biomedizin Im Paradies der StammzellzüchterSeite 3/3

In der Starlight Lounge des Hotels Okura im japanischen Kobe beugen sich Stammzellforscher und Manager des Berliner Pharmaunternehmens Schering über Whisky und Sake und erörtern die große Zukunft der Stammzelltherapie. Um den 35. Stock tobt Tokage, der schwerste Taifun, den Japan in 25 Jahren erlebt hat. Ronald McKay, preisgekrönter Hirnforscher der amerikanischen National Institutes of Health, genehmigt sich einen Glenmorangie Single Malt und mäkelt über Singapur. Dort versuche man alles zusammenzukaufen. McKay bezweifelt, ob in Singapur genügend intellektuelle Freiheit bestehe, um etwas voranzutreiben. Hier in Kobe aber treffe man auf gewachsene akademische Strukturen – und die besten Experten in ihrem Fach.

Auf einer Kobe vorgelagerten Insel entstand das mit 500 Wissenschaftlern größte entwicklungsbiologische Institut der Welt, das Center for Developmental Biology (CDB). Das CDB gehört dem Forschungsverbund Riken an, einer Organisation, vergleichbar der deutschen Max-Planck-Gesellschaft. Die traditionelle Industrie wie etwa der Schiffbau strauchelte ohnehin, und nachdem das Erdbeben 1995 die Industrie der Stadt Kobe endgültig zum Erliegen brachte, orientierte sich die Stadt neu auf Biomedizin. Sie lockte mit günstigem Baugrund.

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Die japanische Regierung hat die biomedizinische Forschung auf ihre Agenda gesetzt, weil eine alternde Gesellschaft eine neue, effektivere Medizin notwendig macht. Mit den klassischen Pharmazeutika lassen sich Schlaganfall, Parkinson und multiple Sklerose nicht ausreichend oder nur unter hohen Kosten therapieren. Im Millennium-Projekt, ausgerufen im Jahr 2000, soll deshalb die regenerative Medizin vorangetrieben werden. Die embryonalen Stammzellen sind in diesem Kontext zentrales Forschungsobjekt. Von ihnen lässt sich lernen, auf welche Weise sich der menschliche Körper selbst erneuern könnte oder sich durch Ersatzzellen therapieren ließe.

Die Stammzellforschung wird staatlicherseits gefordert und gefördert, die buddhistischen Religionsführer sorgen für ethischen Rückhalt. »Wir haben unsere Priester um ihre Meinung gefragt«, sagt Stammzellforscher Shin-Ichi Nishikawa vom CDB, »und die antworteten, wenn es den Menschen zugute komme, sei diese Forschung legitim«. Die erste Stammzelllinie aus menschlichen Embryonen wurde im Mai vergangenen Jahres in Kyoto hergestellt.

Die geballte Grundlagenforschung mit langfristiger Rückendeckung lockt auch die Pharmaindustrie an. Während der Taifun die Straßen von Kobe flutete, feierte Schering die Eröffnung seines neuen Instituts für regenerative Medizin mit 40 Wissenschaftlern gleich vis-à-vis des CDB. »Wir werden hier keine Versuche durchführen, die nicht auch in Deutschland erlaubt wären«, sagt Günter Stock, Forschungschef bei Schering, »aber wir wollen dabei sein, wenn sich in Sachen regenerativer Medizin etwas bewegt. Hier ist man gegenüber solchen Ideen offen, was man über Deutschland nicht sagen kann. Dort kommen wir wie in der Biotechnik Jahre zu spät.«

 
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