Roman

Ein Irrgarten der Erkenntnis

In Jürgen Beckers schillerndem Tagebuchroman äsen die Rehe und lärmen die Flugzeuge

Verteufelt schönes Buch! Man setzt sich, wie der Erzähler in seinem Garten, in den Liegestuhl und schaut mit ihm in die Landschaft. Wolken ziehen. Vögel balgen sich an dem auch im Sommer (um sie zu beobachten) gedeckten Futterplatz. Leiser Lärm vom Flugplatz Köln/Bonn. Im Tal die Leuchtreklame vom Chemie-Klotz Leverkusen.

Wer kennt sie nicht, die rheinische Berglandschaft, eine letzte bäuerliche Hochlandinsel vor dem Ansturm der wie Krebs wuchernden Zersiedelung und Verstädterung, die Jürgen Becker seit Jahren in Vers und Prosa dokumentiert. Der Dichter und langjährige Literaturredakteur des Westdeutschen Rundfunks, der sich vor Krach und Geschwätz von Stadt und Sender aus Köln auf einen alten Bauernhof im Bergischen Land gerettet hat, nimmt uns seit Jahren mit in seine Landschaft.

Seine Landschaft? Solche Sicherheit untergräbt der Erzähler in seinem »Journalroman« genannten, zwischen Tagebuch, Erzählung, kunsttheoretischen Notizen schillernden neuen Buch. Fahren wir nicht mit ihm, im selben Satz, nach Brandenburg, ins Mecklenburg von Uwe Johnson, gar – im 40 Seiten langen Mittelteil – nach Griechenland, in die Bucht von Kapsali? Da wird ein Achim, wenn man ihn umgekehrt liest, zum Micha – und alle Liegestuhlgewissheit geht verloren.

Dieser Erzähler, ein Träumer, ein in der Erinnerung oft mehr als im Augenblick lebender Dichter, lullt sich – und uns – gern ein. Er sollte arbeiten. Pflicht jedes deutschen Mannes, wenn er, wie Becker, 1932 geboren ist. Aber er will nicht – und entdeckt, im Tagtraum, im geduldigen Blick aufs Leben, in die Natur – und in der so erschlossenen Pforte der Rückschau eine neue Quelle für ein Erzählen, das die Vergangenheit beschwören und die Zukunft lebendig machen kann.

Natürlich wird auch berichtet vom Ausbau des Dorfs zu einer Vorstadt, von der Ablösung einer Kreuzung durch einen Verkehrskreisel, vom unumgänglichen Karneval, wobei »der junge Bestattungsunternehmer«, auf alt-gut barocke Art lebensfroh, »jedes Jahr den Karnevalsprinzen abgibt« und vom unverwüstlichen Ritual ländlicher Begräbnisse, samt »Reue-Essen, wie die Alten sagen«.

Doch wäre niemand zum Kern des Buches vorgedrungen, der es – nur – als wunderbar genaue völkerkundliche Studie der so rasanten wie brutalen Zerstörung alter deutscher Landschaft und Kultur wahrnimmt. Der da schaut und denkt und träumt und sich erinnert, also nach den Kriterien der Kinsey-Kreuzchen-Macher »nichts« tut, schreibt – insgeheim – an einem ganz anderen Buch: an einer kleinen Kunsttheorie, an der eigenen Biografie als Schreiber. Das erst macht den Reiz dieses »Journalromans« aus.

Da sitzt einer im Garten oder am Fenster und schaut; heißt Jürgen – und plötzlich Jörn –, ist aber noch im selben Körper: Das romantische Doppelgängerthema schlägt Jürgen Becker, der schon in früheren Büchern mit einer anderen Lautform seines Namens gespielt hat, hier auf neue Weise an.

Jürgen oder Jörn: Dahinter steht der alte griechische Georg, der Landmann, Bauer der lateinische agricola. Und was lernen wir aus dem Namenslexikon: »Gegensatz ist Urban = der Städter.« Der da im Garten sitzt, auch mal den Rasenmäher bewegt, ist beides zugleich: Städter – auf dem Land. Mit den Füßen auf der Scholle, mit dem Kopf in den Wolken; mit wachen Augen in der Landschaft, mit den Augen des Geistes im Land der Erinnerung.

Eine Beobachtung im Gras, ein Ton, ein Geruch – schon knüpfen sich daran Momente von früher. So entsteht ein Gewebe aus genau gesichteter Gegenwart und gefühlter, geschmeckter Vergangenheit. Beckersche Identitätsgründung durch Wiedervereinigung der beiden auseinander driftenden Möglichkeiten eines schreibenden Künstlers: des schauenden und des träumenden, des hell die Gegenwart wahrnehmenden und des gern in den Dämmer der Vergangenheit zurücktauchenden. Becker findet für diese Doppelung, diese ewige Wiederholung im Lebenslabyrinth ein so banales wie kräftiges Bild: »An der Haltestelle, die auf freiem Feld lag, stieg der Mann, der vorne aus dem Omnibus geklettert war, hinten wieder ein.«

Wir lesen also ein Tagebuch von Stunden auf dem Land – und finden uns in einem schön verwirrenden Roman. Wir vertiefen uns in einen Doppelgängerroman (»Micha = Achim«, »Jürgen = Jörn«: »Wie heißt er denn nun wirklich?«) – und werden gelockt in einen verführerischen Irrgarten der Selbsterkenntnis.

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  • Von Rolf Michaelis
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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