Strenge AuswahlSeite 3/3
»Argul, William. Getötet 1. Oktober 1886. Von seinem Sohn John, der seine Mutter verteidigte.«
»Braey, Josef. Gestorben. Stürzte unglücklich in einen Kessel mit siedendem Talg. Aus Frankreich gebürtig, Alter 16.«
Wenn man heute den Polizeibericht in einer der Lokalzeitungen liest, stellt man fest, dass sich seither nicht viel verändert hat. Häusliche Gewalt ist der Grund für ein Viertel aller Verhaftungen, und noch immer siedeln sich Leute von überall her in Nevada an, weil es nach wie vor ein Land der Chancen ist. Noch immer kann man hier nach Gold graben, und wenn man keines findet, kann man sein Glück im Spiel suchen. Man fragt die Leute, wen sie wählen, und die Hälfte sagt, sie wählen gar nicht, oder sie sagen, Kerry, weil der keinen schwerreichen Vater hat, der ihm sagt, was er tun und lassen soll. Viele stimmen hauptsächlich deswegen für Bush, weil er Christ ist wie sie, weil er zum gleichen Verein gehört. In meiner Stadt tragen die Leute T-Shirts, auf denen steht vorne W.R.A.N.G.L.E.R.S., und hinten steht, was das bedeutet: »Western Ranchers Against No Good Leftist Environmentalist Radical Shitheads« – womit Ostküstler und Demokraten gemeint sind. Eureka County ist erzrepublikanisch. Nur zehn Leute sollen beim letzten Mal für Al Gore gestimmt haben. Die Wahl wird von einer städtischen Beamtin namens Frances Gale geleitet. Sie ist Republikanerin und Rancherin. Sie kam aus Oregon nach Nevada, weil die Landparzellen hier größer sind – im Jahre 2002, nachdem die bisherige Verwaltungsleiterin irgendeines Verbrechens angeklagt worden war und ihren Job verloren hatte. (Alles Nachfragen half nichts, niemand wollte mir sagen, worum es gegangen war.) Die Frau aus Oregon kandidierte und bekam den Posten. Sie ist eine gut organisierte, sympathisch wirkende, zähe Person im Cowgirl-Outfit, schätzungsweise Anfang vierzig. Sie war es, die meine Registrierungsbemühungen durchkreuzt hatte.
Ich wurde ausfallend und drohte mit knallharten Anwälten
Ich rief sie von Dorothys Schreibtisch aus noch einmal an. Ich wurde ausfallend, sagte ihr, ich würde eine ganze Truppe knallharter Ostküstenanwälte kommen lassen, die das arme kleine County Eureka mit seinen 1513 Einwohnern wegen Wahlbetrugs vor Gericht zerren würde, und außerdem würde ich sie in einem Zeitungsartikel beim Namen nennen. Dann knallte ich den Hörer auf. Dorothy hatte mir den Text und die Regieanweisungen gegeben. Ich glaubte nicht, dass es fruchten würde. Doch als ich nach Hause kam, sagten mir meine Freunde, die Verwaltungsleiterin habe versucht, mich zu erreichen. Da wurde ich ganz ruhig. Wenige Stunden später schob sich mein Wagen gemächlich die 88 Meilen auf der »Einsamsten Straße der Welt« entlang, die mein Haus von der County-Verwaltung in Eureka trennten – durch eine Berglandschaft, deren Pracht das Matterhorn arm aussehen lässt. Vor dem roten Backsteinbau des Gerichts wartete die Verwaltungsleiterin auf mich – und flehte mich fast an, zur Wahl zu gehen.
Zuerst musste ich mich ganz neu registrieren. Unter ihren aufmerksamen Blicken trug ich mich vorsichtshalber als Republikanerin ein. Nachher brauchte ich dann, wie sich herausstellte, doch nicht provisorisch abzustimmen, sondern durfte eine richtige Stimme erster Klasse abgeben. Gleichzeitig konnte ich auch noch meine Meinung zu mehreren Änderungen der Verfassung von Nevada kundtun. Am besten gefiel mir die Frage, ob die Vorschrift, die einem »Idioten oder Verrückten« das Wählen untersagt, eventuell anders formuliert werden solle. Es wäre nicht schlecht, dachte ich, wenn man den Buchstaben dieser Bestimmung ernst nehmen und strikt befolgen würde. Aber dann wurde meine Freude, an der Wahl teilnehmen zu dürfen, doch noch getrübt. Die Verwaltungsleiterin wollte mich nicht wie die anderen Leute aus der Gegend in einer elektronischen Wahlkabine wählen lassen. Stattdessen musste ich einen Wahlzettel ausfüllen. Ich nehme natürlich an, dass sie ehrlich ist, dass sie meinen Wahlumschlag nicht geöffnet hat und dass meine Stimme es bis in die Endauszählung geschafft hat. Bei einem knappen Ergebnis in Nevada kann ich den Vorgang nachprüfen lassen: Mein Stimmzettel hat die Nummer 0242.
Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
- Datum 04.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.11.2004 Nr.46
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