Es scheint ein Merkmal unserer Zeit zu sein, dass der Mensch gar nicht so viel erleben kann, wie er erinnern soll. Die florierende Gedenkkultur, wie sie sich im feierlichen Begängnis zahlloser Jahrestage ausdrückt, steht zu dem, was der Einzelne denken und empfinden kann, in seltsamem Kontrast. Wem es schwer fällt, die eigene Vita halbwegs auf die Reihe zu kriegen oder die Geburtstage, die Jubiläen seiner Lieben pünktlich zu begehen, der kommt dem geforderten Gedenken kaum hinterher.

Der 9. November verknotet tückisch das Problem. Von dem des Jahres 1989, als die Mauer fiel, können die meisten noch aus eigener Anschauung erzählen. Er lebt im Gedächtnis stärker fort als der Staatsfeiertag des 3. Oktober. Der 9. November 1848 aber, von dem in gewisser Weise alles seinen Ausgang nahm, ist nur mehr ein historischer Schatten, obwohl mit der Erschießung des Paulskirchenabgeordneten Robert Blum alle demokratischen Hoffnungen starben und in Deutschland eine Friedhofsruhe (Blum) einkehrte, die erst am 9.

November 1918 mit der Proklamation der Republik neuer Hoffnung wich. Nicht lange, wie wir leider wissen: Am 9. November 1923 marschierte Hitler auf die Feldherrnhalle, und am gleichen Tag, fünfzehn Jahre später, wurden Deutsche, die man als Juden hasste, Pogromen preisgegeben. Erst die friedliche Revolution von 1989 hat es vermocht, den totalitären Terror völlig zu überwinden und der Demokratie in ganz Deutschland eine Chance zu geben.

Wie soll man dieses Tags gedenken, an dem Stolz und Scham verzwickt und wechselnd Anteil haben? Wohin soll das Gedenken führen, was soll es bringen, außer Leitartikeln, Schulaufsätzen, Podiumsdebatten?

Erinnerung zu steuern ist möglich, aber nur zu einem geringen Grad. In eines Menschen Leben geht sie die seltsamsten Wege, und niemand ist ihrer wirklich Herr. Sie muss zwar angeleitet werden durch die Rituale öffentlichen Gedenkens, die einem jeden deutlich machen, dass er keine Empfindungsinsel ist, sondern Anteil hat am Schicksal des Ganzen. Und er muss, zumal im jungen Alter, von der Ambivalenz der deutschen Geschichte mehr als nur eine Ahnung gewinnen. Das schließt ein, ihren schlimmsten Teil zu kennen und sich dazu in öffentlicher Form zu bekennen - etwa im Gedenken an die so genannte Reichskristallnacht 1938. Aber weil nicht nur die Gedanken, sondern auch die Erinnerungen frei sind, muss man sich hüten, das Gedenkwesen so zu strapazieren, dass ihm die Empfindungen und Erfahrungen des Einzelnen nicht mehr folgen können, sonst wird es leer. Der wichtigste Feiertag des deutschen Protestantismus, der Reformationstag, war in diesem Jahr vom Halloween-Hallodri derart überlagert, dass man glauben konnte, hier sei ein Teil des kulturellen Gedächtnisses weggerutscht.

Die Erinnerung ist ein Hund, der dem Gebot des Vernünftigen nicht immer pariert. Sie sucht sich die Objekte der Emotion und die Anlässe des Erzählens selbst. Es ist schon seltsam, wie letzthin Bücher aus dem Boden schossen, die das deutsche Leiden im Bombenkrieg zum Thema machten, als ob man nie vorher hätte drüber reden dürfen. Es war, als hätte jemand eine Schleuse geöffnet, und es zeigte, dass Erinnerungen infektiös sein können. Vielleicht lag der Grund darin, dass das öffentliche Gedenken, ganz konzentriert auf die Vergegenwärtigung der deutschen Untat, der komplementären Empfindung, auch selbst gelitten zu haben, keinen Platz gegeben hat. Das war nicht nötig - man hat ihn sich genommen, wie man sieht. So steht es auch nicht ein für alle Mal fest, welcher 9. November unser Gedächtnis dominiert. Dass der schlimmste nicht vergessen wird, dafür ist das öffentliche Gedenken da.