Maria wird am 9. November 15 Jahre alt. Sie trägt gerne enge Klamotten und Highheels. Ihre Mutter war wütend, weil Maria in Informatik eine Vier hatte. In den anderen Fächern ist sie besser, außer in Mathematik. Maria denkt nach, bevor sie antwortet. Sie wägt ihre Worte und sagt keinen Satz zu viel. "Wir sind sehr gut erzogene Kinder. Unser Vater insbesondere hat uns sehr gut im Griff", sagt sie. Maria wohnt nicht weit vom Meer, in Mecklenburg-Vorpommern. Sie liebt japanische Animé-Filme, weil die traurig, komisch und romantisch sind. Sie raucht nicht. Sie sagt, sie habe sich damit abgefunden, dass ihr Vater kaum zu Hause sei, weil er immer arbeite. Maria ist katholisch. Sie geht jeden Sonntag mit ihrer Familie in die Kirche. "Wenn ich deprimiert bin, spreche ich mit Gott", sagt sie. Sie liest die Kataloge, die ins Haus kommen, Quelle, Bauer, Neckermann. Sie bekommt kein Taschengeld. Maria spielt an der Schule Theater. Sie benutzt das Handy ihrer Mutter. "Es ist praktisch meins", sagt sie. Maria hört gern Avril Lavigne und Blue Lagoon. Sie guckt die Soaps, die ihre Mutter guckt, Verbotene Liebe und Marienhof. Maria fährt mit ihren Freundinnen nach Stralsund zum Shoppen. Maria achtet auf den Preis. "Schuhe für 70 Euro würde ich nicht kaufen", sagt sie. Maria ist keine Leseratte. Sie hat Harry Potter gelesen. Maria schläft mit ihren beiden Brüdern in einem Zimmer. "Bisher habe ich es immer ausgehalten", sagt sie. Wenn Maria endlich ein eigenes Zimmer bekommen hat, möchte sie eine Polsterecke, ein großes Bett und einen großen Kleiderschrank haben.

Das Haus, in dem Maria ihr eigenes Zimmer haben wird, leuchtet in der Sonne. Das Dach ist gedeckt, nur der Putz fehlt noch. Es ist ein großes Haus, zwei Etagen, hoher Giebel. Entwurf aus dem Katalog. Aber die Seidels haben selbst gebaut, jeder Stein ist durch ihre Hände gegangen, allein die Zimmerei haben Profis besorgt. Seit fünf Jahren steckt der Vater jede freie Minute in den Bau. Christian, mit 17 der Älteste, hat die Trennwand seines Zimmers selbst gezogen, Maria hat tapeziert und mit dem Bruder Beton gemischt. Die Firma liefert das Material und stellt einen Bauleiter, der ab und zu vorbeischaut. Das Dach haben die Eltern gegenüber dem Entwurf um 90 Grad gedreht, damit alle Kinderzimmer Sonne haben.

Maria lebt mit ihrer Familie in Grimmen, südlich von Greifswald. Über vierzehntausend Einwohner zur Wende, jetzt noch gut zehntausend. Arbeitslosigkeit, unter den Gebliebenen, 23 Prozent. Regina Seidel, Marias Mutter, gelernte Bürokauffrau, wurde 1991 arbeitslos. Sie schmeißt zurzeit das Büro eines gemeinnützigen Vereins . Strukturanpassungsmaßnahme, 877 Euro netto, auf drei Jahre befristet. Nächstes Jahr ist Schluss. Marias Vater, Leonhard Seidel, gelernter Metallbauer, wurde 1990 das erste Mal arbeitslos. Er war als Leiharbeiter in Bremen, arbeitete zwischenzeitlich bei einer Heizungsfirma, die in Konkurs ging, und machte, wie Marias Mutter, eine sinnlose Fortbildung. Erst 1999, nach vier Jahren Arbeitslosigkeit, fand er wieder einen Job. In einem Lager für Baustoffe. Autobahnsplit, Lehm, Sand. Mit seinem Verdienst hat die Familie wieder zwischen 2000 und 2500 Euro im Monat. Als der Vater einen unbefristeten Vertrag bekam, begannen die Seidels zu bauen.

Zurück sehnen sich die Eltern nie. Maria schon. Vor zwei Wochen hat sie Sabine geschrieben, dass sie manchmal die alte Zeit zurückhaben will. Die alte Zeit, das waren die Grundschule und der Hort. Wo auch Sabine und Stefanie waren, ihre beiden Freundinnen, die jetzt auf die Realschule gehen, während Maria das Gymnasium besucht. "Diese Freundschaften sind abgebrochen", sagt Maria. Auf der Grundschule war auch Julian. Maria und Julian waren in der zweiten Klasse ein Paar, aber nur kurz. Dann haben sie sich irgendwie getrennt. In der dritten und vierten Klasse waren sie wieder zusammen, aber Maria verliebte sich in den Sommerferien in Mirko und trennte sich von Julian. Dann trennte sich Mirko von Maria, und Maria kam wieder mit Julian zusammen. Dann wurde Maria von Julian verlassen. Das war vor vier Jahren. Seitdem hat sich Maria nicht mehr verliebt. "Ich denke immer noch an diese Trennungserfahrung", sagt Maria. Sie denkt auch noch an den Großvater, der im selben Jahr gestorben ist. Jeden Sonntag ist die Familie bei den Großeltern gewesen. Jetzt holen sie die Großmutter meistens zu sich. "Als Großvater gestorben ist, haben wir uns alle aneinander festgehalten", sagt Maria. Sie hat ihre Mutter einmal weinen gesehen, aber die Mutter hat nicht sagen wollen, warum sie weint. Eigentlich will Maria die Vergangenheit doch nicht zurückhaben, auch wenn sie auf dem Gymnasium keine beste Freundin mehr hat. "Man verändert sich ja auch, wenn man in eine neue Umgebung kommt", sagt Maria. Sie schreibt gerade eine Geschichte. Ein Mädchen geht aufs Gymnasium und hat dort eine beste Freundin. Ein anderes Mädchen, die Konkurrentin der Hauptperson, versucht sie ständig bloßzustellen. Im Laufe der Geschichte verliebt sich das Mädchen in einen Jungen, der neu in die Klasse kommt.

Das Zimmer, das Maria sich mit den Brüdern teilt, ist nicht mehr als eine Schlafkammer. Zwei Etagenbetten auf kaum zehn Quadratmetern. Die Seidels leben in einem Holzhaus, einstöckig, drei Zimmer. Davor war es noch enger. An die Zeit, als die Familie in einem Plattenbau lebte, erinnert sich Maria nicht mehr. Die Eltern schliefen mit den Kindern in einem Raum. "Entweder ich dreh hier durch, oder ich werde Alkoholiker", sagte der Vater. Als Maria vier war, zog die Familie in das Holzhaus am Rand einer Gartenkolonie. 10000 Mark für das Haus, 30000 Mark für das Grundstück, aufgebracht aus DDR-Ersparnissen. Maria wuchs auf zwischen den verwinkelten Gärten der Kolonie und der Weite der umliegenden Felder. Man weiß nicht, was in den Jahren der Arbeitslosigkeit aus der Familie geworden wäre, in der Wohnungsenge im Plattenbau. Es war eine harte Zeit, aber Maria hat den Vater und die Mutter nie als Arbeitslose erlebt, nie auf dem Sofa hockend, tagein, tagaus. Der Vater pflanzte eine Hecke, Lebensbaum, er grub sie wieder aus, weil der Boden zu steinig war, und holte die Steine aus dem Boden. Er riss die alten Garagen ab. Er legte einen Gemüsegarten an und baute den alten Stall aus. Im Jahr 2000, als der Vater die Stelle als Lagerist sicher hatte, goss er, rechts hinter dem Stall, das Fundament für das neue Haus. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder. Die Kinder waren draußen, zusammen, halfen, wo sie konnten. Es gab immer ein Ziel.

Dass die Eltern bitter wurden, hat das nicht verhindert. "Die Wirtschaft liegt am Boden, und es trifft immer die Kleinen", sagt der Vater. "Ein Bekannter hat gesagt, dass Ausländer noch vor dem DDR-Bürger kommen. Das kommt mir auch so vor." 2002 hat der Vater NPD gewählt. "Vielleicht geht im Bundestag bald ’ne Handgranate los", sagt er. Er ist selbst erschrocken über seine Wut. "Sie merken schon, es kocht in mir. Die Zeit der Arbeitslosigkeit. Diese Ungerechtigkeit."

Maria weiß nicht, wie sie Ausländer finden soll. "Ich bin selten im Ausland", sagt sie. In Grimmen gibt es so gut wie keine Ausländer. Maria kennt keinen. "Aber es wandern ja viele Deutsche ins Ausland ab, dann dürfte man eigentlich nichts dagegen haben, wenn auch Ausländer hierher kommen", sagt sie. Maria weiß nicht, ob sie rechts oder links ist. Sie war einmal auf einer Demo, gegen den Irak-Krieg. "Ich bin generell gegen den Krieg", sagt Maria. Wenn Männer Männer lieben oder Frauen Frauen, findet Maria das in Ordnung. "Kein Mensch kann etwas gegen seine Gefühle tun", sagt sie. Über die DDR hat Maria fast nur Negatives gehört. "Mein Vater hat gesagt, wer Grips hatte, versuchte zu fliehen", sagt sie. Vor allem, dass man eingeschlossen war, kann sie sich nicht vorstellen. Gesehen hat sie die Mauer nie. Maria findet die Demokratie ganz okay. "Eine Diktatur will ich auf keinen Fall", sagt sie. Was sich verändert hat in den vergangenen 15 Jahren? "Die Arbeitslosenzahl ist gestiegen, und die Straßen wurden neu gemacht", sagt Maria. Sie möchte Kinderärztin werden. Wegen des Medizinstudiums hat sie in der Schule Latein gewählt. Maria möchte in Grimmen bleiben. Sie möchte ein Haus haben, eine Familie, mindestens zwei Kinder. "Ich hoffe, dass ich mich nach meinen Eltern richten kann", sagt Maria. "Natürlich haben wir Auseinandersetzungen im Alltag, aber sehr unterschiedlich sind wir nicht", sagt sie. Ihre Kinder will sie so erziehen, wie sie erzogen wird. "Kinder brauchen Grenzen", sagt Maria. In die Zukunft sieht sie mit Zuversicht. "Am meisten Angst habe ich davor, irgendwann alleinerziehend zu sein", sagt sie. Das Wichtigste in Marias Leben sei gewesen, sagt Maria, dass sie begonnen habe, Querflöte zu spielen. Sie ist stolz, dass das Jugendblasorchester Grimmen sie aufgenommen hat. Im Sommer waren sie auf Tournee in Estland, Lettland und Litauen. Als Maria geboren wurde, am 9. November 1989, kamen die Schwestern in den Kreißsaal und sagten: "Die Grenzen sind auf, Frau Seidel, die Mauer ist gefallen, wir können alle in den Westen fahren." Die Eltern fuhren vor Weihnachten nach Lübeck, ohne Maria, weil es furchtbar schneite. Sie gingen zur Post und holten das Begrüßungsgeld ab. Sie kauften Bananen, Orangen und einen Pullover für Maria. In den nächsten 15 Jahren sind die Eltern nur noch einmal in den Westen gefahren, zu Verwandten nach Bochum, ohne Maria. Maria war noch nie im Westen, nicht im Westen Deutschlands und nicht in einem Land westlich von Deutschland. Die Familie fährt im Urlaub nicht weg. Maria sind noch keine Wessis begegnet. Doch, heute, eine Fotografin und ein Journalist aus Berlin. "Ihr wart eigentlich auch nicht anders", sagt Maria.