Kunst Der Unberechenbare
Eine großartige Ausstellung in London lädt ein zur Neuentdeckung: Sie zeigt Raffael, den Klassiker. Und Raffael barock
Die allbekannten Demutsgesichter, die Madonnen mit Honigsahnehaut, die Jesuskindchen mit Plusterbacken. Gibt es da noch etwas zu entdecken? Wo längst Abertausende Bücher, Aufsätze, Kataloge die Gemälde Raffaels durchforscht haben? Warum noch diese große Ausstellung mit über 80 frühen Werken? Nur Routine? Oder verrät sie etwas Neues?
Zumindest zeigt sie einen neu-begehrten Raffael. Einen, der ungeheure Menschenmengen lockt, die sich geduldig durch die viel zu kleinen Räume der National Gallery in London zwängen und innehalten vor den viel zu eng gehängten Bildern. Minutenlang verharren die Menschen, versenken sich. Und darüber darf man sich tatsächlich wundern. Denn Raffael gehört nicht zu den Feuer- und Vollblutkünstlern, wie sie unsere Gegenwart liebt. Er ist klarer als der dunkel-geheimnisvolle Leonardo, sachlicher als der monomanisch-radikale Michelangelo. Ja, viele seiner Bilder sind geradezu abstrakt, ausgekühlt in den Farben, distanzgebietend in der Komposition. Sie entrücken die Welt ins Ideale.
Mit dieser Idealität konnte das 20. Jahrhundert nur wenig anfangen. Es begehrte auf gegen das Ungebrochene und Einfältige, gegen die Verklärung Raffaels zum »Gesalbten Gottes« (Goethe). Schon zu Lebzeiten war er wie ein Heiliger verehrt worden, und von seinem Ableben 1520 berichtete ein Chronist, dass in der Sterbestunde ein Erdbeben halb Rom erschüttert und den vatikanischen Palast gespalten habe – ganz ähnlich wie beim Tode Jesu. So galten viele seiner Bilder als Ikonen, sie wurden unendlich oft reproduziert und zum Inbild kindlicher Gläubigkeit. Noch im 19. Jahrhundert hob ihn ein Maler wie Ingres in den Himmel: »Er war die Schönheit selber, er war gut, er war alles.«
Diese Überhöhung zum pittorissimo wirkt heute seltsam hohl. Niemand würde es mehr wagen, vom Absoluten und Unübertrefflichen zu sprechen. Und das, was einst als das Schöne schlechthin galt, erscheint seltsam kühl und fremd. Oft sind Raffaels Himmel ohne Wolken, seine Landschaften nackt und ausradiert, die Gestalten allem Zeitlichen enthoben. Fast metallisch wirken diese Bilder, so klar und scharf sind die Farben. Gepanzert gegen jede Anfechtung und Verwerfung, gegen jedes Geheimnis. Selbst wer bis auf Nasenlänge an die Motive heranrückt, wird kaum etwas anderes entdecken als Fraglosigkeit.
Auch im malerischen Sinn ist Raffael oftmals abstrakt: Er glaubte an die Reduktion, als würde erst in der Entkörperlichung der Welt die reine Idee aufscheinen. So gut wie nie lässt er in seinen Bildern Blut fließen, selbst eine Figur wie der pfeildurchbohrte Heilige Sebastian, der ansonsten immer die Leidensfähigkeit des nackten Leibes illustriert, wird bei Raffael seiner Anschaulichkeit beraubt. Wonnig blickt er aus dem Bild, bekleidet, den Pfeil keck in der Hand. Auf anderen Bildern geht es zwar ruppiger zu, manchmal wird gar richtig gemetzelt. Doch auch eine Enthauptung wie in der Hieronymus- Szene gerät nicht zum Blutbad. Der Hals des Geköpften sieht so rosig aus wie gekochter Schinken.
Es mag diese Mischung aus motivischer Schlichtheit und malerischer Akribie gewesen sein, die Raffael populär machte. Mittelalterliche Prägnanz verband sich mit technischer Raffinesse, sodass etliche der Gemälde problemlos nachgeahmt und in den Werken des Stechers Raimondi rasch verbreitet wurden. Bilder, die von einer Welt ohne Zweifel künden – still und unangefochten, selbst dort, wo gefoltert und getötet wird.
Mit tanzendem Schwung bringt er eine Madonna zum Schweben
Ist es das, was die Menschen in die Londoner Ausstellung lockt? Suchen sie Beruhigung im Zeitenthobenen? Finden werden sie ihn aber kaum, diesen Sicherheits-Raffael. Denn im einmalig breiten Panorama der 80 Bilder taucht ein ganz anderer Raffael auf, einer, der alle Klischeekisten sprengt. Zwar kommt die Schau als Heldengeschichte daher, sie beschreibt, wie ein Provinzkünstler schon mit 18 zur rasanten Karriere anhebt und keine zehn Jahre später zu den wichtigsten Malern der Renaissance zählt, von Papst Julius II. mit üppigsten Aufträgen bedacht, mit der Schule von Athen und der Disputà . Und doch erscheint Raffael nicht als einsames Genie, eher als »Genie der Aneignung« (Manfred Wundram). Bei seinem Lehrer Perugino schulte er seinen Sinn für das Gestanzte, in Florenz dann traf er auf Leonardo und Michelangelo, und sehr schön illustriert die Ausstellung mit Werken der beiden, wie viel Raffael ihnen verdankt. Sie zeigt ihn als einen, der nachahmt und tastet und sucht. Immer wieder streut sie Zeichnungen zwischen die Gemälde und offenbart etwas von deren Entstehung und von der Freiheit, mit der sich Raffael zu seinen Motiven treiben ließ. Mal bringt er mit tanzendem Schwung eine Madonna fast zum Schweben; dann wieder entwirft er mit feinstem Strich einen Mädchenkopf, so zart und verletzlich, dass er in die hermetisch geschlossene Malerwelt nicht passen will.
Gerade das 19. Jahrhundert hatte sich ganz auf den eingängigen Raffael geworfen; hier hingegen werden seine Widersprüche sichtbar. Er zeigt sich als ein Maler, dem das Ausgekühlte ebenso liegt wie das Aufwühlende. In seiner grandiosen Donna Velata liegt das Gesicht ganz fern, in sanfter Unschärfe und schier unantastbarer Unschuld. Im Vordergrund aber wogt das Kostüm, rauschhaft und ungezügelt, mit züngelnden Falten und schäumenden Wellen – Raffael barock.
Auch seine Madonnen lässt er gelegentlich ihrem formelhaften Phlegma entkommen, die Alba Madonna etwa wirkt mit glitzernden Augen und dem herumgeworfenen Hals fast so, als wollte sie gleich dem mächtigen Goldrahmen entsteigen. Ähnlich verwundert steht der Besucher vor dem Portrait Julius II. , das zunächst gravitätisch wirkt – bis man bei näherem Hinsehen entdeckt, dass dieser Papst aus den Fugen gerät. An der Knopfleiste leuchten die Strähnen des hellen Innenfutters heraus, selbst aus den Knopflöchern schauen ein paar kecke Härchen. Das Ewigkeitsbildnis bekommt etwas Alltägliches.
Doch nicht nur in seinen Motiven, auch in seiner Maltechnik erweist sich Raffael als erstaunlich wandlungsfähig. Mal ist er auf holländische Art detailversessen, dann wiederum erlaubt er sich einen sehr gelösten, durchsichtigen Pinselstrich wie etwa auf dem Ölberg- Bild, auf dem er ganz weich und warm die Schläfrigkeit der Jünger schildert.
Eindeutigkeit war also nicht Raffaels einzige Stärke; auch die Ambivalenz beherrschte er. Oder anders gesagt: Er bot jedem, was er suchte. Und so konnten sich nicht nur Klassizisten wie Ingres in seinem Werk widerspiegeln, auch Künstler mit barockem Überschwang wie Rubens oder Delacroix bezogen sich auf Raffael. Nur war davon bislang selten die Rede. Erst die Londoner Ausstellung dürfte so etwas wie die Renaissance seiner Renaissance einläuten. Sie erweckt das Erstarrte, löst das Gestanzte. Sie macht Raffael zum Unberechenbaren.
Bis 16. Januar; Katalog kostet 25 Euro (www.nationalgallery.org.uk)
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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