USA Glauben oder eifern

Amerikas unheimliche Religiosität fordert das liberale Christentum in Europa heraus

In Deutschland kennt man seine Politiker in allen Lebenslagen – beim Tanzen, beim Joggen, beim Küssen, beim Kochen. Nur beim Beten, da sehen wir sie nie. Tun sie es nicht? Doch, einige schon, sogar mehr, als man vermutet. Allerdings möchten sich selbst Christdemokraten dabei nicht gern erwischen, respektive fotografieren lassen. Und, könnte man fragen, fehlt uns da etwas? Den meisten wohl nicht. Außerdem ist Religion doch Privatsache, oder?! Nur, sind Kochen, Küssen und Joggen nicht auch Privatsachen?

Den eigenen Glauben nicht zu zeigen, diese recht deutsche Besonderheit, kann man mögen oder auch nicht. Doch darf man dabei nicht vergessen, dass es sich im historischen und globalen Vergleich eben um eine Spezialität handelt. Polen, Brasilianer, Inder oder Afrikaner verstehen uns da nicht. Wir Deutschen und mit uns ein Teil der Europäer sind in Sachen Religion und Öffentlichkeit Exoten. Grob geschätzt, fünf Milliarden Menschen sehen die Sache entspannter.

Anzeige

Daran muss nun erinnert werden, da uns die Amerikaner so überaus exotisch vorkommen. Sie haben mit Mehrheit einen Mann wieder zum Präsidenten gewählt, der seinen Glauben stärker zur Schau trägt als seine Vorgänger, mehr als Bill Clinton, aber auch mehr als Bush senior und als Ronald Reagan. Nicht zuletzt: auch mehr, als George W. Bush selbst es zu Beginn seiner Amtszeit getan hat. Auch für dieses Mehr an demonstriertem Glauben wurde er mit einem Mehr an Stimmen belohnt. Offenbar haben nicht wenige für ihn gestimmt, weil ihnen der Eindruck von Bibelfestigkeit und Entschlossenheit bei Bush wichtiger war als die eigenen ökonomischen Interessen, wichtiger auch als die Frage, wozu dieser Mann denn genau entschlossen ist. Seltsam, diese Amerikaner.

Und womöglich gefährlich. Denn dieser Präsident zeigt sich in seinem Glauben so unbeirrt, dass man es ihm fast nicht glauben kann. Auf die Politik übertragen, ist seine durch Tatsachen nicht zu beeindruckende Selbstsicherheit zudem ein Grund zur Sorge, insbesondere in Fragen von Krieg und Frieden. Einige seiner Wähler meinen auch, ihren Glauben in einer scharfen Ablehnung von Homosexuellen beweisen zu müssen. Ohne Zweifel: Dieser politisierte Glaube driftet zu einem Teil ins Fundamentalistische.

Und man kann sich die Entwicklungen noch weiter denken. Tatsächlich könnte die wachsende soziale und ökonomische Verunsicherung in den westlichen Ländern zu einer krampfhaft-aggressiven Rückbesinnung auf das Religiöse führen. Zumal die Gefahr besteht, dass es zu einem weltweiten Konkurrenzkampf der Fundamentalismen kommt, zu einem globalen Wett-Eifern sozusagen. (Wobei entscheidend ist, ob es sich um fundamentalistische Anwandlungen in einer Demokratie oder um diktatorischen Fundamentalismus handelt. Der Begriff Fundamentalismus darf diesen Unterschied nicht verwischen.)

Nur, wenn diese Gefahr wirklich besteht, was schließen wir in Europa daraus? Will dieser Kontinent zum säkularen Gegengewicht werden? Sollen wir umso weniger, umso versteckter, ja verschämter glauben, je mehr und demonstrativer es die meisten anderen auf der Welt tun? War also die Nichtwahl des katholischen Schwulengegners Buttiglione zum EU-Kommissar ein genial-präventives Signal gegen einen wachsenden religiösen Fundamentalismus der Amerikaner?

Eine These gilt in Europa als so selbstverständlich, dass sie selten ausgesprochen wird: Aufklärung, Naturwissenschaft, Konsum und Individualisierung führen früher oder später zu einem Abschmelzen des Glaubens, Fortschritt marginalisiert Religion. Wer so denkt, den irritiert es zutiefst, wenn das kapitalistischste und individualistischste Land der Erde eine religiöse Renaissance erlebt. Was läuft falsch bei den Amerikanern?, wird darum nun nicht ohne Grund gefragt.

Auf der anderen Seite stimmt auch die These nicht. Ein Blick ins Geschichtsbuch und einer auf die religiöse Weltkarte der Gegenwart machen das Gegenteil viel plausibler: Glaubensferne ist ein Minderheitenprogramm, eher eine Episode in der Geschichte als ihr Ziel- und Endzustand. Darüber kann man froh oder unglücklich sein, je nach Belieben. Aber eines ist offenkundig: Die wichtigsten geistigen Kämpfe unserer Zeit finden nicht zwischen Atheismus und Religion, sondern zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen statt. Wenn Europa hier eine wichtige Rolle spielen will, dann muss es sein liberales Christentum pflegen und seinen Beitrag zu einer Demokratisierung des Islam leisten. Insofern war die Ablehnung Buttigliones ein zwiespältiges, der Verzicht auf den Gottesbezug in der EU-Verfassung ein historisch falsches Signal. Vielleicht wird uns erst durch die illiberalen Tendenzen, die das Religiöse in den USA durchziehen, richtig klar, wie wertvoll das ist, was Europa, nicht zuletzt Deutschland auszeichnet: ein politisch nicht anmaßendes und innerlich recht tolerantes Christentum.

Wem das alles zu fromm ist oder zu groß gezeichnet, der kann dennoch einer Frage nicht ausweichen: Wenn die Amerikaner mit einer religiösen und konservativen Wende auf die massenhafte Verunsicherung und Entwurzelung reagieren, wie reagieren wir in Europa darauf? Vor allem: Wie reagiert Deutschland darauf? Hierzulande wird Religion verdeckt getragen, man weiß, allem Anschein nach, wenig zu schätzen, was wir an unseren Kirchen haben. Und Religion steht hier nur stellvertretend für andere Gemeinschaftswerte. Auch andere Bindekräfte, von denen anderswo Gesellschaften leben, das Nationale etwa, können bei uns nur begrenzt Identität stiften. Dazu ist unsere Geschichte zu sehr vom Bösen marmoriert. Wir sollten uns also mit dem Befremden über die USA nicht begnügen. Denn es ist Deutschland, das zurzeit als ein in seinem Zusammenhalt besonders gefährdetes westliches Land gelten muss. Zumal die deutsche Ersatzreligion, der ökonomische Erfolg, massiv von Häresie bedroht ist.

Niemand weiß hier derzeit klare Antworten auf die erhöhte Nachfrage nach Fundamenten und Transzendenz, auch CDU und CSU nicht, die sich wertetechnisch gerade so in die Brust werfen und mehr Orientierung vorgeben, als sie haben. Mindestens zweierlei jedoch ist gewiss. Das, was es an gewachsener Religion noch gibt, verdient es, erhalten zu werden. Zweitens: Das, was wir uns – die politischen Lager übergreifend – an positiver Nationalgeschichte abgerungen haben und für das nicht zuletzt der Tag der friedlichen Einheit, der 3.Oktober, steht, sollte gepflegt werden.

Der Rest sind Fragen an einen neuen Konservatismus, an den christlichen Glauben und an Werte verwandter Art: Wieso nimmt das Ökobewusstsein der Deutschen im Moment sogar noch zu, wo man doch immer dachte, in wirtschaftlichen Krisen träten die »weichen« Themen zurück? Was bedeutet es für uns, wenn ein ultraliberales Land wie unsere holländischen Nachbarn an seiner eigenen Offenheit zweifelt, wenn es eine autoritäre Wende nimmt? Kann man einen Konservatismus entwickeln, dem nicht alles eins und gleich ist, der also unterscheidet, ohne jedoch zu diskriminieren? Schwierige Fragen, wie gesagt, aber interessanter als die, ob die Amis verrückt geworden sind.

Und eine letzte Frage: Ist es nicht eine Chance, wenn den Bürgern Werte wichtiger sind als kurzfristige Interessen? Haben sich Linke und Ökologen das nicht immer gewünscht?

 
Service