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Die Ukraine steht vor einer Schicksalswahl. Würde der Oppositionsführer Juschtschenko Präsident, stünde der Weg nach Europa offen. Sein Gegner, Premier Janukowitsch, will das Land in Moskaus Hinterhof zurückführen

Kiew/Lwiw

Der Hoffnungsträger hat ein aufgedunsenes, halbseitig gelähmtes Gesicht. Das Sprechen fällt Wiktor Juschtschenko noch immer schwer. Seit ihn vor anderthalb Monaten ein geheimnisumwitterter Giftanschlag entstellte, wirkt der 50-Jährige mit der angegrauten Tolle wie ein Schwerkranker. Dennoch jubelten dem Präsidentschaftskandidaten der Opposition am vergangenen Samstag in Kiew Zehntausende zu. Ihre orangefarbenen Fahnen strahlten in der Herbstsonne.

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In der folgenden Nacht griff eine Gruppe von 50 Männern in schwarzen Lederjacken mit Knüppeln und Messern die verbliebenen knapp tausend Demonstranten an. Einige Parlamentsabgeordnete, die noch im angrenzenden Gebäude der Zentralen Wahlkommission berieten, kamen mit ihren Leibwächtern zu Hilfe. Elf Menschen wurden verletzt, eine 60-jährige Frau erlitt Messerstiche. Es herrscht Wahlkampf in der Ukraine.

Bei Durchsuchungen bringt die Polizei den Sprengstoff selbst mit

Die Präsidentschaftswahl, die am Sonntag in die erste Runde geht, wird die Zukunft des Landes vorausbestimmen. Juschtschenko steht für die Öffnung nach Westeuropa und die Modernisierung der Ukraine. Er würde den Elitenwechsel symbolisieren. Sein Gegenkandidat Premierminister Wiktor Janukowitsch stammt aus der ostukrainischen Region Donezk, in der nach sizilianischem Modell eine ehrenhafte Familie das Sagen hat. Der 54-Jährige gilt als ein Mann der eisernen Faust, was sich in seiner Biografie mit zwei Vorstrafen wegen Körperverletzung niederschlägt. Janukowitsch repräsentiert den Status quo: Annäherung an Russland und ein zunehmend autoritäres Regime, das seine Macht um fast jeden Preis verteidigt.

Ein erster Panzer ratterte am vergangenen Donnerstag über Kiews Prachtstraße Kreschtschatik. Armeejeeps rollten hinterher, und Hundertschaften brüllten Kampfparolen zum rhythmischen Knallen ihrer Stiefel. Es war die Generalprobe für die Parade zum 60. Jahrestag der Befreiung Kiews, die in diesem Jahr wegen der Wahlen vom 6. November auf den 28. Oktober vorverlegt wird. Sie passt auch zum Besuch von Russlands Präsident Wladimir Putin, der nach dem militärischen Vorbeimarsch in einem Wort an die Wähler seines kleinrussischen Nachbarlandes einmal mehr seinen Lieblingskandidaten Janukowitsch preisen dürfte.

Während die Marschkolonnen vor dem Hotel Ukraine, das einst Moskau hieß, über den Unabhängigkeitsplatz zogen, sangen in der schäbigen Fußgängerpassage eine Etage tiefer junge Kiewer im Zigaretten- und Bierdunst zur Gitarre ihre aufmüpfigen Lieder. Verarmte Rentner sammelten die leeren Flaschen zu ihren Füßen ein. Ein paar versprengte Rekruten der Militärkapellen stimmten auf Trompeten einen Blues an. Das Nebeneinander von Alt und Neu, von Gleichschritt und Freiheit wird am Sonntag zum Gegeneinander.

»Die Wahl ist die Schlüsselentscheidung, ob wir mit Europa oder als Vasallenstaat Russlands leben werden«, resümiert Anatolij Ratschkow, Generaldirektor des privaten Rasumkow-Zentrums für wirtschaftliche und politische Studien in Kiew. Noch zeigt sich das ukrainische Parlament lebendig bis hin zur Ohrfeige unter Abgeordneten. Die Opposition ist organisiert und stellt eine Alternative dar. »Wenn wir demokratische Wahlen hätten, würde Juschtschenko sicher gewinnen«, sagt Ratschkow. »Mehr als 70 Prozent der Menschen glauben, das Land brauche einen radikalen Wechsel in Richtung Demokratie.« Für ihn stimmen vor allem die jungen Ukrainer, die höher Gebildeten und gesellschaftlich Aktiven.

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