Systemausfall

Rex Joswig, wildester Rocker der DDR, wollte 1989 groß rauskommen. Es kam anders. Trotzdem fühlt er sich nicht betrogen

Rex Joswig wohnt, wo der Knoblauch hängt. Zweiter Hinterhof, linker Aufgang, ganz oben, hinter der Tür, an der die Knoblauchzehen hängen, hatte er am Telefon gesagt und hinzugefügt, das transsilvanische Guerillapack sei hinter ihm her. An der Tür steht kein Name, eine Klingel sucht man vergebens – da ist nur der Knoblauch und auf dem Boden ein Spritzbesteck. Nicht von ihm, wie man später erfährt, Löffel und Spritze lagen da schon, als er vor zwei Jahren eingezogen ist, aber er hat sie liegen lassen, als Mahnmal sozusagen.

Man klopft. Die Tür geht auf, und eine junge Frau, Anfang 20, bittet einen ins Wohnzimmer. »Papa müsste gleich kommen«, sagt sie.

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15 Jahre ist es her, dass Rex Joswig seine große Zeit hatte. Mit seiner Band Herbst in Peking gehörte er zu den angesagten Underground-Musikern der DDR, neben Bands wie Die Skeptiker, Feeling B oder Die Art. Die Single Bakschischrepublik, die im Herbst 1989 erschien, wurde in zwei Monaten 6000-mal verkauft und sprang auf Platz eins der Independent-Charts von DT 64. Der Song galt als Wendehymne: »Schwarz-Rot-Gold ist das System / Morgen wird es untergeh’n.« Seit Sommer 1987 gab es Herbst in Peking, sie spielten in Jugendclubs, Kulturhäusern oder in privaten Gastwirtschaften, vor 500 bis 1000 Zuhörern. Joswig begann die Konzerte meist mit dem Satz »Heute ist der Tag, an dem das System zusammenbricht – feiern wir diesen Tag!«. Von Anfang an war er auf Konfrontation aus, er gab der jugendlichen Rebellion seine Stimme – damals, mit Mitte 20, seien sie ähnlich angepisst gewesen wie die Sexpistols, hat er in einem Interview gesagt. Im Juni 1989 bei der Brandenburger Rocknacht rief er zu einer Schweigeminute für die Opfer des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf. Herbst in Peking bekam Auftrittsverbot, das nicht lange hielt, weil kurz darauf die Mauer fiel. Anfang 1990 dann gründete Joswig die erste unabhängige Plattenfirma in der DDR: Peking Records. Er wusste, dass seine Chancen winzig waren, gegen die Musikkonzerne des Westens zu bestehen. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung sagte er damals: »Über uns hockt ein Moloch, und wir gucken wie das Kaninchen vor der Schlange und kommen nicht weg.« Und heute – 15 Jahre später?

Der Schlüssel dreht sich im Schloss, die Tür geht auf, im Wohnzimmer steht ein Mann in Jeans und mit langen Haaren. »Mit 42 hat ein Mann das Gesicht, das er verdient«, sagt Joswig später. Seines ist etwas verquollen, als hätten ihm die Jahre arg zu schaffen gemacht. Er selbst beschreibt sich als »nicht mehr ganz junger, dem Lifestyle des Anarcho-Dandys zu lang zugewandter, aber ein in der Tiefe der Person zutiefst liebevoller Mensch«.

Wir setzen uns, Joswig blickt etwas irritiert. »Oh«, sagt die Tochter, »in dem Sessel sitzt eigentlich Papa«, und Papa sagt: »Bleiben Sie erst mal sitzen, es ist vielleicht ganz gut, mal woanders zu sitzen, um auf andere Gedanken zu kommen.« Er erzählt, dass er einmal am Tag die Treppen zu seiner Wohnung rückwärts hochläuft, um den Trott zu durchbrechen. Dann springt er auf, sucht etwas im Schrank. Einen Artikel aus dem Neuen Deutschland , kürzlich erschienen. Er hat daraufhin seine Mutter angerufen und gesagt: »Siehste, jetzt habe ich es doch noch ins Neue Deutschland geschafft!« Der Artikel ist ein Rückblick auf die Wendezeit oder »Endzeit«, wie Joswig sie nennt. Ein großes Thema im Moment, sagt er. Erst vor kurzem hat er einige Devotionalien zusammengesucht, um sie einem Museum zur Verfügung zu stellen. Alte Platten, Originaldokumente, Poster.

Herbst in Peking hat die Wendezeit nicht überlebt, nur der Name ist geblieben – und Rex Joswig, der im Laufe der Jahre noch vier Alben gemacht hat. Die Freundschaft der vier Bandmitglieder ist im Oktober 1989 zerbrochen. Joswig hatte für alle schon Visa für Ungarn organisiert, von da aus wollten sie sich nach Bern absetzen, wo sie eingeladen waren, am 21. Oktober 1989, zu einem großen Konzert mit Nina Hagen und Roxy Music. Joswigs Plan sah vor, dass sie danach nach West-Berlin reisen würden. Dort wollte er die Konfrontation suchen. Die Band sollte mitsamt Gitarren am Grenzübergang nach Ost-Berlin stehen und die Einreise verlangen. Er hatte es sich so schön ausgemalt, mit Presse und viel Aufmerksamkeit, aber das alles scheiterte, weil zwei aus der Band gar nicht mitreisen wollten. »Da ist etwas kaputtgegangen, was man nicht mehr reparieren konnte«, sagt Joswig. Er selbst ist dann am 10. Oktober nach Budapest geflogen, anschließend mit dem Zug nach Wien und dann weiter nach West-Berlin. Er lebte einige Monate in Schöneberg und zog Anfang 1990 zurück in den Prenzlauer Berg.

Manche aus der Band sieht er noch, sie machen auch noch Musik zusammen, mehr aber nicht. Im Jahr 2000 waren sie auch noch mal auf Tour, aber es war keine gute Tour, sagt Joswig. Das Publikum habe sie nicht gerade erdrückt, und die Stimmung war nicht sonderlich gut.

Joswig redet gern in Bildern, obwohl er sagt, seine Sprache sei in den letzten Jahren eindeutiger geworden, er verstecke sich nicht mehr hinter den Worten. Trotzdem muss man häufig nachfragen. Auf die Erfahrung der vergangenen 15 Jahre angesprochen, sagt er: »Ich musste dem Gespenst Freiheit ins Gesicht gucken, das hat mich verwirrt.« Was er meint? Dass er schon immer viel ausprobiert habe, neugierig und leichtsinnig gewesen sei und dass er dafür heute noch zahle. Inwiefern? Drogen. Er sei dem Rock-’n’-Roll-Lifestyle erlegen. Mehr will er dazu nicht sagen. Nur dass er vor einem Dreivierteljahr an einem Punkt angekommen sei, an dem er sich habe entscheiden müssen. Weil Familie und Freunde das nicht mehr mit ansehen wollten.

Rex Joswig ist ein überaus freundlicher Mensch, vom »arroganten Bandchef«, als den ihn die Berliner Zeitung vor Jahren beschrieb, ist nichts zu spüren. Vielleicht aber ist das auch eine Folge der vergangenen Jahre. Die bezeichnet Joswig als Jahre eines gigantischen Egotrips und eines gigantischen Scheiterns. Erst spät habe er begriffen, was Demut bedeute.

Er halte nichts von rückwärts gerichteten Gedanken, sagt er, solche Gedanken bringen ihn schlecht drauf. Und man merkt, die vergangenen 15 Jahre haben ihm härter mitgespielt, als er nach außen zeigen will. »Ich fühle mich um nichts betrogen«, sagt er und fügt hinzu, dass er solche Gedanken aber schon hatte. Natürlich hatte er auf den großen Erfolg gehofft, auch darauf, dass »doch mal jemand mitkriegen muss, wie cool das ist, was ich hier mache«. Die Enttäuschung kam bald, da war die Mauer kaum gefallen. Mit Peking Records war er eine Kooperation eingegangen mit einer Plattenfirma in Osnabrück. Aber der Partner habe ihn abgezogen, auf eigene Rechnung verkauft und das Geld eingesteckt. Später, 1991, dann der große Crash. Es ging um den »Ost-Underground-Sampler« Systemausfall, er sollte die große Nummer werden – und endete im Desaster. Weil er sich auf die mündliche Zusage verlassen hatte, was das Copyright eines Songs einer anderen Band anging. Es kam zum Prozess, mit einstweiliger Verfügung und Auslieferungsstopp, zweimal verlor Joswig vor Gericht, hatte 50000 Mark Schulden und war bankrott. »So viel Hass wie damals«, sagt er, »habe ich im Osten selten aufgebaut.« Es habe ihm den Spaß an der Sache verdorben, dieses »verrottete Business«. Glücklicherweise bekam er das Angebot, auf DT 64 eine Radio-Show zu moderieren: Grenzpunkt Null. Von 1991 bis 1998, jede Woche zwei Stunden, in denen er machen konnte, was er wollte. Die Radiosendung half ihm nicht nur finanziell über die Runden. Dank ihr, sagt er, habe er keinen künstlerischen Notstand gehabt. Natürlich hätte er nicht nein gesagt, wenn ihm eine Plattenfirma einen guten Deal angeboten hätte, über zwei, vielleicht drei Platten, aber diesen Deal hat er nie bekommen. Im Westen gab es kein Interesse, sagt er, Ostmusik gut zu finden.

Und heute – wovon lebt er? Vom Auflegen, manchmal tritt er auch auf, »aber in den letzten zwei Jahren ist es sehr schwierig geworden«. Er spricht von Mäzenen, die ihn unterstützen und ohne die er es kaum schaffen würde. Vom letzten Album Les Fleurs du mal haben sich 1500 Stück verkauft. Leben kann man davon nicht.

Im nächsten Jahr geht Joswig nach Tanger, mal weg aus Deutschland, weil er des Landes überdrüssig geworden sei. Er spricht von der Magie Tangers, vom Schriftsteller Paul Bowles und dass er versuchen wolle, etwas zu schreiben, keine Lyrik, sondern etwas Größeres, Prosa. Und dass er vom Jammern genug habe, von der Hilflosigkeit Deutschlands, sich den Herausforderungen zu stellen. Man denkt an die Reformen und den Sozialstaat. Joswig aber redet davon, dass es in diesem Land nicht möglich sei, vernünftige Milch zu kaufen. Das Volk ernähre sich falsch, und H-Milch, diese gefärbte Flüssigkeit, sei eigentlich ein Verbrechen. Schließlich schöpften die Menschen doch die Energie, die sie für den Wandel der Gesellschaft brauchen, aus der Nahrung.

Wie er darüber spricht, hat man das Gefühl, es bricht aus ihm heraus, zum ersten Mal, dass er lauter wird beim Reden, vehementer, als könne ihn das Land mal, dieses Land, das so viel versprochen und ihm dann so übel mitgespielt hat – als sei die Reise nach Tanger letztlich doch nur eine Flucht aus Enttäuschung. »Nein, nein«, wehrt er ab, »ich bin nicht hoffnungslos.« Er sagt, er habe lange darüber nachgedacht, und letztlich sei Enttäuschung doch nur die Entzauberung der Täuschung. Er habe sich eingerichtet mit seiner Musik, und seine Platten erreichten eben kein Millionenpublikum. Er arbeitet gerade an einem neuen Album, das er übers Internet vertreiben möchte. »Und ich möchte, dass MTV mein Video spielt.« Beim letzten bekam er als Antwort einen Brief. Das Video sei zu lang, zu dunkel, und es passiere zu wenig. Er wiederholt diesen Satz mehrfach, und mit seiner ruhigen, tiefen Stimme bekommt es fast etwas Poetisches: zu lang, zu dunkel, und es passiert zu wenig. Das wird er ändern. Er weiß, was die wollen, sagt er, und er wird es ihnen geben. Und dann wird doch noch jemand mitkriegen, wie cool das ist, was er macht. Auch wenn er selbst dann längst in Essaouira lebt, der Hippie-Stadt an der marokkanischen Atlantikküste. Das ist es nämlich, wenn er ehrlich ist, was er am liebsten täte: einen Club eröffnen in Essaouira.

Zum Abschied, man hat schon die ersten Stufen der Treppe genommen, ruft Rex Joswig hinterher: »Denken Sie daran: einmal am Tag die Treppe rückwärts hoch! Das hilft.«

 
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