Washington

Rund um das Weiße Haus hat das Nachdenken über den Tag danach begonnen. Was tun, wenn Iran sich erst über die atomare Schwelle gerüstet hat? Neokonservative Hardliner, konservative Realisten und Demokraten sind sich längst einig – das iranische Nuklearprogramm ist nicht mehr zu stoppen. Weder Verhandlungsangebote aus Europa noch amerikanische Sanktionen, so sagen sie, zeigten Wirkung. Es werde daher nicht mehr lange dauern, bis die Mullahs die erste Atombombe bauen. Schlimm, aber nicht zu ändern.

Für einen kleinen, aber einflussreichen Zirkel neokonservativer Sicherheitspolitiker steht deshalb fest, was als nächstes zu tun sei: Die Mullahs müssen weg – wenn sich schon die Bombe nicht entschärfen lässt, dann doch der Teheraner Machtapparat. Also Regime-Change. Nicht mit Gewalt, wenn es sich denn vermeiden lässt, sollen in Iran friedfertige Demokraten an die Macht gelangen, sondern vorzugsweise durch einen Umsturz von innen, unterstützt von außen. Sollte George Bush die Wahl gewinnen, dürfte dieses Vorhaben bald auf der Tagesordnung stehen. Zwar verficht auch der demokratische Bewerber für das Amt des Vizepräsidenten, John Edwards, eine harten Kurs gegen Iran – wie der aber letztlich aussehen soll, ist noch unklar.

Dagegen sind die Scharfmacher, die gerade den nächsten Regimewechsel im Mittleren Osten planen, alte Bekannte. Viele der Pentagon-Beamten, Strategen und Lobbyisten, die schon den Feldzug gegen Saddam Hussein vorangetrieben haben, wollen jetzt den nächsten Schurkenstaat abhaken. Zahlenmäßig mögen sie eine Minderheit sein, ihre Macht ist die einer Mehrheit; ihr Einfluss reicht über ein gut gepflegtes Netzwerk und persönliche Verbindungen in die obersten Etagen des Washingtoner Regierungsapparats, besonders zu Vizepräsident Richard Cheney. Und wieder versuchen sie, ihre Agenda am vermeintlich trägen Außenministerium und der CIA vorbeizuschleusen.

"Jeder betreibt im Moment nur Appeasement gegenüber Iran. Amerika, die EU und besonders Deutschland." Michael Ledeen ist eine der schillerndsten und einflussreichsten Figuren in der Washingtoner Neocon-Szene. Der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter und Berater des Nationalen Sicherheitsrats hat sich am rechten American Enterprise Institute als Philosoph der neuen Weltordnung etabliert. Er hat nicht viel Zeit für eine Unterhaltung. Die Erde dreht sich schon langsam genug.

"Revolution", brüllt der Hardliner. "Revolution heißt die Lösung!"

"Es ist widerwärtig. Will denn niemand sehen, was für Verbrecher diese Mullahs sind?" Lügner. Terroristenhelfer. Massenvernichtungswaffenbauer. Antisemiten. Volksunterdrücker. Frauensteiniger. Alle Gründe für den Irak-Krieg gelten aus Ledeens Sicht für Iran erst recht. Teheran, nicht Bagdad, hätte sich Amerika zuerst vorknöpfen sollen, sagt Ledeen. "Revolution!", das brüllt er fast, "Revolution heißt die Lösung!"