Die völlige Freiheit von Sentimentalität und überflüssigem Geschnörkel war es, die Béla Bartók an der ungarischen Bauernmusik so liebte. Manchmal sei sie einfach bis zur Primitivität, aber niemals einfältig und deshalb der ideale Ausgangspunkt für eine musikalische Wiedergeburt. Mit seinen Wiener und Pariser Kollegen Arnold Schönberg und Claude Debussy teilte Bartók die Überzeugung, dass die Spätromantik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Sackgasse gelandet war. Bartók hielt ihre Übertreibungen inzwischen für unerträglich. Die Antworten der Komponisten auf die Krise allerdings fielen unterschiedlich aus. Der Ungar interessierte sich weniger für die Entwicklung einer zwölftönigen Theorie, machte sich stattdessen auf die mühevolle Suche nach seinen musikalischen Wurzeln. Er fand sie - auf dem Land.

Mit seinem Freund und Kollegen Zoltán Kodály unternahm der leidenschaftliche Volksmusikforscher ausgedehnte Reisen durch ungarische, slowakische und rumänische Dörfer. Die Ausbeute bestand in unzähligen Notizen, vor allem aber fonografischen Aufzeichnungen, die eine schon damals von der fortschreitenden Zivilisation bedrohte, mittlerweile längst verschwundene Musikkultur dokumentieren: die echte, ursprüngliche Bauernmusik. Bartók unterschied sie fein säuberlich von der so genannten Zigeunermusik, die Franz Liszt noch als die wahre ungarische Volksmusik ausgemacht zu haben glaubte. Bartók entlarvte sie als reines Kunstprodukt des 19. Jahrhunderts, entdeckte hingegen die echten Volksmelodien als Meisterwerke und Inspirationsquell. Vielleicht wurde er auch deshalb, was Pierre Boulez der einzige Vertreter einer humanen Musik nannte.

Die fantastische Neuaufnahme der beiden 1921/22 entstandenen Sonaten für Violine und Klavier durch Christian Tetzlaff und Leif Ove Andsnes (Virgin Classics 5 45668) ruft das nachhaltig in Erinnerung. Noch in den expressionistisch harten, gelegentlich fast brutalen Passagen der rhapsodischen ersten Sonate scheinen die herben Klänge magyarischer Dorfgeiger durch. Das Adagio, von Adorno als klingender Beweis für die melodische Kraft nichttonaler Musik gefeiert, lassen Tetzlaff und Andsnes wunderbar differenziert wie eine Traumsequenz von unwirklicher Schönheit vorüberziehen. Noch in der abenteuerlichsten rhythmischen Vielfalt der zweiten Sonate bleibt Tetzlaffs Spiel völlig natürlich, um mit Bartók zu reden: unter Vermeidung alles Überflüssigen. Die späte, geradezu klassische Solosonate wirkt wie ein Testament und ist ein Paradestück für den fulminanten Bach-Interpreten Christian Tetzlaff.