Wann gab es zuletzt solche Bilder aus den USA? Bilder von Menschen, die in manchen Bezirken neun Stunden warteten, um ihre Stimme abzugeben wie in Ohio, wo sich die Kandidaten so bitter bekämpft hatten wie nirgendwo sonst. Wieder und wieder war am Tag der Entscheidung von Unregelmäßigkeiten die Rede, von Wahllokalen, die einfach länger offen blieben, von Heerscharen von Anwälten, die sich auf die Lauer legten und Wählerzulassungen überprüften. Dann, am Mittwoch in den frühen Morgenstunden, schien klar: Im Herzen Amerikas hatte sich die Wahl entschieden, Ohio war an George W. Bush gegangen.

Dieses Mal hatten beide Seiten nicht nur die eigene Basis, sondern auch Millionen neuer Wähler mobilisiert. Die eine Seite war und ist aufgeschreckt durch Bushs messianisches Sendungsbewusstsein in der Innen- und Außenpolitik; die andere sah und sieht eben darin die Rettung ihres Landes, seine Erneuerung. Was alle eint, ist der Glaube an das immanent Gute des Landes. Worin das Gute aber besteht, darüber bleiben sie heillos zerstritten – unabhängig davon, wer im Januar 2005 ins Weiße Haus einzieht.

Natürlich ist das Klischee von der "gespaltenen Nation" zu simpel. Man kann das Land nicht aufteilen in "Liberale", die Caffè Latte, Philip Roth und die UN mögen – und "Rechte", die Budweiser, Fox News und ihren eigenen Waffenschrank bevorzugen. Es gibt nicht die eine große Kluft, sondern Hunderte von Gräben und Risse in alle Richtungen. Es hat sie immer schon gegeben. Nur ziehen sie sich jetzt durch eine Nation, die das Ende der Industriegesellschaft, eine gewaltige Einwanderungswelle und eine rasante Globalisierung verkraften muss. Selbst für "God’s own country" ist das ein bisschen viel.

Amerika ist eine Supermacht, in der sich eine wachsende Anzahl von Menschen als Verlierer fühlt. Schon vor dem 11. September 2001 waren die USA kein selbstbewusstes Land mehr. Daran hat sich nichts geändert, schlimmer noch, die Menschen sind verunsichert, Amerika befindet sich in einem zeitlich und geografisch unbegrenzten "Krieg gegen den Terrorismus".

Vor diesem Hintergrund bekommt diese Wahl eine historische Bedeutung. Es ging erst in zweiter Linie um Themen wie Krankenversicherung, Rente, Jobs und die Frage, wie viel das Benzin kosten darf. Es ging vor allem um das Selbstverständnis des Landes: Bush repräsentiert ein religiös durchwirktes Amerika, das den Anspruch auf Unfehlbarkeit erhebt und die Illusion der Unverwundbarkeit behalten möchte; Kerry repräsentiert eine Supermacht, die sich als Teil dieser Welt versteht und nicht als ihr Erlöser. Diese Positionen sind unversöhnlich. Deswegen wurde dieser Wahlkampf so aggressiv geführt wie schon lange keiner mehr – vor allem im hart umkämpften Bundesstaat Ohio.

Demokraten beschuldigten Republikaner, schwarze Wähler einzuschüchtern; Republikaner beschuldigten Demokraten, Junkies als Wahlhelfer zu beschäftigen. Es hagelte Klageandrohungen, noch bevor eine einzige Stimme abgegeben war. Nachbarn trafen sich mit ihren Anwälten vor der Wahlbehörde wieder, weil der eine das Stimmrecht des anderen angefochten hatte. Den Republikanern verordnete Karl Rove, oberster Stratege im Wahlkampf, eine radikale Erneuerungskur. Statt sich wie bisher auf Spenden und Fernsehspots zu verlassen, hat die Bush-Partei eine straff geführte Pyramide errichtet. Oben die Chefetage, darunter die lokalen Parteichefs, ganz unten Zehntausende von Basismitgliedern. Sie alle waren ausgestattet mit den gleichen "Motivations-Videos", mit "7 Stufen zum Erfolg"-Broschüren und Flipcharts.

Anders die Demokraten, denen immer noch das Flair einer chaotischen Jugendbewegung anhaftet, die zwischen Schlafsäcken, Laptops und Pizzaresten für "die Sache" kämpfte. Zu ihrer alten "Regenbogenkoalition" aus den Resten der Gewerkschaften, Minderheitenverbänden, Umweltschützern und Frauengruppen sind Globalisierungskritiker, politisch aufgeschreckte Dotcom-Millionäre und verstörte moderate Republikaner gestoßen. Die Heerscharen von Unterstützern, die für John Kerry neue Wähler registriert hatten, trugen Taschencomputer statt Transparente und bekamen Tagegeld aus den Kassen von George Soros, einem der Hauptfinanziers der Anti-Bush-Bewegung.