenlösung. Solche Pläne können alles enthalten: von einer Aufnahme Israels und Palästinas in die Nato bis zur Wirtschaftshilfe, um die Krise zu meistern, die durch die Evakuierung der Siedlungen entstehen könnte. Aber was Israel am allermeisten brauchen wird, ist eine emotionale Versicherung. Denn wir fühlen uns als Geächtete, verflucht und gehasst. Ein solcher Rückhalt würde keinen Pfennig kosten, nur Empathie. Dazu muss man nicht mit der israelischen Politik einverstanden sein oder mit Scharon, da muss man nicht die Siedler feiern. Aber ein europäisches Mitgefühl für die heutige schwierige Lage Israels könnte den Moderaten und noch Tauben hier helfen. Das wäre eine Hilfe aus Europa für beide Seiten.

Das Gespräch führte Gisela Dachs

Auf die Fragen, was die Hölle ist und was das Paradies, auf diese Frage aller Fragen gibt Amos Oz in seinem Familienroman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis eine der überzeugendsten Antworten der Menschheitsgeschichte: »Das ist doch alles nur im Inneren. Bei uns zu Hause.« So einfach: »Ein wenig Bosheit – und der Mensch bereitet dem Menschen die Hölle. Ein wenig Mitgefühl, ein wenig Großzügigkeit – und der Mensch bereitet dem Menschen das Paradies.« Oz, der 1939 in Jerusalem geboren wurde, erzählt in diesem beeindruckenden Werk die unglückliche Geschichte seiner Eltern, die 1952 mit dem Selbstmord der Mutter endete, erzählt die Geschichten der Großeltern, Onkel und Tanten, die in Israel eine neue Heimat fanden und Europa aus ihren Herzen und Buchregalen nicht vertreiben wollten. Wie nebenbei entfaltet sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts, gesehen mit den Augen, dem verzweifelten Humor und der ansteckenden Herzlichkeit einer jüdischen Familie.

Eine Geschichte von Liebe und FinsternisRoman | IsraelBelletristikRoman; aus dem Hebräischen von Ruth AchlamaAmos OzBuchSuhrkamp Verlag2004Frankfurt a. M.26,80764Ruth Achlamahebräisch
 
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