Fast wäre John F. Kerry im Finish davongezogen. Deutlich im Rückstand wie Schröder hinter Stoiber 2002, begann er vor vier Wochen aufzuholen – bis zum Gleichauf. Und dann das sicherste Omen: Nach 86 fluchbeladenen Jahren katapultierten sich die Boston Red Sox, Kerrys Heimteam, in die Baseball-Meisterschaft – zum ersten Mal seit 1918! Dieser Fingerzeig musste bedeuten: Bye-bye, BushII., es lebe JFK II., trägt doch Kerry dieselben Initialen wie John F. Kennedy.

Die Haruspexe lagen abermals falsch, die Götter grinsen. Und die Europäer sind bitter enttäuscht. George W. Bush bleibt Präsident, das meldeten am Mittwochmorgen die ersten US-Nachrichtensender. Der Familienfluch, der ihn zu erdrücken schien, ist in letzter Minute verflogen. Der erste Bush hatte ebenfalls einen Irak-Krieg gewonnen, doch versank der Sieg in der Rezession. Gerade weil der Krieg vorbei war, konnten die Amerikaner wieder nach Kontostand wählen, und der gab den Ausschlag für Bill Clinton.

Des Sohnes Sieg ist umso erstaunlicher, als er eigentlich ins texanische Crawford hätte verbannt werden müssen, um von dort sein liebstes Amt anzustreben: das des Baseball-Commissioners. Der ist in Amerika noch machtvoller als in Deutschland DFB- und NOK-Chef in einem. Für George W. Bushs Abgang sprachen drei klassische Gründe.

Krieg: Der Sieg von 2003 lässt keinen Frieden erblicken. Über tausend Tote ließen sich noch verkraften, nicht aber ein Dauerkrieg gegen unsichtbare Feinde, die systematisch die demokratische Zukunft des Iraks zerschlagen, indem sie deren Träger – Beamte, Polizisten, Soldaten – ermorden. Dass sich W. bei den Waffen (wie sämtliche Geheimdienste des Westens) geirrt hatte, mochte ihm das Wahlvolk noch verzeihen. Aber einen fruchtlosen, frustrierenden Krieg in einem fernen Land, das Amerikas Sicherheit nicht bedroht?

Wirtschaft: Das ökonomische Omen für den zweiten Bush war zwar längst nicht so böse wie für den Vater 1992, aber nicht freundlich genug. Die Wirtschaft wächst zwar mit 3,8 Prozent schneller als jede andere (außer der chinesischen). Doch nicht schnell genug: Noch immer gibt es heute weniger Arbeitsplätze als zu Bushs Amtsantritt im Januar 2001. Dass sich unter Bush ein Haushaltsüberschuss von 2,4 Prozent des Sozialprodukts in ein Defizit von vier Prozent verwandelt hat, sprach ebenso gegen Bush II. wie der sinkende Dollar-Kurs und der explodierende Ölpreis.

Die Person: Bush hat zwar, anders als Kerry, eine Vision und eine Überzeugung, aber er kann sie nicht ausdrücken. Freundlich umschrieben: Seine Stärke ist die rasche Entscheidung wie im Afghanistan- und Irak-Krieg, nicht aber die Redegewalt eines Churchill. Warum dieser Krieg? Warum dieses Horror-Defizit, warum ein 40-Prozent-Plus bei den Staatsschulden? Und wo ist die Morgenröte? Beim Papa mangelte es am » vision thing«, beim Sohn an der Überzeugungskraft.Und doch, trotz all dieser Mühlsteine, die eigentlich für zwei Niederlagen gereicht hätten, darf W. weiter mietfrei im Weißen Haus bleiben. Warum? Und was bedeutet sein Sieg?