Die Wohngemeinschaft liegt seit Wochen im Mensch-ärgere-Dich-nicht-Fieber. Nachmittags gegen vier versammeln sich alle um den großen Esszimmertisch – dann klappern die Würfel, tackern die Spielfiguren übers Brett, ertönen Protestschreie und Hurragebrüll. Ein Ende der ersten Partie ist nicht abzusehen. Auch heute will Frau A. wieder mal nicht gewinnen, sondern nur rauswerfen. Konsequent schickt sie ihr Figurengeschwader zum fünften Mal an der Abzweigung zur Zielgeraden vorbei in die nächste Vernichtungsrunde.

Die Mitglieder dieser WG in Castrop-Rauxel, Ortsteil Habinghorst, sind alle über 70. Die unorthodoxe Spielweise mag mit der Tatsache zu tun haben, dass sie nur deshalb hier eingezogen sind, weil ihnen Ärzte dieselbe medizinische Diagnose ausstellten: "Altersschwachsinn". Die Dementen verschlug es in die WG wegen Alzheimer, Schlaganfällen, Durchblutungsstörungen im Gehirn, exzessivem Alkoholmissbrauch. Die Krankheit ist nicht zu verwechseln mit dem normalen Erlahmen des Erinnerungsvermögens. Wen die Altersdemenz erwischt, der vergisst nicht einfach, den Herd auszuschalten, sondern der weiß partout nicht mehr, wie man das überhaupt macht.

Auch Gehirnjogging hält die Demenz nicht auf

Gegen Altersdemenz ist bislang kein Kraut gewachsen. Je älter man wird, desto größer die Gefahr, dem Leiden anheim zu fallen. Von den 70- bis 74-Jährigen sind 2,8 Prozent betroffen, von den über 90-Jährigen bereits 34,6 Prozent. Weder Medikamente noch Gehirnjogging bringen die auf unterschiedliche Weise zerstörten Nervenzellen zurück. Selbst der Berliner Altersforscher Paul Baltes hat keine andere Empfehlung, als "nicht in die Jahre des vierten Alters hineinzuleben".

Da die Menschheit in den westlichen Industrienationen sich nicht an die Empfehlung hält, sondern immer älter wird, wächst die Zahl der Dementen. Heute sind eine Million Deutsche dement, im Jahr 2040 werden es doppelt so viele sein. Noch leben sechs von zehn Demenzkranken in Privathaushalten. Die Übrigen sind in den 9300 stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland, wo jeder Zweite der insgesamt 600000 Insassen an einer Demenz leidet – und damit das Aufnahmekriterium in die Habinghorster WG erfüllen würde.

Klaus Niehoff, technischer Angestellter bei Siemens, war mit der erste, der seine Mutter hier unterbrachte und ihr so das Heim ersparte. Bei ihm und seiner Frau kann sie nicht bleiben: Zu Hause ist schon eine behinderte Tochter zu betreuen. Jetzt wird die Mutter 85, und in den letzten anderthalb Jahren sei in ihrem Kopf "gar nichts mehr" gegangen. Mit der Notfallklingel hatte sie die Krankenschwester des ambulanten Pflegedienstes in der Nachbarwohnung nachts bis zu fünfmal rausgeklingelt. Und regelmäßig vergessen, weshalb. "Dieser Besuch hat dann jedes Mal 50 Euro gekostet", erzählt Niehoff. An Unbilden kamen hinzu: Kreislaufstörungen, Stürze, Knochenbrüche.

Seit Anfang Juli ist die demente Oma WGlerin. Das ist auch nicht billig. Aber 3500 Euro im Monat kostet ein gutes Heim auch. Und da ihr Eigenkapital längst aufgebraucht ist, zahlt das Sozialamt.

Die WG Habinghorst ist eine von vier "Wohngemeinschaften für Demenz-betroffene Menschen", die im letzten Jahr im Ruhrgebiet gegründet wurden: zwei in Castrop-Rauxel, je eine in Essen und Dortmund. Weitere sind in Gütersloh, Hamm, Wuppertal und Herne geplant. Betreiberin ist Autonomia, eine GmbH mit einem besonderen Wohn- und Pflegekonzept für Menschen mit Altersdemenz. Dazu gehören ein eigenes Zuhause, Normalität, Vertrautheit und Sicherheit für diejenigen, die so hilflos geworden sind, dass sie weder allein noch in ihren Familien leben können. Sieben bis acht Bewohner leben in einer solchen WG – zwar rund um die Uhr von zwei Pflegern betreut, doch so selbstständig wie eben möglich.