SystemausfallSeite 2/2
Rex Joswig ist ein überaus freundlicher Mensch, vom »arroganten Bandchef«, als den ihn die Berliner Zeitung vor Jahren beschrieb, ist nichts zu spüren. Vielleicht aber ist das auch eine Folge der vergangenen Jahre. Die bezeichnet Joswig als Jahre eines gigantischen Egotrips und eines gigantischen Scheiterns. Erst spät habe er begriffen, was Demut bedeute.
Er halte nichts von rückwärts gerichteten Gedanken, sagt er, solche Gedanken bringen ihn schlecht drauf. Und man merkt, die vergangenen 15 Jahre haben ihm härter mitgespielt, als er nach außen zeigen will. »Ich fühle mich um nichts betrogen«, sagt er und fügt hinzu, dass er solche Gedanken aber schon hatte. Natürlich hatte er auf den großen Erfolg gehofft, auch darauf, dass »doch mal jemand mitkriegen muss, wie cool das ist, was ich hier mache«. Die Enttäuschung kam bald, da war die Mauer kaum gefallen. Mit Peking Records war er eine Kooperation eingegangen mit einer Plattenfirma in Osnabrück. Aber der Partner habe ihn abgezogen, auf eigene Rechnung verkauft und das Geld eingesteckt. Später, 1991, dann der große Crash. Es ging um den »Ost-Underground-Sampler« Systemausfall, er sollte die große Nummer werden – und endete im Desaster. Weil er sich auf die mündliche Zusage verlassen hatte, was das Copyright eines Songs einer anderen Band anging. Es kam zum Prozess, mit einstweiliger Verfügung und Auslieferungsstopp, zweimal verlor Joswig vor Gericht, hatte 50000 Mark Schulden und war bankrott. »So viel Hass wie damals«, sagt er, »habe ich im Osten selten aufgebaut.« Es habe ihm den Spaß an der Sache verdorben, dieses »verrottete Business«. Glücklicherweise bekam er das Angebot, auf DT 64 eine Radio-Show zu moderieren: Grenzpunkt Null. Von 1991 bis 1998, jede Woche zwei Stunden, in denen er machen konnte, was er wollte. Die Radiosendung half ihm nicht nur finanziell über die Runden. Dank ihr, sagt er, habe er keinen künstlerischen Notstand gehabt. Natürlich hätte er nicht nein gesagt, wenn ihm eine Plattenfirma einen guten Deal angeboten hätte, über zwei, vielleicht drei Platten, aber diesen Deal hat er nie bekommen. Im Westen gab es kein Interesse, sagt er, Ostmusik gut zu finden.
Und heute – wovon lebt er? Vom Auflegen, manchmal tritt er auch auf, »aber in den letzten zwei Jahren ist es sehr schwierig geworden«. Er spricht von Mäzenen, die ihn unterstützen und ohne die er es kaum schaffen würde. Vom letzten Album Les Fleurs du mal haben sich 1500 Stück verkauft. Leben kann man davon nicht.
Im nächsten Jahr geht Joswig nach Tanger, mal weg aus Deutschland, weil er des Landes überdrüssig geworden sei. Er spricht von der Magie Tangers, vom Schriftsteller Paul Bowles und dass er versuchen wolle, etwas zu schreiben, keine Lyrik, sondern etwas Größeres, Prosa. Und dass er vom Jammern genug habe, von der Hilflosigkeit Deutschlands, sich den Herausforderungen zu stellen. Man denkt an die Reformen und den Sozialstaat. Joswig aber redet davon, dass es in diesem Land nicht möglich sei, vernünftige Milch zu kaufen. Das Volk ernähre sich falsch, und H-Milch, diese gefärbte Flüssigkeit, sei eigentlich ein Verbrechen. Schließlich schöpften die Menschen doch die Energie, die sie für den Wandel der Gesellschaft brauchen, aus der Nahrung.
Wie er darüber spricht, hat man das Gefühl, es bricht aus ihm heraus, zum ersten Mal, dass er lauter wird beim Reden, vehementer, als könne ihn das Land mal, dieses Land, das so viel versprochen und ihm dann so übel mitgespielt hat – als sei die Reise nach Tanger letztlich doch nur eine Flucht aus Enttäuschung. »Nein, nein«, wehrt er ab, »ich bin nicht hoffnungslos.« Er sagt, er habe lange darüber nachgedacht, und letztlich sei Enttäuschung doch nur die Entzauberung der Täuschung. Er habe sich eingerichtet mit seiner Musik, und seine Platten erreichten eben kein Millionenpublikum. Er arbeitet gerade an einem neuen Album, das er übers Internet vertreiben möchte. »Und ich möchte, dass MTV mein Video spielt.« Beim letzten bekam er als Antwort einen Brief. Das Video sei zu lang, zu dunkel, und es passiere zu wenig. Er wiederholt diesen Satz mehrfach, und mit seiner ruhigen, tiefen Stimme bekommt es fast etwas Poetisches: zu lang, zu dunkel, und es passiert zu wenig. Das wird er ändern. Er weiß, was die wollen, sagt er, und er wird es ihnen geben. Und dann wird doch noch jemand mitkriegen, wie cool das ist, was er macht. Auch wenn er selbst dann längst in Essaouira lebt, der Hippie-Stadt an der marokkanischen Atlantikküste. Das ist es nämlich, wenn er ehrlich ist, was er am liebsten täte: einen Club eröffnen in Essaouira.
Zum Abschied, man hat schon die ersten Stufen der Treppe genommen, ruft Rex Joswig hinterher: »Denken Sie daran: einmal am Tag die Treppe rückwärts hoch! Das hilft.«
- Datum 28.10.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 28.10.2004 Nr.45
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







