Die Zeit zwischen dem Herbst 1989 und dem Sommer 1990 war so intensiv, so prall gefüllt mit neuen Erfahrungen und unschuldigem Glück, dass ich davon träume, einen solchen Zustand immer wieder zu erleben. Mir tun die Holländer und die Schweizer leid: 500 Jahre ohne Revolution! Nette kleine Gesellschaften, aber das Salz in der Suppe fehlt.

Das unschuldige Glück von 1989 fing für mich schon vor dem 9. November an. Am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag, irrten Demonstrationen durchs Berliner Zentrum, zu einer Zeit, in der Protestler noch mit dem Schlimmsten rechnen mussten. Wir trafen uns an der Weltzeituhr und liefen zu Hunderten zum Palast der Republik, kehrten vor der Polizeikette um und liefen zum ADN-Gebäude, wo wir erneut die Richtung wechselten und zur Gethsemanekirche liefen. Unterwegs wurden wir immer mehr. Ein unvergesslicher Umzug. Wir protestierten alle das erste Mal und hüpften, ja fast schon tanzten wir, weil wir so erregt waren. Wir sahen uns an und lachten, weil wir plötzlich begriffen: He, wir sind frei! Wir haben keine Angst mehr, und wir zeigen allen, dass wir uns ab heute nichts mehr gefallen lassen.

Wir dachten, wir müssen irgendwas rufen, nur was? Wir schrien "Gorbi, Gorbi", oder "Neues Forum, Neues Forum", und weil mir danach war, rief ich "De-mo-kra-tie!". Ich wusste genau, die anderen würden einstimmen. Als ich abends in den Radionachrichten hörte, die Demonstranten hätten auch "Demokratie!" gerufen, war ich selig. Nie zuvor hatte ich eine Meldung in den Nachrichten erzeugt.

Die Angst abzustreifen, plötzlich aus dem Angstpanzer zu treten war etwas unglaublich Schönes. Das hat alle elektrisiert. Darauf folgte eine leuchtende Zeit, in der es, wann immer ich das Radio anschaltete, nur gute Nachrichten gab. Die Proteste schwollen an. Dann kamen die ganzen Rücktritte, die Pressefreiheit, das Versprechen freier Wahlen. Und alles ohne Gewalt. Eine Zeit, in der alles zu glücken schien. Man musste sich nur etwas wünschen – und schon passierte es. Der Fall der Mauer war da nur ein Moment unter vielen.

Als ich dann am 10. November in West-Berlin stand, wurde mir klar, dass es niemals wieder so wird wie früher. Die dunkle und langweilige und unglückliche Zeit meines Lebens war vorbei.

Der November 1989 war im Prinzip perfekt. Wenn diese Revolution im Mai gewesen wäre, dann wäre das Glück nicht zum Aushalten gewesen.

Ich träume von einer Gesellschaft, die sich ständig neu infrage stellt und die Karten immer wieder neu mischt. In meinem Traum können wir uns noch einmal neu erfinden. Es gibt keinen Schreibkram und keine ausgelatschten Wege. Ich träume von einer Gesellschaft, die ihre Anliegen weder zerredet noch verschweigt, sondern anpackt. In der sich alle sicher sein können, dass das Beste, was sie geben können, auch gebraucht wird. Es regiert keine langweilige Tagesordnung, sondern die Lust am Aufbruch, am Wagnis, und der Geist der Gerechtigkeit und der Solidarität schwebt über allem. Gegen alle Arten von Ungerechtigkeit und Not bilden sich Instanzen, die Abhilfe schaffen.

Ich habe mich besonders in den Wochen vor dem Mauerfall der Politik völlig ausgesetzt gefühlt und zum ersten Mal an mir selbst erlebt, wie sehr persönliches Glück oder Unglück von politischen Verhältnissen abhängen kann. Ich habe begriffen, dass Freiheit bei aller Angst, die sie einem einjagt, etwas Unersetzliches und ganz Essenzielles ist. Andererseits wurde mir auch ziemlich schnell klar, dass eine freie Gesellschaft nicht automatisch freie Menschen hervorbringt. Für mich ist ein freier Mensch jemand, der die Kraft hat, seinen Impulsen zu folgen. Ein freier Mensch muss seine Freiheit immer wieder neu ergreifen. Viele von uns sehe ich als unfreie Menschen in einer freien Gesellschaft. Alles hinter sich lassen können – Besitz, Gemütlichkeit, Gewohnheit – auch diese Vorstellung geistert durch meinen Traum.