Es muss einen Hintersinn haben, wenn sie ausgerechnet mir, einer passionierten Fahrradfahrerin, diesen Autotest zum Jubiläum des Mauerfalls anbieten, dachte ich. Und inzwischen weiß ich, warum über das Gesicht der verantwortlichen Kollegin ein Lächeln huschte. Wenn Sie je versucht haben, von einem Mann, der heute noch Trabant fährt, seinen Wagen zu leihen, dann wissen Sie es auch: So einer lässt eine Rad fahrende Frau wie mich nicht an sein Auto! Jedenfalls nicht ohne Not, wie Schlaganfall oder Herzinfarkt – das ergab eine Nachfrage bei einem Berliner Trabant-Club. Halten wir uns also an die Frauen. Die sind, anders als Trabant fahrende Männer, nicht misstrauisch, sondern bloß vorsichtig. Ich durfte mitfahren. In dem 601er Trabant de luxe (der bis 1990 gebaut wurde), Baujahr 1987 von Inez Eichner, die ich durch einen Freund kennen gelernt hatte. Für die Uneingeweihten: Das mit dem Zusatz "de luxe" ist durchaus von Bedeutung.

Vor der Fahrt hatte ich den Fehler begangen, einigen Freunden von meinem Vorhaben zu erzählen. Tun Sie das nie, nie, nie, wenn Sie nicht alle Geschichten vom Anfang der "Pappe" bis zum Ende der DDR restlos erzählt kriegen wollen. Woher bloß diese Begeisterung – auf einmal? Ich erinnere mich noch genau, dass die Autos das Erste waren, was meine Landsleute abstießen, als sie das passende Geld hatten, aber Vergessen versüßt bekanntlich das Leben, Erinnern auch. War der letzte Trabant, mit dem ich gefahren worden bin, nun hellblau oder weiß? Keine Ahnung, ich war höchstens zehn. Aber die Autonummer hab ich noch im Kopf. Iiih-Enn-Null-Sechs-Strich-Siebzehn. Am I erkannte der Rest der Republik die meist nicht sonderlich beliebten, weil besser versorgten Hauptstädter. Wir hatten anfangs noch ein 600er-Modell, den Vorläufer von Frau Eichners Wägelchen. Mit dem 601er juckeln wir nun durch Berlin. Es ist ihr fünfter – und obwohl nicht mehr der Jüngste, nimmt sie mit ihm die Kurven ziemlich rasant; selbst als plötzlich ein Hindernis auftaucht, ein Benz, beeindruckt das weder Fahrerin noch Auto, auch der Weg zurück auf die Gerade wird gemeistert. Dass die A-Klasse von Mercedes beim berühmten Elchtest, der ja eigentlich nicht mehr als ein doppelter Spurwechsel war, so grandios scheiterte, das war 1997 schon schlimm genug. Als aber kurz darauf ein paar Redakteure der Thüringer Allgemeinen auf die Idee kamen, den Trabi auf den gleichen Parcours zu schicken, wurde daraus eine echte Katastrophe. Denn die Kiste aus Zwickau (mit doppeltem G auszusprechen) bestand den Test.

Meine Chauffeuse findet daran nichts Erstaunliches. Ein Auto müsse einfach sein, sagt sie, dann schaffe man es damit fast überall hin. Manchmal sei zwar das Tanken schwierig, aber zum Glück haben vielerorts polnische Tankstellen aufgemacht, und die führen das stinkende Gebräu, mit dem der Trabi fährt, dieses 1:50-Gemisch, ein Teil Öl und 50 Teile Benzin. Auf dem Weg zur Tankstelle hatte meine Chauffeuse schon den Reservehahn umlegen müssen. Es gab ganz kurz ein anderes Motorengeräusch, dann fuhr er wieder. Ungerührt. Und weil wir in der "de luxe"-Ausgabe des Trabant saßen, konnte die "Operation Reservehahn" auch ganz bequem erledigt werden. Das ist im Standardmodell anders. Da befindet sich jener Reservehahn gut versteckt, tief unterm vorderen Ablagebrett. Der Fahrer tauchte, bei voller Fahrt versteht sich, einfach ab, tastete nach dem Hahn und legte das Ding um. Im Tank wurden nun die letzten Liter angezapft. Nach dem Mauerfall geschah es nicht selten, dass der Fahrer, wenn er wieder hochkam, in die schreckgeweiteten Augen und geöffneten Münder der Kraftfahrer auf der Gegenfahrbahn sah. Sie hatten den Trabi für ein Geisterauto gehalten.

Waren die letzten Liter auch noch weg, und kein (verbotener) voller Kanister im Kofferraum, dann half nur noch eines – Schieben. Und das ist auch bei einem Auto aus Presspappe nicht einfach. Im Flachland, wo Inez Eichner herkommt, da geht das noch. Aber nehmen wir beispielsweise den Schorbaer Berg bei Jena. Den konnte ein Trabant schon im Normalfall, also mit Benzin, nur mühevoll erobern. "Das musstest du als Herausforderung nehmen", sagt meine ortsansässige Freundin, "einfach mit hundertzehn drauflosfahren." Mit hundertzehn Sachen? Da flog dir doch der Motor um die Ohren. "Quatsch", sagt sie, nun wirklich beleidigt, "schlimmstenfalls ging die Motorhaube auf. Es war eigentlich einfach: Gas geben und den Berg hochbrettern, mit hundertzehn." Und dann? "Beten", sagt sie begeistert, "und hoffen, dass niemand, der vor dir fährt, auf die Idee kommt, die Spur zu wechseln. Dann musstest du nämlich bremsen." Ungünstig. Hat doch nur 26 PS, so ein Trabant.

Kein Wunder, dass der ein Jahrzehnt später bestandene Elchtest so eine Genugtuung gerade für die Thüringer Trabant-Fahrer war, die sich und ihr Auto am Schorbaer Berg so gequält hatten. Aber sonst sei mit einem Trabi eigentlich alles ganz einfach. Sagt meine Fahrerin und klappt die Motorhaube auf. Der Tank liegt direkt neben dem Motor. Aber haben Sie schon mal einen brennenden 601er gesehen? Außer im Polizeiruf 110? Liebevoll weist Frau Eichner auf die Doppelhupe, die für den besonderen Trabi-Ton verantwortlich ist. Überhaupt, die Geräusche. Mit dem Laptop käme man den Macken dieses Autos nicht auf die Spur, ist ja keine Elektronik drin. Aber taub darf der Mechaniker nicht sein. Lass mal hören, heißt es immer als Erstes. Und dann ist meistens alles ganz einfach.

Doch warum, um alles in der Welt, tun sich Trabant-Besitzer dann so schwer, ihr Auto einmal zu verborgen? Der Preis kann es nicht sein. Ihr jetziger hat Inez Eichner, mit TÜV und ASU, ganze 250 Euro gekostet. Mein Fahrrad war teurer.

Es gebe zwei Gründe, antwortet sie. Einer klingt handfest, der andere eher nicht. Grund Nummer eins: Ausnahmslos jeder, der einen Trabant zum ersten Mal fahren will, würgt ihn ab, weil er nicht weiß, dass man meist den Choke ziehen muss, beim Starten, diesen Hebelknopf neben dem Lenkrad, sonst kriegt der Motor nicht genug Benzin. Grund Nummer zwei wiegt schwerer. Meine Fahrerin will nicht so recht damit heraus. Sie nähert sich ihm, umkreist ihn und sagt dann, sie habe es ja schon mal mit einem Golf versucht. Aber das sei doch kein Auto. Ein Trabant ist was anderes. Ein Auto mit Seele eben. Hm.

Als man kürzlich "Habseligkeiten" zum schönsten deutschen Wort erkor, da wird sich jeder etwas anderes vorgestellt haben. Aber einige, gar nicht so wenige, werden einen Trabi vor Augen gehabt haben. Wetten?