Bob Dylan, muss das sein? Warum ich, und warum überhaupt, war mein erster Gedanke bei der Anfrage für diesen Artikel. Es gibt weiß Gott genügend Schlaumeier, die aus diesem abgegrasten Gelände ein Minenfeld gemacht haben. Nein, nein, schon auch mit subjektivem Bezug und so. Aha. Mmh, na ja, warum eigentlich nicht? Wie oft hatte ich mir schon anhören müssen: Nee, echt nicht schon wieder so ein Dylan-Genöle. Das war noch in jeder Band so, wenn ich versuchte, die Gesangslinie von einem neuen Stück zu skizzieren. Ja, ja. Doch, gerne.

Ich bin schließlich vertraut mit dieser Stimme. Ich bin mit ihr aufgewachsen. In meiner Kindheit war sie immer in der Nähe gewesen. Nicht so sehr als etwas Konkretes, ich hatte ja keinen Schimmer, worum es in den Songs ging, mehr so als ein Sound oder eine Stimmung, wie zum Beispiel Neuschnee oder Sonntagvormittage oder müde Heimwege von der Schule. Als ich begann, Musiksendungen im Radio zu hören, war immer helle Aufregung, wenn ein neues Dylan-Album erschienen war. Da wurde seziert und aus dem Kaffeesatz gelesen, was das Zeug hielt. Und später, Ende der siebziger Jahre, im Milieu angefreakter Jugendhäuser in der süddeutschen Provinz, lernte man noch immer mit Dylan-Songs Gitarre spielen.

Wie es zu diesen Songs gekommen war, ließ sich für uns nicht richtig rekonstruieren. Vieles in seinem Werk erschien widersprüchlich. Aus manchen Songs sprach ein düsterer Nihilismus, andere (vielleicht auch nur der eine, sein bekanntester) kamen mir mit meinen 15 Jahren schon heftig moralistisch vor, und wieder andere handelten von unergründlichen Dingen, bei denen einem auch kein englisches dictionary weiterhelfen konnte. Mehr als das, was er da sagte, war entscheidend, wie es gesagt wurde. Dieses nuschelnde, Melodien verbergende Genöle vermittelte eine Dringlichkeit, die einem die Gewissheit gab, dass es hier jemand ernst meinte.

Es war undurchsichtig, wer aus welchen Gründen Dylan für sich reklamierte. Seine Lieder tauchten auf Wochenendfahrten der katholischen Jugend genauso auf wie in Wohngemeinschaften, die dem Sympathisantenkreis der RAF zugerechnet wurden, und in den Plattensammlungen von ausgemachten Hardrockfans. Ganz zu schweigen von der Bedeutung, die sie für die Gemeinschaftskundelehrer dieser Welt hatten. Aber dann kam eine andere Zeit, das Langhaarige hatte ausgedient, und die Antworten oder besser die Fragen, die mich beschäftigten, wurden von anderen gestellt: von John Lydon oder von Yello Biafra. Von den Slits, DAF, Abwärts oder Grandmaster Flash.

Ich hatte Dylan also für längere Zeit aus den Augen verloren, bis ich Ende der achtziger Jahre zufällig Don Pennebakers Tourfilm Don’t look back sah. Ich war vollkommen eingenommen von Bob Dylan. Er wirkte auf mich wie der schönste, mutigste und klügste Mensch, der je eine Bühne betreten hatte. Ich war hingerissen von seiner Arroganz gegenüber diesem Time-Magazine- Journalisten, dem er, noch expliziter als im Song The times they are a changin‘ zu verstehen gibt, dass sein Urteil und das seiner Generation völlig irrelevant seien für das Kommende. Und dann ist da diese Szene, in der Donovan seinem Idol zum ersten Mal in einem Hotelzimmer gegenübersitzt.

Dylan, der wegen Donovans großem Erfolg in England schon vorher im Film immer wieder auf den Namen gestoßen wird und sich diverse Male abschätzig äußert, lässt ihn einen Song vorspielen. Es ist eines dieser frühen, pfadfinderhaften Liebeslieder Donovans, "wenn die Kälte nachts heraufzieht" und so weiter. Er singt naiv beseelt, sein Gitarrenanschlag gleicht exakt dem der frühen Dylan-Platten. Die Anspannung bei Dylan ist spürbar. Die Runde, bestehend aus jungen Männern, klatscht aufheiternd. Dylan antwortet mit It’s all over now, baby blue. Er schlägt die Gitarre ungewohnt eckig an, betont die Worte überdeutlich, als wolle er einem Vollidioten etwas erklären, und grinst währenddessen diabolisch triumphierend in die Runde. "Whatever you wish to keep, you better grab it fast" und "The highway is for gamblers, better use your sense"! Donovan versinkt mit hochgezogenen Schultern, angewinkelten Armen und einem eingefrorenen, dümmlichen Schuljungengrinsen förmlich auf seinem Stuhl.

Ende der achtziger Jahre, als mein Hass auf Hippies noch nicht in Mitgefühl umgeschlagen war, identifizierte ich mich voll und ganz mit dieser Haltung. Dylan, der Typ, der Klartext spricht, der die Gemütlichkeit verweigert. Der dem Nachmacher, der Fake-Type, klarmacht, was Sache ist. Ich sah in dem Dylan des Jahres 1965 plötzlich einen engen Verwandten von John Lydon, dem ich mich wiederum immer sehr nahe gefühlt habe. Jugend, Schönheit und eine Prise Hochnäsigkeit aus den richtigen Gründen sind etwas Unwiderstehliches! Ich meinte zu erkennen, dass Dylan in der imaginären Konfrontationslinie zwischen dem selbstgefälligen Bessere-Welt-Modell der Hippies und der schonungslosen Ablehnung fauler Kompromisse durch den Punk sozusagen einer von uns war.