Man sieht, was man hört. Das ist die große Stärke dieses Film und seine unvermeidliche Schwäche. Schlägt die Perkussionistin Evelyn Glennie den riesigen Gong, dann weicht die Kamera von den Schallwellen getragen zurück, fahren Autos über die Metallschwellen der Brücke, dann rattern die Räder im Rhythmus. Du hörst, was du siehst.

Regisseur Thomas Riedelsheimer filmt in seinem dokumentarischen Gedicht Touch the Sound die weltberühmte klassische Solokünstlerin, begleitet sie ein Jahr auf abgelegenen Pfaden in Japan, Kalifornien, New York, Deutschland und ihrer Heimat Schottland. Evelyn Glennie wechselt die Haarfarbe von Blond zu Braun zu Rot, sie trommelt, raschelt, streichelt Metallröhren und klopft auf Holz, und doch bleiben diese Bilder und Klänge oft weniger im Kopf als das nervöse Aufflattern von Tauben, das platzende Aufschlagen von Wassertropfen, der knatternde Wind in Fahnen. Wie ein Ohrenzoom ziehen sich diese Geräusche ins Bewusstsein, wie in den besten Momenten beim Lesen fängt man zu hören an, fokussieren die Ohren ein Blatt, einen Stein.

Nach dem großen Erfolg seines Dokumentarfilms von 2001, Rivers and Tides, über die Land-Art des schottischen Künstlers Andy Goldsworthy, wagt sich der 1964 geborene Thomas Riedelsheimer ans Unmögliche, an den Widerspruch in sich: Musik zu filmen. Während man der Musik mit allen Sinnen frei (oder verschlossen) gegenübersteht, bindet der Film das Auge, legt sich das Bild über den Ton, müsste man hin und wieder im Kino die Augen schließen, um den Ton zu hören. Welch eine Fügung, dass dieser Film um eine junge Frau kreist, die zu achtzig Prozent schwerhörig ist (eine Tatsache, die erst zur Mitte des Films kurz zum Thema wird), dass sie mit dem Körper hört, barfuß spielt, um die Schwingungen zu spüren, die Dinge berühren muss, um sie mitzuhören. Touch the Sound ist wörtlich und bildlich zu nehmen, jedes Material hat seinen Klang in sich, trägt ihn unter der Oberfläche. Man muss ihn nur hervorholen.

Als sich der englische Gitarrist Fred Frith mit Evelyn Glennie in einer leeren Fabrikhalle in Dormagen trifft, meint er, sie hätten ihre Instrumente gut und gerne zu Hause lassen können, alles, was sie zum Improvisieren brauchten, sei schon da. So ist auch der Film. Er lebt aus dem, was da ist: den Geräuschen auf einem Dach in New York, den Schritten in Flughäfen, dem Rechen von Steingärten in Japan, der Brandung in Schottland, dem Gerümpel in einer Scheune auf dem Lande. Wenn Glennie dann auf dem Schlagzeug trommelt oder dem Marimbafon, dann ist das Imitation der Natur, dann wird hörbar, dass Musik nur der Versuch ist, den Geräuschen eine Ordnung zu geben. In der Natur die Kunst zu erkennen und in der Kunst der Natur nachzulauschen, das gelang Riedelsheimer schon bei Rivers and Tides, doch da lebte das Filmbild direkt aus dem Bild der Landschaftskunst. So liegen die Schwächen von Touch the Sound an den Stellen, wo der Regisseur Programmbilder über die Klänge legt, wo er Metaphern sucht, wenn Kondensstreifen am Himmel ziehen oder Wellen im Wasser. Dann entsteht jenes räucherkerzenhafte Versenken im Klang, jene Die-Welt-ist-Musik-Atmosphäre, die zum Vorzeigen wird: Schaut, ich höre! Dann killt das Medium die Botschaft.

Der Gegensatz zum Klang sei nicht die Stille (das hat schon John Cage erfahren), sondern der Tod, bemerkt Evelyn Glennie. Also ist Touch the Sound auch ein Film über das Leben. Mit der kindlichen Neugierde der Künstlerin macht Glennie Musik aus allem, was sie findet. Sie ertastet sich die Welt, indem sie ihrem Spieltrieb folgt. Einen schöneren und glücklicheren Film über das Scheitern bei dem Versuch, Musik zu filmen, kann man sich schwerlich vorstellen.