Als ich ganz klein war, soll ich schon immer getanzt haben und Vorführungen gemacht haben, später habe ich selber Geschichten geschrieben, die ich dann aufgeführt habe. Als ich mit sieben meinen ersten Film gemacht habe, habe ich gemerkt, dass man beim Schauspielern nicht mehr man selber ist, sondern irgendjemand, man kann irgendeine Person in einer ganz anderen Zeit mit ganz anderen Eigenschaften spielen. Man kann ganz mutig sein, was ich gar nicht bin, oder schön und reich oder ganz anders, vielleicht ordinär oder drogensüchtig oder unbeliebt. Wenn ich so eine mutige Rolle spiele, dann versuche ich, mir das für mein Leben abzugucken, aber das ist doch ganz schwer. Also Bibi Blocksberg ist ja mutig, sie hilft und hext. Vom Hexen träume ich nicht so, aber davon, das Mutige mit dem Helfen zu verbinden, schon. Auch würde ich mich gern viel besser wehren können.

Doch wenn ich von der Schauspielerei träume, dann nicht nur vom Hineinschlüpfen in die verschiedensten Charaktere, sondern auch von den Kleidern, den Pelzen, den Seiden und Perücken. Ich würde zu gerne Kaiserin Sisi spielen oder im Barock oder Rokoko Rollen probieren. Nicht für immer, nur zum Fühlen, wie es ist – die weiten Röcke, das Rascheln des Tafts und der Seiden, die Schuhe mit den merkwürdigen Absätzen. Als Schauspieler kann man alles ausprobieren.

Fast noch lieber würde ich die Désirée spielen, erst Seidenhändlerstochter, dann die Geliebte von Napoleon, dann Bernadottes Frau und dann Königin von Schweden. Die dünnen weißen Kleider, wie Hemdchen mit Schleife, die kleinen Schuhe – ein Traum.

Mein Traum ist, eines Tages auf eine Schauspielschule zu gehen, am liebsten in Berlin, wo meine Schwestern studieren, oder in München. Ich möchte auch auf der Bühne stehen oder zwischen Film und Bühne pendeln. Und dann nach Amerika gehen, so für ein Jahr vielleicht.

Ich liebe die Schauspielerei, ich träume davon, nur Schauspielerin zu sein, eine gute Schauspielerin zu sein, aber der Traum ist eben auch, dass das ohne Behelligung möglich ist. Eine Hauptrolle zu spielen ist toll, aber nachts anonyme Anrufe zu bekommen oder Liebesbriefe von Jungen, die man gar nicht kennt, oder überall angequatscht zu werden, das ist eben nicht mein Traum. Wenn es möglich wäre, ein ganz normales Leben zu haben und immer schauspielern zu können, das wäre herrlich.

Andere spielen toll Badminton oder sammeln mit Leidenschaft Briefmarken und träumen von der Blauen Mauritius – das ist nicht öffentlich, sie bleiben damit in ihrer Welt. Wer schauspielert, vor allem im Kino und im Fernsehen, macht das öffentlich und wird öffentlich, roter Teppich eingeschlossen. Ich würde gern ganz normal in die Schule gehen, und die Schauspielerei wäre nur mein Hobby wie Briefmarkensammeln und nicht etwas, das mit Plakaten und Öffentlichkeit zu tun hat.

Wunderbar wäre, wenn ich wie Bibi Blocksberg hexen könnte. Wenn in der U-Bahn wieder einer auf mich zukommt, würde ich mich in ein ganz anderes Mädchen verhexen und wieder ich sein, wenn der Autogrammjäger ausgestiegen ist. Oder im Mathe-Unterricht, wenn ich mal wieder an der Tafel nicht weiterweiß, die Lehrerin daumenklein hexen, mir von einer Freundin die Lösung sagen lassen und die Lehrerin dann zurückhexen.

Ich träume davon, mich während des Filmens zweiteilen zu können: hier die Sidonie, die am Set ist und gut spielt und mit dem ganzen Team zusammenarbeitet, und dort die Sidonie, die das ganze Drumherum wahrnimmt, das Blitzlichtgewitter und so. Und wenn während der Schulzeit gedreht wird, würde ich mich gerne teilen in die eine, die spielt, und die andere, die in der Klasse sitzt. Wenn alles vorbei ist, würden die zwei sich vereinigen, und es gäbe nicht diese Lücke oder Gründe für Neid und die Bedrohung von Freundschaften. Ich, mein anderes Ich, wäre ja immer da gewesen.