USA Glauben oder eifernSeite 2/2
Auf der anderen Seite stimmt auch die These nicht. Ein Blick ins Geschichtsbuch und einer auf die religiöse Weltkarte der Gegenwart machen das Gegenteil viel plausibler: Glaubensferne ist ein Minderheitenprogramm, eher eine Episode in der Geschichte als ihr Ziel- und Endzustand. Darüber kann man froh oder unglücklich sein, je nach Belieben. Aber eines ist offenkundig: Die wichtigsten geistigen Kämpfe unserer Zeit finden nicht zwischen Atheismus und Religion, sondern zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen statt. Wenn Europa hier eine wichtige Rolle spielen will, dann muss es sein liberales Christentum pflegen und seinen Beitrag zu einer Demokratisierung des Islam leisten. Insofern war die Ablehnung Buttigliones ein zwiespältiges, der Verzicht auf den Gottesbezug in der EU-Verfassung ein historisch falsches Signal. Vielleicht wird uns erst durch die illiberalen Tendenzen, die das Religiöse in den USA durchziehen, richtig klar, wie wertvoll das ist, was Europa, nicht zuletzt Deutschland auszeichnet: ein politisch nicht anmaßendes und innerlich recht tolerantes Christentum.
Wem das alles zu fromm ist oder zu groß gezeichnet, der kann dennoch einer Frage nicht ausweichen: Wenn die Amerikaner mit einer religiösen und konservativen Wende auf die massenhafte Verunsicherung und Entwurzelung reagieren, wie reagieren wir in Europa darauf? Vor allem: Wie reagiert Deutschland darauf? Hierzulande wird Religion verdeckt getragen, man weiß, allem Anschein nach, wenig zu schätzen, was wir an unseren Kirchen haben. Und Religion steht hier nur stellvertretend für andere Gemeinschaftswerte. Auch andere Bindekräfte, von denen anderswo Gesellschaften leben, das Nationale etwa, können bei uns nur begrenzt Identität stiften. Dazu ist unsere Geschichte zu sehr vom Bösen marmoriert. Wir sollten uns also mit dem Befremden über die USA nicht begnügen. Denn es ist Deutschland, das zurzeit als ein in seinem Zusammenhalt besonders gefährdetes westliches Land gelten muss. Zumal die deutsche Ersatzreligion, der ökonomische Erfolg, massiv von Häresie bedroht ist.
Niemand weiß hier derzeit klare Antworten auf die erhöhte Nachfrage nach Fundamenten und Transzendenz, auch CDU und CSU nicht, die sich wertetechnisch gerade so in die Brust werfen und mehr Orientierung vorgeben, als sie haben. Mindestens zweierlei jedoch ist gewiss. Das, was es an gewachsener Religion noch gibt, verdient es, erhalten zu werden. Zweitens: Das, was wir uns – die politischen Lager übergreifend – an positiver Nationalgeschichte abgerungen haben und für das nicht zuletzt der Tag der friedlichen Einheit, der 3.Oktober, steht, sollte gepflegt werden.
Der Rest sind Fragen an einen neuen Konservatismus, an den christlichen Glauben und an Werte verwandter Art: Wieso nimmt das Ökobewusstsein der Deutschen im Moment sogar noch zu, wo man doch immer dachte, in wirtschaftlichen Krisen träten die »weichen« Themen zurück? Was bedeutet es für uns, wenn ein ultraliberales Land wie unsere holländischen Nachbarn an seiner eigenen Offenheit zweifelt, wenn es eine autoritäre Wende nimmt? Kann man einen Konservatismus entwickeln, dem nicht alles eins und gleich ist, der also unterscheidet, ohne jedoch zu diskriminieren? Schwierige Fragen, wie gesagt, aber interessanter als die, ob die Amis verrückt geworden sind.
Und eine letzte Frage: Ist es nicht eine Chance, wenn den Bürgern Werte wichtiger sind als kurzfristige Interessen? Haben sich Linke und Ökologen das nicht immer gewünscht?
- Datum 11.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.11.2004 Nr.47
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