Kunst Der UnberechenbareSeite 2/2
Gerade das 19. Jahrhundert hatte sich ganz auf den eingängigen Raffael geworfen; hier hingegen werden seine Widersprüche sichtbar. Er zeigt sich als ein Maler, dem das Ausgekühlte ebenso liegt wie das Aufwühlende. In seiner grandiosen Donna Velata liegt das Gesicht ganz fern, in sanfter Unschärfe und schier unantastbarer Unschuld. Im Vordergrund aber wogt das Kostüm, rauschhaft und ungezügelt, mit züngelnden Falten und schäumenden Wellen – Raffael barock.
Auch seine Madonnen lässt er gelegentlich ihrem formelhaften Phlegma entkommen, die Alba Madonna etwa wirkt mit glitzernden Augen und dem herumgeworfenen Hals fast so, als wollte sie gleich dem mächtigen Goldrahmen entsteigen. Ähnlich verwundert steht der Besucher vor dem Portrait Julius II. , das zunächst gravitätisch wirkt – bis man bei näherem Hinsehen entdeckt, dass dieser Papst aus den Fugen gerät. An der Knopfleiste leuchten die Strähnen des hellen Innenfutters heraus, selbst aus den Knopflöchern schauen ein paar kecke Härchen. Das Ewigkeitsbildnis bekommt etwas Alltägliches.
Doch nicht nur in seinen Motiven, auch in seiner Maltechnik erweist sich Raffael als erstaunlich wandlungsfähig. Mal ist er auf holländische Art detailversessen, dann wiederum erlaubt er sich einen sehr gelösten, durchsichtigen Pinselstrich wie etwa auf dem Ölberg- Bild, auf dem er ganz weich und warm die Schläfrigkeit der Jünger schildert.
Eindeutigkeit war also nicht Raffaels einzige Stärke; auch die Ambivalenz beherrschte er. Oder anders gesagt: Er bot jedem, was er suchte. Und so konnten sich nicht nur Klassizisten wie Ingres in seinem Werk widerspiegeln, auch Künstler mit barockem Überschwang wie Rubens oder Delacroix bezogen sich auf Raffael. Nur war davon bislang selten die Rede. Erst die Londoner Ausstellung dürfte so etwas wie die Renaissance seiner Renaissance einläuten. Sie erweckt das Erstarrte, löst das Gestanzte. Sie macht Raffael zum Unberechenbaren.
Bis 16. Januar; Katalog kostet 25 Euro (www.nationalgallery.org.uk)
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
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