FUSSBALL Niedersächsische Grundrechenarten
Der VfL Wolfsburg hat sich in der Spitze der Fußballbundesliga festgesetzt. Nur die Zuschauerzahlen müssen noch schöngerechnet werden. Eine Erfolgsgeschichte in sechs Vorurteilen
Die größten Gegner des VfL Wolfsburg sind nicht die Bayern oder die Meister aus Bremen. Die Etablierten hat der Spitzenreiter der Fußballbundesliga bislang spielend hinter sich gelassen. Den härtesten Kampf ficht der Club jenseits des Platzes: gegen einen gordischen Knoten der Missverständnisse. Ihn würden die Wölfe gerne entzweihauen. Ihre Waffe: die Kunst des Rechnens.
Vorurteil Nr. 1: Der VfL Wolfsburg ist ein seelenloser Werksklub, der sich mit dem Geld von Volkswagen den Erfolg zusammenkauft.
»Natürlich sind hier alle handelnden Personen infiziert von VW«, sagt Lothar Sander. Er ist Finanzvorstand der Marke Volkswagen – und Aufsichtsratsvorsitzender der VfL Wolfsburg Fußball-GmbH. Deren Anteile gehören zu 10 Prozent dem Verein und zu 90 Prozent VW. Einmal im Leben wolle er deutscher Meister werden, hat Sander vor Jahren mal leichthin gesagt, diesen Wunsch wird er nun nicht mehr los. Rund 50 Millionen Euro beträgt der Saisonetat der Profis, etwa 20 Millionen davon (genaue Zahlen werden nicht verraten) steuert VW bei. Dafür ist die Marke allgegenwärtig: Die Spieler tragen sie auf dem Trikot, das neue Stadion heißt nach ihr, und nicht zufällig korrespondiert die glitzernde Schauseite der Volkswagen Arena vortrefflich mit den gläsernen Türmen der VW-Autostadt 300 Meter westlich.
Die Karriere des VfL planen Sander und die anderen Infizierten wie die Markteinführung eines neuen Modells. Die Zielvorgabe: dauerhafte internationale Präsenz, von 2007 an am besten in der Champions League. Denn nur international ist das Engagement des Konzerns im Fußball sinnvoll. In Deutschland kennt jeder VW, der Marktanteil beträgt 30 Prozent, die Verbindung mit dem VfL ist nach nur sieben Jahren in der ersten Liga ihre bekannteste Geschäftsbeziehung. Vom europäischen Automarkt bekommen die Wolfsburger aber nur 18 Prozent ab. »Das muss mehr werden«, sagt Sander.
Die Rechnung ist einfach: Als Achter in der Bundesliga ist man international dabei, und sei es nur im UI-Cup. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass eine Rangliste aller Vereine nach ihren Etats beinahe den Platzierungen in der Tabelle entspricht – der Spruch »Geld schießt Tore« stimmt eben doch, mit ein paar Ausreißern pro Saison. Also investiert man in Wolfsburg für Platz 7 – und hofft am Ende auf Rang 5 bis 8. »Dieser Platzierung nähern wir uns im Moment von der richtigen Seite«, sagt Klaus Fuchs, der Geschäftsführer des VfL. So klingt Spitzenreiter auf Wolfsburgisch.
Aber wenn erfolgreicher Fußball ein einfacher Dreisatz ist – warum gibt der Konzern dann nicht zehn Millionen mehr aus und kauft sich den Platz an der Sonne? »Schatulle auf, Schatulle zu – die Mentalität gibt’s hier nicht«, sagt Fuchs. Verächtlich grinsend, erzählt er die Geschichte aus dem Aufsichtsrat eines anderen Bundesligaclubs, wo ein Unternehmer gefragt habe: »Was kostet ein Punkt?« Bei VW dagegen denkt und handelt man im Rahmen von fünfjährigen Investitions- und Wirtschaftsplänen. Darin ist auch vage festgeschrieben, was der VfL bekommt. Einfach mal ein paar Millionen für einen neuen Balltreter nachfordern ist nicht drin. »Ich kann nicht als Finanzvorstand im Konzern den Daumen auf die Kosten halten und dann alles für den Verein ausgeben«, sagt Sander und schaut aus seinem Konferenzraum im 9. Stock des VW-Verwaltungshochhauses in den Sonnenuntergang über dem kilometerlangen Werk. Da draußen wird zurzeit um Tarifverträge und Arbeitsplätze gerungen, aber im Wolfsburger Fußball soll sich noch eine Ahnung der guten alten Konsensgesellschaft erhalten: Im Aufsichtsrat des Vereins sitzt auch der Weltbetriebsratschef von VW, und IG-Metall-Mitglieder kriegen auf ihre Dauerkarte 15 Prozent Rabatt. Vielleicht ist der VfL also in Wahrheit ein Arbeiterverein.
Vorurteil Nr. 2: Die kriegen ja nicht mal als Tabellenführer das Stadion voll.
Stimmt. Beim Spitzenspiel gegen Mainz, die andere Sensationsmannschaft der Saison, waren 24591 Zuschauer im Stadion. Platz wäre für 30000. Aber was den Geschäftsführer Fuchs ärgert, ist nicht das Sechstel, das noch fehlt, sondern dass er sich dafür rechtfertigen muss. »Wir liegen weit über Plan!« Und dann wird wieder gerechnet. In anderen Bundesligastädten haben die neuen Stadien im Schnitt 50 Prozent mehr Zuschauer angelockt, »bei uns sind es 85 Prozent!«. Davon sei mehr als die Hälfte unter 29 Jahre, junge, formbare Leute, langfristig an den Verein zu binden und interessant für Werbepartner – im VW-Land ist Fußball eben nie nur Selbstzweck. Der Zuschauerschnitt in der vergangenen Saison lag bei 23000, »hätten wir ein Stadion wie Leverkusen, wären wir jedes Mal ausverkauft«.
Da ist das Wort, das immer als Modell für den Wolfsburger Erfolg genannt wird. »Leverkusen« ist eines der wenigen Vorurteile, mit denen sich die Niedersachsen gerne rumschlagen. Denn erfolgreich in der Champions League wäre man auch gerne. Aber ohne das Plastik-Image von Bayer. Doch da wähnen sich die VW-VfL-Strategen auf der sicheren Seite: Autos passten viel besser zu Fußball als Aspirin; der Volkssport Nummer eins und Volkswagen – da kann eigentlich nichts schief laufen. Derweil wälzen die Fans in den Internet-Foren des Vereins die statistischen Jahrbücher der Bundesrepublik. Auch sie haben sich im Kampf gegen Vorurteile aufs Rechnen verlegt und versuchen zu beweisen, dass Wolfsburg im Vergleich zur Größe der Stadt beinahe die meisten Fans habe. Aber was für welche?
Vorurteil Nr. 3: Wolfsburg hat die langweiligsten Fans der Liga.
In jedem Fall die selbstkritischsten. »Wieso, verdammt noch mal, kriegen wir die Welle nicht hin?!?!?!«, fragen sie sich im Chat auf der Homepage des VfL.
»Wir sind halt Niedersachsen«, sagt, leicht verzweifelt, Thomas Schneider. »Wir können nicht mit dem Herzen sprechen und denken mit dem Geldbeutel.« Er ist der Vorsitzende der Schlemmerbrüder, des ältesten existierenden Wolfsburger Fanclubs, wobei alt relativ ist: Gründung war vor gerade mal zwölf Jahren in einer Kneipe, die Schlemmerland hieß. Rund dreißig Stunden seiner Freizeit investiert der VW-Angestellte, um die Sache seines VfL voranzubringen. Organisiert die Fahrt zum nächsten Auswärtsspiel. Stellt auf seiner Homepage Mobilisierungs-Plakate zum Ausdrucken bereit: »Und wo bist Du?!«
Zehn Jahre werde es noch dauern, bis der Verein eine breite Fanbasis habe, schätzt Schneider. Er trägt das Sweatshirt einer lange ausgelaufenen VfL-Kollektion und beherrscht die Wolfsburger Grundrechenarten: »Die Stadt selbst hat doch nur 60000 Einwohner! Der Rest ist nur eingemeindet, da gehen weiterhin alle zum Dorfverein.« Vielleicht 8000 Mann stark ist der harte Kern der Fangemeinde, sie allein dürfen stehen in dem modernen Fußballtheater, in der Nordkurve, weil »sitzen für ’n Arsch is«. Schlimmeres als »Schiri, du Arschloch« ist von ihnen an einem gewöhnlichen Bundesliga-Samstag nicht zu hören; am Getränkestand herrscht in der Halbzeitpause eine Atmosphäre wie im Cinemaxx bei der Vorführung von Der mit dem Wolf tanzt. So friedlich sind die Fans, dass der DFB dem Verein erlaubt hat, ein Stadion nahezu ohne Zäune zu bauen. Nur die Gästefans kommen in den obligatorischen Käfig – um die Wölfe vor ihnen zu schützen.
Service soll die fehlende Tradition kompensieren. Es gibt Logen, Businesslounge, Plätze für Sehbehinderte (denen ein eigener Kommentator zur Seite steht) und im Familienblock in der Südkurve sogar einen richtigen Kinderspielplatz mit Blick auf den Platz.
Weil der Verein um jeden Zuschauer kämpfen muss, hat die Fachhochschule Wolfenbüttel, Abteilung Sportmanagement, das Publikum nach seiner Meinung über den Verein befragt. Gerne reicht der Pressesprecher des VfL (der mal in leitender Funktion bei der Unternehmenskommunikation von VW war) das Papier weiter: Aufstrebend und sympathisch finden die Besucher den Verein, sie schätzen seine regionale Verwurzelung. Weil das im harten Konkurrenzkampf der Unterhaltungsindustrie Profifußball so aufregend klingt wie Wattepusten, soll die Marke »emotional aufgeladen« werden, wie man auf Konzernsprech sagt. Die Heimspielplakate in Vereinsgrün bringen jedes Mal einen neuen flotten Spruch: »Flagge zeigen. Das ist Wolfsburg.« Oder: »So, als ob die Erde bebt. VW Arena.« Marketing als Märchen.
Vorurteil Nr. 4: Wolfsburg ist Provinz, da will doch keiner leben, geschweige denn ein Fußballstar.
»Ich bin es leid, mich immer für den Erfolg zu rechtfertigen.« Mit Rolf Schnellecke, dem Oberbürgermeister von Wolfsburg, ist nicht leicht reden über Vorurteile. Dann aber holt er doch aus zum Gegenbeweis. Redet vom vielen Grün in der »Stadt des KdF Wagens bei Fallersleben«, als die Wolfsburg vor 65 Jahren gegründet worden ist. Von Studien, die ihre Lebensqualität beweisen. Vom Kunstmuseum spricht er und auch vom neuen Science Center für 79 Millionen Euro. Sogar für die oft geschmähte »Fuzo«, die schrecklichste Fußgängerzone der westlichen Hemisphäre, gibt es einen Masterplan bis 2010. Der Fußball soll in der Stadt vom Reißbrett emotionale Identität stiften. Schnellecke war auch mal Präsident des VfL und sitzt noch jetzt im Aufsichtsrat. Aber was ihn derzeit mehr umtreibt als der Tabellenplatz, ist der Automobilstandort Deutschland. »Wenn wir jetzt nicht die Kurve kriegen, dann gnade uns Gott.«
Nun ist der Mann Partei und in Wolfsburg geboren. Wie findet dagegen jemand wie Pablo Thiam die Retortenstadt? Der Mittelfeldspieler, geboren in Conakry, Guinea, war schon in Köln, in Stuttgart, sogar bei Bayern München unter Vertrag. »Da hatte ich alles, die Berge, die besten Restaurants, eine traumhafte Wohnung. Nur gespielt hab ich wenig.« In seinem zweiten Jahr hat er die wölfische Denkungs- und Rechnungsart, dass alles noch wachsen muss, verinnerlicht und um seine persönliche Gleichung erweitert: »Lieber 50-mal beim VfL spielen als nur 10-mal bei Bayern.« Die Fans würden schon auch noch auf den Geschmack kommen: »Das ist wie bei einem guten Wein: Je öfter man ihn probiert, desto besser kennt man sich aus.«
Vorurteil Nr. 5: Der VfL Wolfsburg ist nicht gut genug, um Meister zu werden.
Das ist kein fremdes Vorurteil, sondern eine Selbstbeschreibung. Sie stammt von Erik Gerets, dem Trainer des VfL. Ist es klug, der eigenen Mannschaft so ein Zeugnis auszustellen? »Es ist ehrlich.« Sagt Gerets und guckt so undurchdringlich wie ein grauer Wollpullover. Sein Vorvorgänger Wolfgang Wolf hieß wie der Verein, Gerets sieht so aus. Natürlich will er Meister werden, »das will jeder, ob in China, Holland oder Deutschland«. Und Gerets weiß, wie es geht, schließlich ist er zwölfmal Meister geworden, als Spieler und als Trainer. Und die Champions League hat er auch schon gewonnen, als Kapitän des PSV Eindhoven. Deshalb hat man ihn geholt – weil er im Kopf bereit ist für das ganz große Ding.
Was fehlt dem Verein sonst noch? Ordnung auf dem Platz. »Eigentlich reduziert sich im Fußball doch alles auf zwei Fragen: Wie stehst du, wenn du nicht in Ballbesitz bist? Und wohin läufst du, wenn du den Ball hast?« Es geht um Ordnung in den Köpfen, Führung auf dem Platz und Respekt untereinander. Demonstrativ lobt der Trainer deshalb nach dem Spiel gegen Bochum den unauffälligen dänischen Verteidiger Thomas Rytter, der dem Star der Mannschaft, Andres d’Alessandro, den Rücken frei gehalten hat für seine Kabinettstückchen.
Der argentinische Regisseur sieht so unscheinbar aus wie ein Glas Milch, ist aber kaum vom Ball zu trennen und schlägt Pässe, die andere Spieler nicht mal denken können. Wie so ein Weltstar ausgerechnet hierher gekommen ist, sagt viel über das Modell Wolfsburg. Ursprünglich trug sich VW mit dem Gedanken, an seinen südamerikanischen Standorten eigene Fußballinternate zu gründen, um soziale Verantwortung zu demonstrieren und Talente an sich zu binden. Weil es solche Schulen aber schon gab, entschloss man sich zur Kooperation mit einem Traditionsverein. Jetzt arbeiten die Wolfsburger mit dem Großklub River Plate Buenos Aires zusammen. Fünf Argentinier gehören inzwischen zum Kader des VfL, und der Verein tut alles, um sie an die Norddeutsche Tiefebene zu gewöhnen.
Eine Agentur, die sonst für internationale VW-Manager die alltäglichen Kleinigkeiten erledigt, betreut die Spieler und ihre Familien. Denn auch das hat Gerets im Kopf: Unterschätze niemals den Einfluss von Spielerfrauen! Er selbst mag das Ländliche und die Anonymität, die er zumindest anfangs genoss, »da hat mich hier kein Hund erkannt«. Aber er kann auch die Geschichte von einem Spieler erzählen, den er gerne verpflichtet hätte, der aber überallhin wollte, nur nicht nach Wolfsburg. Im Moment kann der VfL auf die Provinzverächter milde herablächeln. Platz eins macht souverän.
Vorurteil Nr. 6: Wolfsburg kann gar nicht Meister werden, weil es am Rathaus nicht mal einen Balkon gibt, auf dem die Mannschaft die Meisterschale präsentieren kann.
»Wo wir feiern, ist doch egal«, sagt Pablo Thiam. »Hauptsache, wir feiern. Notfalls in der Tiefgarage.«
- Datum 04.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.11.2004 Nr.46
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