biomedizin Im Paradies der Stammzellzüchter
Im Westen wird die Forschung an Embryonen geächtet. Doch die Wissenschaftler finden Asyl. Ein Besuch in Singapur und Japan
Wenn Philip Yeo bei seinen Zuhörern Bestätigung sucht, ruckt sein Kopf leicht nach vorn, und die Zunge schiebt sich durch die Lippen. Sein Gesicht kommt kaum zur Ruhe, so drängend preist er das Projekt seiner staatlichen Wissenschaftsagentur A*Star an. Yeo ist der gute Geist hinter Biopolis, einem weitläufigen Zentrum für biomedizinische Forschung in Singapur. Hier versammeln sich Genom- und Stammzellforscher, Nanomediziner und Vertreter vieler anderer biomedizinischer Disziplinen. Der Vorsitzende von A*Star sucht weltweit nach den besten Köpfen für die im vergangenen Jahr eingeweihte Wissenschaftsstadt. »Ich bin sozusagen ein Elefantenjäger«, sagt Yeo, grinst und lässt schon wieder die Zunge spielen.
Wissenschaftler von Weltrang wie Alan Colman, der gemeinsam mit Ian Wilmut dem Klonschaf Dolly zum Leben verhalf, oder Axel Ullrich vom Max-Planck-Institut für Biochemie in München sind Yeos Ruf aus gutem Grund gefolgt. Nachdem die Bio-Tech-Blase geplatzt ist, geizen die Risikokapitalgeber in vielen westlichen Staaten mit Zuwendungen. Reihenweise gingen und gehen Start-up-Firmen pleite. Und dann bremsen noch die Ressentiments von Regierungen und Bevölkerung die Forschung an den Stammzellen.
Erst vergangene Woche forderte George W. Bush vor der UN-Versammlung das weltweite Verbot des therapeutischen Klonens. Auch auf John Kerry setzen die Forscher keine großen Hoffnungen. Kevin Knobloch von der amerikanischen Vereinigung besorgter Wissenschaftler mutmaßte jüngst, dass antiwissenschaftliche Tendenzen in den USA unabhängig vom gewählten Präsidenten anhalten würden.
Also zieht die Karawane der Wissenschaftler und Pharmaunternehmen weiter nach Osten, in freundlichere Gefilde. Singapur hat beschlossen, das therapeutische Klonen zuzulassen, und Japan hob vor zwei Monaten ein dreijähriges Moratorium gegen das therapeutische Klonen auf.
Wayne Mitchell ist einer der Emigranten in die schöne neue Bio-Tech-Welt Singapur. Der Bioinformatiker ging mit einer kleinen Firma in Kalifornien pleite. In den USA sei die Aufbruchstimmung vorüber, sagt Mitchell. Jetzt sitzt der Wissenschaftsnomade in einem der neuen, glänzenden Biopolis-Gebäude, gleicht umfangreiche Gendatenbanken miteinander ab und findet alles nur noch »cool«. Cool die vielen neuen Geräte, die hinter den Glasscheiben glänzen, und cool die schier unbegrenzten Möglichkeiten. Mit Risikokapital muss sich hier niemand herumschlagen. In Singapur zahlt der Staat, und zwar langfristig. Es scheint so, als habe das hochgelobte Erfolgsmodell der Risikofinanzierung ausgedient.
Singapur betört den willigen Forscher schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt. Makellos geschorener Rasen, adrette tropische Baumreihen und blitzsaubere Straßen. In diesen botanischen Garten lockt Yeo die wissenschaftliche Elite für ein, zwei Tage und hofft, dass sie sich verführen lässt. Es sei nicht das Gehalt, das die Topforscher anzöge, sagt Yeo, das sei so hoch wie in den USA. »Die Wissenschaftler bekommen genügend Geld für ihre Projekte, das ist der Schlüssel.« Den 1200 Forschern in der Biopolis fehlt es in dieser Hinsicht an nichts. Für die nächsten fünf Jahre steht umgerechnet eine Milliarde Euro zur Verfügung. Das Projekt genießt in der Regierung hohe Priorität. Das verantwortliche Economic Development Board (EDB) ist dem Handels- und Industrieministerium unterstellt und nicht dem Bildungsministerium.
Die bereits fertig gestellten sieben Gebäude der Biopolis sind über geschlossene Brücken miteinander verbunden. Niemand muss die klimatisierten Flure verlassen und hinaus in die drückende, schwül-warme Luft. Auch für die Unterbringung der Forscherkinder ist gesorgt. »Wir können es uns nicht leisten, Frauen für 500000 Singapur-Dollar auszubilden und sie dann nicht arbeiten zu lassen, wenn sie Mütter werden wollen«, sagt Yeo. »Das kann vielleicht ein reiches Land wie Deutschland tun.«
Der biomedizinische Aufbruch in Singapur ist ein Kunstprodukt, eine akademische Tradition auf diesem Gebiet fehlt. Umringt von Indonesien und Malaysia, die billiger produzieren können, muss sich der Stadtstaat mit seinen rund vier Millionen Einwohnern ständig neu erfinden. Nach dem Boom der Elektronik und dem Ausbau der chemischen Industrie – ebenfalls von Yeo eingefädelt – versucht Singapur jetzt einen weiteren Markt zu erschließen. Medikamente sollen hier nicht länger nur hergestellt, sondern auch erdacht und getestet werden.
Yeo hofft, dass in den Labors der Biopolis eine kritische Masse entsteht, dass die Idee irgendwann zündet und sich selbst trägt. Noch ist er auf internationale Hilfe angewiesen: 75 Prozent aller Wissenschaftler in der Biopolis sind Ausländer, die meisten schon etwas älter. Aber Yeo fördert auch den heimischen, jungen Nachwuchs, der sich bisher lieber zum Ingenieur ausbilden ließ. Wissenschaftler mit starkem Ego habe er reichlich, sagt Yeo. »Ich brauche Sklaven«, feixt er und buchstabiert mit dem Filzstift auf der Wandtafel »S-L-A-V-E«. 150 Studenten lassen sich zurzeit in den USA und 50 in Großbritannien ausbilden – auf Kosten des Hauses, versteht sich. »Nach dem Studium haben sie einen Job. Garantiert«, verspricht der Manager.
Auch Axel Ullrich arbeitet seit vier Jahren als Berater an dem visionären Projekt. Im Moment baut der Chef des Max-Planck-Instituts für Biochemie in München in der Biopolis eine eigene Arbeitsgruppe für neue Krebstherapien mit vier deutschen Wissenschaftlern auf. Ullrich war selbst an der Gründung des großen amerikanischen Bio-Tech-Unternehmens Genentech beteiligt. »So etwas wie hier habe ich noch nie erlebt, noch nicht mal in den USA und sicher nicht in Deutschland«, sagt Ullrich. Er kooperiere aus reiner Abenteuerlust. »Einfach weil mich der Tatendrang solcher Leute wie Philip Yeo ungeheuer beeindruckt.« In Singapur würde schnell und effizient entschieden, in seiner Heimat nicht. In Deutschland sei eigentlich viel öffentliches Geld für die Forschung vorhanden. »Aber das wird ineffizient nach dem Gießkannenprinzip verteilt.« Die neuen Absichtserklärungen zu einer Eliteförderung hält Ullrich für Lippenbekenntnisse.
Die Biopolis ist ein großes soziokulturelles Experiment. Niemand weiß, ob sich Erfolg und Kreativität erzwingen lassen. Im tiefgekühlten Konferenzraum eines Biopolis-Turmes äußert sich Axel Ullrich denn auch skeptisch über den ehrgeizigen Plan. »Man kann nicht eine Wissenschaftskultur, wie sie in Europa oder den USA seit Jahrhunderten existiert, aus dem Nichts entwickeln«, sagt Ullrich. »Die Biopolis ist eher das Vorzeigeobjekt, mit dem große Pharmaunternehmen angelockt werden sollen.« Am Ende aber, da ist sich der Molekularbiologe sicher, werde Singapur zum wichtigsten Bio-Tech-Zentrum des pazifisch-asiatischen Raumes.
Das Bio-Tech-Idyll hat auch seine Schattenseiten. Singapur wird geführt wie ein Familienunternehmen. Wer sich als Wissenschaftler mit den Angehörigen des Lee-Clans anlegt oder sonst unangenehm auffällt, kann schnell aus dem Paradies vertrieben werden. Gerade ist ein britischer Neurologe seines Amtes enthoben worden, ihm drohte auch strafrechtliche Verfolgung. Also zog sich der Mediziner nach Großbritannien zurück.
In der Starlight Lounge des Hotels Okura im japanischen Kobe beugen sich Stammzellforscher und Manager des Berliner Pharmaunternehmens Schering über Whisky und Sake und erörtern die große Zukunft der Stammzelltherapie. Um den 35. Stock tobt Tokage, der schwerste Taifun, den Japan in 25 Jahren erlebt hat. Ronald McKay, preisgekrönter Hirnforscher der amerikanischen National Institutes of Health, genehmigt sich einen Glenmorangie Single Malt und mäkelt über Singapur. Dort versuche man alles zusammenzukaufen. McKay bezweifelt, ob in Singapur genügend intellektuelle Freiheit bestehe, um etwas voranzutreiben. Hier in Kobe aber treffe man auf gewachsene akademische Strukturen – und die besten Experten in ihrem Fach.
Auf einer Kobe vorgelagerten Insel entstand das mit 500 Wissenschaftlern größte entwicklungsbiologische Institut der Welt, das Center for Developmental Biology (CDB). Das CDB gehört dem Forschungsverbund Riken an, einer Organisation, vergleichbar der deutschen Max-Planck-Gesellschaft. Die traditionelle Industrie wie etwa der Schiffbau strauchelte ohnehin, und nachdem das Erdbeben 1995 die Industrie der Stadt Kobe endgültig zum Erliegen brachte, orientierte sich die Stadt neu auf Biomedizin. Sie lockte mit günstigem Baugrund.
Die japanische Regierung hat die biomedizinische Forschung auf ihre Agenda gesetzt, weil eine alternde Gesellschaft eine neue, effektivere Medizin notwendig macht. Mit den klassischen Pharmazeutika lassen sich Schlaganfall, Parkinson und multiple Sklerose nicht ausreichend oder nur unter hohen Kosten therapieren. Im Millennium-Projekt, ausgerufen im Jahr 2000, soll deshalb die regenerative Medizin vorangetrieben werden. Die embryonalen Stammzellen sind in diesem Kontext zentrales Forschungsobjekt. Von ihnen lässt sich lernen, auf welche Weise sich der menschliche Körper selbst erneuern könnte oder sich durch Ersatzzellen therapieren ließe.
Die Stammzellforschung wird staatlicherseits gefordert und gefördert, die buddhistischen Religionsführer sorgen für ethischen Rückhalt. »Wir haben unsere Priester um ihre Meinung gefragt«, sagt Stammzellforscher Shin-Ichi Nishikawa vom CDB, »und die antworteten, wenn es den Menschen zugute komme, sei diese Forschung legitim«. Die erste Stammzelllinie aus menschlichen Embryonen wurde im Mai vergangenen Jahres in Kyoto hergestellt.
Die geballte Grundlagenforschung mit langfristiger Rückendeckung lockt auch die Pharmaindustrie an. Während der Taifun die Straßen von Kobe flutete, feierte Schering die Eröffnung seines neuen Instituts für regenerative Medizin mit 40 Wissenschaftlern gleich vis-à-vis des CDB. »Wir werden hier keine Versuche durchführen, die nicht auch in Deutschland erlaubt wären«, sagt Günter Stock, Forschungschef bei Schering, »aber wir wollen dabei sein, wenn sich in Sachen regenerativer Medizin etwas bewegt. Hier ist man gegenüber solchen Ideen offen, was man über Deutschland nicht sagen kann. Dort kommen wir wie in der Biotechnik Jahre zu spät.«
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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