Gut, dass einige Wähler in Franklin County ein gesundes Misstrauen haben. Douglas Erickson zum Beispiel. Der Bewohner des umkämpften Wahlbezirks im swing state Ohio hatte sich frühzeitig seine Registrierkarte besorgt, auf der auch die Adresse für das korrekte Wahllokal stand. Nur, dass er einen Tag vor der Wahl Post von der Bush-Cheney-Kampagne bekam: Er sollte bitte in einem anderen Wahllokal auftauchen. Eine Fehlinformation. "Entweder sind die inkompetent", urteilt Erickson. "Oder die versuchen absichtlich, mich ins falsche Wahllokal zu schicken". Vor vier Jahren ging es hier ruhiger zu und George Bush schlug seinen demokratischen Widersacher Al Gore klar aus dem Rennen. Doch diesmal gibt es 93.000 neu registrierte Wähler, aufgehetzte Wahlkämpfer beider Parteien, lange Schlangen und überlastete Wahllokale. Besonders beunruhigt gab sich die überparteiliche Wahlschützer-Organisation Common Cause allerdings, weil sie eine "alarmierende Zahl" besorgter Anrufer aus Franklin County verzeichnete. Wahlhelfer hätten allzu unbeholfene Erstwähler angebrüllt und aus den Kabinen gescheucht. Wahllokale hätten zu spät geöffnet, und einige Wähler seien frustriert wieder nach Hause gegangen. Und etliche Wähler beklagten sich über miese Tricks – so wie Erickson.Einen Tag nach der Präsidentschaftswahl steht Amerika vor einem Paradox: Die Rekordzahlen an den Wahlurnen gerieten zur beeindruckenden Demonstration der amerikanischen Demokratie. Doch zugleich ist es den amerikanischen Parteien und Wahlbehörden gelungen, das Vertrauen in diese Wahl nachhaltig zu erschüttern. Bei einer Umfrage des Fernsehsenders CBS sagten kürzlich 63 Prozent der Befragten, sie hätten keinen oder nur "ein wenig" Vertrauen in die gerechte Auszählung der Stimmen.Inzwischen hat John Kerry aufgegeben und dem Wahlsieger George W. Bush gratuliert. Doch heißt das nicht, dass sich auch schon alle Anwälte aus dem Rennen zurückziehen. Etliche knappe Wahlentscheide könnten in den kommenden Tagen angefochten werden, und Möglichkeiten gibt es dafür genug. Ein neues Rahmengesetz aus Washington hat die Wahllokale verpflichtet, "vorläufige" Stimmen entgegenzunehmen, wenn sie einen Wähler nicht in ihren Listen finden können. Hunderttausende solcher Stimmen gab es, und im swing state Ohio etwa könnten sie noch nachträglich die Wahl entscheiden. Ob und wann solche Stimmen gezählt werden, ist umstritten. Weil es in den Vereinigten Staaten keine Ausweispflicht und kein einheitliches Meldesystem gibt, ist die Registrierung von Wählern ein kniffliges Geschäft: Zum Wochenbeginn hatte die republikanische Partei Alarm geschlagen, weil Zehntausende Erstwähler angeblich zugleich in Ohio und in Florida zur Wahl gehen wollten. Die demokratische Partei hingegen wirft den Republikanern vor, Zehntausende Bewohner armer Gegenden des Landes, Einwohner von Sozialwohnungen und ehemalige Straftäter systematisch von den Wählerlisten und aus den Wahllokalen fernzuhalten. Zum Vergleich: Vor vier Jahren hatten in Florida und New Mexiko weniger als 1000 Stimmen den Ausschlag gegeben und letztlich den Präsidenten bestimmt.Am Wahltag selber hatten die Wahlmaschinen an sich die dicksten Schlagzeilen provoziert – kein Wunder, nachdem irreführende Wahlscheine und klemmende Zählmaschinen seinerzeit in Florida für so viel Verwirrung gesorgt hatten. In vielen Wahlbezirken gibt es deshalb heute neue Maschinen (obwohl die alten Maschinen im Stile Floridas zum Beispiel im wahlentscheidenden Ohio weiterhin zum Einsatz kamen). Etwa ein Drittel der Amerikaner konnte diesmal seinen Präsidenten papierlos wählen: Sie tippten mit dem Finger auf ihren Wunschkandidaten auf einem Bildschirm, und ihre Stimme wanderte in eine virtuelle Wahlurne. Weit überwiegend schien das zu klappen.Doch es gab es auch Wähler wie Brian Nicks, der im kalifornischen Santa Clara seine Stimme abgab, mitten in der Hightech-Schmiede Silicon Valley: "Vote Save Error #9" stand danach auf seinem Bildschirm. Nicks möge bitte eine "alternative Methode" wählen, um seine Stimme abzugeben. In Indiana mussten etliche Wahlbezirke ganz auf handgeschriebene und handgezählte Wahlscheine umsteigen, weil die Geräte zum Aufaddieren der verschiedenen elektronischen Wahlurnen streikten. In New Orleans fielen brandneue Wahlmaschinen reihenweise aus und führten zu langen Schlangen, Wartezeiten von bis zu sieben Stunden vor den Wahllokalen, frustrierten und in Einzelfällen abgewiesenen Wählern. In einem Wahlbezirk in Florida gingen 40 Stimmen verloren, als Wahlhelfer versehentlich die Maschine aussteckten. Die Organisation Common Cause, eine überparteiliche Wählerschutzvereinigung, will im Lauf des Dienstag 175,000 besorgte Anrufe mit solchen Geschichten erhalten haben.Dem Anwalt Matt Zimmerman von der kalifornischen Aktivistenorganisation Electronic Frontier Foundation kamen gar "mehrere Fälle des so genannten Kandidaten-Tauschs" zu Gehör: Wähler wollten für John Kerry stimmen, aber am Ende zeigten die Maschinen eine Stimme für George Bush an. "Im ganzen Land haben wir mehr als 30 solcher Berichte", sagt seine Kollegin Cindy Cohn, und zwar eigenartigerweise gleich bei den Maschinen mehrerer Hersteller. "Doch noch mehr Angst haben wir vor Problemen, die die Wähler und die Wahlhelfer gar nicht entdecken können", sagt Cohn. "Am einfachsten sind bei diesen Maschinen so genannte Insider-Attacken", erläutert Will Doherty, ein Computerexperte und Aktivist bei der kalifornischen Bürgerrechtsgruppe Verified Voting. Ein Programmierer bei einer Herstellerfirma für Wahlmaschinen hätte leichtes Spiel, eine elektronische "Hintertür" einzubauen: Ein tief im Betriebssystem verstecktes Manipulationsprogramm, das erst am Wahltag aktiv wird und in den Qualitätskontrollen zuvor nicht auffällt.Ist das allzu viel Aufregung um kleine Pannen, die bei jeder demokratischen Wahl unvermeidlich sind? Oder gar Verfolgungswahn? In den USA ist es ein offenes Geheimnis, dass die Herstellerfirmen – vor allem vier große Firmen, die ansonsten Sicherheitsgeräte und Bankautomaten herstellen – noch bis kurz vor der Wahl mit technischen Problemen kämpften. Bei vergangenen Wahlen behielten sich einige vor, noch während der Auszählung so genannte patches einzuspeisen, kleine Korrekturprogramme. Ein Wahlfälscher getarnt als Techniker, so die Furcht vieler Wahlbeobachter, könnte dabei geänderte Daten einspeisen. In den vergangenen Jahren hatte es tatsächlich eigenartige Zwischenfälle mit Wahlmaschinen gegeben und noch mehr Verschwörungstheorien. Der Chef des Wahlmaschinen-Herstellers Diebold, Walden O’Dell, erntete im vergangenen Jahr einen Entrüstungssturm. Er hatte gelobt, "dem Präsidenten seine Stimmen zu liefern.""Es ist unmöglich, dass keine dieser Maschinen Pannen entwickelt", sagt David Dill, ein Computerwissenschaftler an der Universität Stanford, "und vielleicht fokussieren wir uns jetzt allzu sehr auf diese Maschinen." Sie hätten auch Vorteile. Wer am Bildschirm wählt, für den überprüft das Gerät gleich auch die Logik der abgegebenen Stimmen: Man kann zum Beispiel kein Kreuzchen bei Bush und Kerry zugleich machen. Zumindest theoretisch machen moderne, papierlose Wahlmaschinen weniger Fehler als die Auszählung von Hand oder das mechanische Auszählen gelochter Wahlscheine, bei denen Tausende von Stimmen unter den Tisch fallen oder falschen Kandidaten zugeschlagen werden. Und schließlich gelingt es Banken, Flugzeugherstellern, Waffenkonstrukteuren und sogar den Herstellern von Spielautomaten in Las Vegas, hochgradig fehlersichere Systeme herzustellen. Der Mathematiker und Erfinder des elektronischen Geldes, David Chaum, hat ein in Fachkreisen viel beachtetes System entwickelt: Sein elektronisches Wahlverfahren händigt jedem Wähler eine Codenummer aus, mit der er im Internet nachprüfen kann, ob seine Stimme wirklich gezählt wurde.Doch bislang bleiben Amerikas Wahlmaschinen hinter solchen Standards weit zurück. Computer- und Sicherheitsexperten sind sich über das eigentliche Problem der amerikanischen Wahlen recht einig: Es fehlt eine glaubhafte Aufsicht. Bei den meisten neuen, papierlosen Geräten fehlt die Möglichkeit, extra einen Ausdruck des Wahlscheins auf Papier anzufertigen und ihn in einer geschützten Urne abzulegen. Dann könnte man später noch einmal nachzählen. Vor allem fehlen unabhängige Tests der Geräte selber. Die Programme in den Maschinen werden von Herstellerfirmen und Wahlbehörden streng geheim gehalten. Die Sicherheit der Geräte wird fast ausschließlich von einer Selbstaufsichtsorganisation der Hersteller selber getestet. Und die öffentlich durchgeführten "Logik- und Verlässlichkeitstests" werden von Experten als "reiner Zirkus" beschimpft. Der technische Informationsdienst ZDNet sprach spöttisch vom "großen Wahltag-Betatest" für die neuen Maschinen.Nur ganz selten konnten wirklich unabhängige Tester ihre Nasen in die Maschinen stecken – etwa als im vergangenen Jahr durch einen Zufall die internen Betriebsprogramme der Herstellerfirma Diebold im Internet kursierten und etliche Computerwissenschaftler sich an eine Analyse machten. Sie schlugen die Hände über dem Kopf zusammen."Am einfachsten sind bei diesen Maschinen so genannte Insider-Attacken", erläutert Will Doherty, ein Computerexperte und Aktivist bei der kalifornischen Bürgerrechtsgruppe Verified Voting. Ein Programmierer bei einer Herstellerfirma für Wahlmaschinen hätte leichtes Spiel, eine elektronische "Hintertür" einzubauen: Ein tief im Betriebssystem verstecktes Manipulationsprogramm, das erst am Wahltag aktiv wird und in den Qualitätskontrollen zuvor nicht auffällt.