usa Die Vereinigten Halbnationen
Der Präsident bleibt, das Land bleibt gespalten: Amerika und sein kultureller Bürgerkrieg
Washington
Wer die Präsidentschaftswahl im Fernsehen verfolgt hat, konnte dank moderner Grafiken zwei Amerikas sehen. In Rot: Bush-Land. In Blau: Kerry-Land. Jeder Bundesstaat in der Farbe des jeweiligen Siegers. Doch die Farbflächen verteilen sich nicht wie mit dem Zufallsgenerator erzeugt über den Kontinent. Die Wähler beider Kandidaten wohnen in zusammenhängenden Großregionen. Als gäbe es zwei Staaten, der eine von George Bush regiert, der andere von John Kerry. Wähler der Demokraten mögen Wasser. Sie leben an den Küsten und an den großen Seen. Wähler der Republikaner lieben die Weite. Sie wohnen im Landesinneren in den Südstaaten, in den Rocky Mountains oder im Getreidegürtel.
Die Farbverteilung in der Wahl-Grafik ähnelt jener des Jahres 2000 zum Verwechseln. Dieselben Staaten im selben Farbkostüm, jedenfalls beinahe. Versteinert scheint die politische Landschaft Amerikas dazuliegen: Blau gegen Rot, links gegen rechts, Küste gegen Landeskern, Stadt gegen Land, Kerry gegen Bush. Das rote Amerika ist größer, das blaue dichter besiedelt. Fein säuberlich in Halbnationen geteilt, lassen sich kaum neue Mehrheiten finden. Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte fällt die Entscheidung bei zwei Wahlen hintereinander erst im Fotofinish. Über den Präsidenten wird in den paar Staaten entschieden, die eigentlich violett sein wollen, sich aber zwischen Rot und Blau entscheiden müssen. Vier Jahre nach dem dramatischen Finale in Florida wird diesmal Ohio zum alles entscheidenden Staat. Am Ende bleibt alles beim Alten. Ohio und Florida bleiben rot, George Bush bleibt Präsident, das Land bleibt polarisiert. Nicht nur zwei Kandidaten standen zur Abstimmung, sondern zwei Weltsichten. Der Kolumnist Harold Meyerson nennt es einen »Zusammenprall der Kulturen«.
Der »rote Amerikaner« ist nach der Typologie der Demoskopen ein wenig älter als der Schnitt und verheiratet. Er gehört meist keiner Gewerkschaft an, liebt Macho-Sportarten und besitzt eine Schusswaffe. Er wohnt auf dem Land oder in der Kleinstadt. Der »blaue Amerikaner« ist eine Frau, lebt in der Großstadt oder in einem Vorort, ist jünger als der Schnitt, ist gut ausgebildet und findet ethnische Vielfalt erstrebenswert (oder zählt selbst zu einer Minderheit).
Vor allem trennt beide Lager das Verhältnis zur Religion. Nach Umfragen, die der Demoskop John Zogby präsentierte, gehen 54 Prozent der Wähler in den Bush-Staaten wöchentlich mindestens einmal in die Kirche, aber nur 32 Prozent der Wähler in den Kerry-Staaten. Es ist demnach nicht zuletzt ein religiöses Schisma, das sich an der Wahlurne zeigt. Zwar wünschen sich Mehrheiten in beiden Landesteilen, der Präsident möge gläubig sein, und zwar 75 Prozent in den Bush-Staaten und 51 Prozent in den Kerry-Staaten. Aber in den Befragungen geben beide Halbstaaten ein unterschiedliches Gottesverständnis zu Protokoll. In den roten Staaten glaubt die große Mehrheit »an einen guten Gott, der über das Böse triumphiert« und es »bestraft«. Den eigenen Glauben beschreiben diese Wähler im Vokabular moralischer Absolutheit. Hingegen sei in den blauen Staaten, sagt Zogby, »moralischer Relativismus« zu Hause. Dort zeichneten die Wähler einen »liebenden Gott«, der auch »Sünder liebt«, der dem Prinzip des »leben und leben lassen« folgt.
So tief ist die Kluft zwischen den beiden Amerikas, dass sich auch die Lebens- und Konsumwelten voneinander entfremden. Im Alltag entstehen Paralleluniversen. Der Soziologe und Journalist David Brooks hat sie seziert. In seinem Essay One Nation, Slightly Divisible beschreibt er, wie er als Bewohner des dunkelblauen Washington in eine mysteriöse, rote Welt aufbricht. Er besucht ein Land, in dem es andere Geschäfte und andere Institutionen gibt: »Überall Kirchen und thailändische Restaurants. Die Leute spielen Bowling und gehen jagen. Im blauen Amerika haben wir den öffentlichen Rundfunk, gediegene Präsidentschaftshistoriker und sozialpolitisch bewusste Investmentfonds. Im roten Amerika sind die Wal-Marts monströs und die Parkplätze so groß wie andernorts die Naturparks. Im blauen Amerika sind die Läden klein, aber die Preisaufschläge riesig.«
Brooks wohnt in einem Vorort, wo die Demokraten mehr als 60 Prozent der Stimmen holen. Das Durchschnittseinkommen beträgt mehr als 100.000 Dollar im Jahr. Die Nachbarn sind Anwälte, Ärzte oder Aktienhändler. Die Häuser haben Garten und Doppelgarage. Die Menschen fahren importierte Autos, gern Volvo oder VW. Sie essen importierten Käse, gern aus Frankreich, und trinken importierten Sprudel, gern Gerolsteiner. Das alles kaufen sie in einem Bio-Supermarkt, dessen Qualität die Frischwarenabteilung des Berliner KaDeWe mühelos hinter sich lässt. Das wichtigste Merkmal demokratischer Einflusszonen sind allerdings Filialen von Starbucks-Kaffeehäusern. Linke sind Genussmenschen. Das haben sie aus Italien mitgebracht. Kerrys Amerika heißt deshalb Latte-Land und ist, schreibt Brooks, »eine riesige Espresso-Maschine«.
Wer nach Bush-Land will, muss die Latte-Linie überqueren: Jenseits gibt es nur noch Brühkaffee. Die meisten Bewohner des blauen Amerikas tun sich das selten an. »Einige von uns«, schreibt Brooks, »vermögen einen Fundamentalisten nicht von einem Evangelikalen zu unterscheiden. Wir haben keine Ahnung, wie man mit einem Gewehr schießt oder es auch nur säubert. Wir erkennen auf dem Feld keine Soja-Pflanze und an der Uniform eines Offiziers nicht seinen Dienstgrad.«
Natürlich ist die farbige Wahlkarte eine Vergröberung. Wer eine Lupe nimmt, erkennt innerhalb der meisten Bundesstaaten rote wie blaue Sektoren, meist übereinstimmend mit Stadt und Land. Wo eine Balance entsteht, werden die Staaten zu Schlachtfeldern, battleground states genannt. Dort ist die Entscheidung gefallen. Beispiel Pennsylvania: Eigentlich ein blauer Kernstaat mit den Metropolen Pittsburgh im Westen und Philadelphia im Osten, tut sich dazwischen eine gewaltige Fläche platten Landes auf. Wenige Stimmen entscheiden am Ende. Hier gewinnt am Ende Kerry. Beispiel Florida: Eigentlich ein roter Südstaat, doch verändern Migration und Urbanisierung die Zusammensetzung der Bevölkerung und machen ihn langsam zum blauen Küstenstaat. Hier gewinnt am Ende Bush.
Die Wahl hat gezeigt, dass die Zahl solcher Staaten klein ist. Rundherum entsteht eine »Patchwork-Nation«, wie Jim Gimpel schreibt, Politologe an der University of Maryland. Nach seiner Beobachtung weichen heterogene Gemeinden gleich denkenden Eilanden. Die Zeitung Austin American-Statesman hat jüngst Fotofinish-Wahlen der Vergangenheit vergleichen lassen. Danach wohnten im Jahre 2000 doppelt so viele Wähler wie 1976 in Wahlkreisen, in denen der eine Kandidat den anderen entscheidend schlug. Das bedeutet: Die Amerikaner suchen Familie für Familie die politische Segregation.
Die Apartheid der Lebensverhältnisse erzeugt Vorurteile. Für viele Bewohner von Los Angeles oder New York liegen dazwischen sechs Stunden Überflugszone. Und am Boden vermuten sie Kreaturen, die zu dick sind und zu enge Hosen tragen, die mit Knarren und Gebetbüchern fuchteln, die rassistisch oder homophob oder ultranationalistisch sind. Umgekehrt sehen die Bewohner des Kernlandes sich selbst als arglos und rechtschaffen, als bescheiden und bodenständig, wertetreu und heimatverbunden: uramerikanisch eben. Die Bewohner des blauen Amerikas erscheinen ihnen elitär, materialistisch und wertevergessen. Sie laufen jeder Mode nach, glauben heute dies, morgen das und sind deshalb empfänglich für Verirrungen wie Homo-Ehe, Abtreibung oder Drogenkonsum. Sie beten die Gewaltwelt von Hollywood an statt den Herrgott. Ein antieuropäischer Unterton schwingt auch mit, denn das blaue Amerika importiert nach dieser Interpretation neben Käse und Autos auch Kultursnobismus und Werterelativismus vom Alten Kontinent. Das alles beweist dem roten Kernland nur, dass der Linksliberalismus der blauen Staaten ganz unamerikanisch ist.
Beide Wahlkampfteams haben sich dieser grotesken Überzeichnungen nach Herzenslust bedient, um die Ressentiments der eigenen Basis zu schüren. Der Cartoon des Bush-Teams sah Kerry als reichen Snob aus Massachusetts, dem Staat der linken Eliten und der Libertinage. Seine Politik weise ihn als unzuverlässigen Gesellen aus, als »Franzosen«, der anderen Nationen Mitsprache über amerikanische Entscheidungen einräume. Der Kandidat habe, wie Bush kurz vor der Wahl sagte, »wenige Kernüberzeugungen«, und die »ändern sich wie das Wetter«. Kurzum: Ein typischer Wendehals von der blauen Küste.
Die Karikatur aus der Produktion des Kerry-Teams zeichnete Bush als geistig minderbemittelten Cowboy. Während eines Wahlkampfauftritts machte Kerry sich absichtlich stotternd über Bushs volkstümelnde Gemeinplätze lustig. Bush erscheint als Frömmler, der im Weißen Haus seine Weisungen vom lieben Gott annimmt. Zudem sei er zu rechthaberisch, um Fehler zu korrigieren. Kurzum: Ein typischer Holzkopf aus der roten Steppe.
George Bush geriet seine Biographie zum Vorteil. Zwar stammen beide, Präsident wie gescheiterter Herausforderer, aus dem Nordosten und aus reichem Hause, sie besuchten dieselben edlen Schulen und Universitäten. Aber danach machte sich George Bush auf den Weg seines Landes. Während sich das Machtzentrum aus dem Nordosten in den Süden und Westen verlagerte, zog er mit. Weil er in Texas zu Gott fand und abließ vom Alkohol, wird sein Selbstfindungsprozess zur machtvollen Parabel für die Erlösung Amerikas: Bush hat sich im gesunden Kernland aus dem Jungbrunnen ewiger Werte bedient und die Krankheiten der Ostküste hinter sich gelassen. Damit fußt Bushs Stärke geradezu auf der Spaltung des Landes. Durch seine Amtsführung, schreibt der Kolumnist E. J. Dionne, habe er »die Spannungen zwischen traditionellem und modernistischem Amerika sogar weiter verschärft«.
Das amerikanische Schisma ist Ausdruck des »großen Rückschlags«, wie Thomas Frank in seiner Studie Whats the Matter with Kansas? schreibt. Die Konservativen geben sich als Widerstandsbewegung gegen die gesellschaftlichen Liberalisierungen seit der Bürgerrechtsära. Sie überzeugen ihre Wähler davon, dass es im politischen Prozess nicht mehr um ökonomische Interessenwahrung geht, sondern um die Verteidigung traditioneller Werte. Der Wahlabend ist ein eindrucksvoller Beleg. Die blau-rote Karte deutet kaum auf ökonomische Bruchlinien, sondern auf den Wertekonflikt. Iowa und Wisconsin galten einst als Hochburgen der Demokraten, weil dort der ökonomische Populismus eine linke Bauernschaft schuf. Aber die Gegenrevolution treibt die Bauern neuerdings der Rechten zu. Jetzt sind beide Staaten für beide Seiten zu haben.
So handelt es sich nur scheinbar um ein Gleichgewicht der Kräfte. Das Land ist in den vergangenen Jahren immer weiter nach rechts gerückt. Die Rechte hat so viel Macht wie zuletzt in den zwanziger Jahren. Sie gewann seit 1968 sechs von neun Präsidentschaftswahlen. Zum ersten Mal seit 1946 halten die Republikaner eine Mehrheit aller Sitze in den Staatsparlamenten besetzt. Vor allem dominieren Konservative die Agenda der Gesellschaft. Stützten Anfang der neunziger Jahre noch zwei Drittel der Amerikaner die gegenwärtige Abtreibungsregelung, so ist es heute nur noch die Hälfte. »Die Bühne ist bereitet«, schreiben John Micklethwait und Adrian Wooldridge in The Right Nation , »damit die Republikaner die Demokraten als natürliche Regierungspartei ablösen.«
Vielleicht ist die Wahl dieser entscheidende Moment gewesen. Auch wenn die rot-blaue Karte fast genauso aussieht wie zuvor, sie verhüllt eine deutliche Machtverschiebung. George Bush hat 3,5 Millionen Stimmen hinzugewonnen. Ins Amt trugen ihn Wählermassen aus dem roten Amerika, die zuvor bei Wahlen zu Hause geblieben waren, darunter viele Rechts-Christen. Das Land hat über die Stadt gesiegt, das traditionelle über das moderne, das religiöse über das säkulare Amerika eine Umkehrung der westlichen Modernisierungsgeschichte seit der industriellen Revolution. Nun werden die Republikaner versuchen, die Demokraten zur permanenten Minderheitspartei zu schrumpfen und in ein 30-Prozent-Ghetto rund um die städtischen Cappuccino-Bars einzupferchen. Das wäre der Sieg im kulturellen Bürgerkrieg Amerikas.
- Datum 04.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT.de, 05.11.2004
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