porträt Professor Bartels’ BücherSeite 4/4

Bartels selbst hat bis ins hohe Alter alles getan, um diese Notwendigkeit immer neu zu begründen und zu popularisieren. Er propagiert »Heimat, Stammestum, Volkstum und Rasse« als Grundlagen der Kultur und Nation. Er wendet sich gegen alle staatlichen Formen, die – als »reine Verstandeskonstruktionen« – nicht organisch aus dem Volk erwachsen. 1906 gewinnt er schlagartig an Popularität durch seinen Kampf gegen das in Hamburg geplante Heinrich-Heine-Denkmal, für ihn »ein Kotau vor den Juden«.

1907 wird er Mitglied des Deutschbundes, 1910 ist er Mitbegründer des Deutsch-völkischen Schriftstellerverbandes. 1913 gehört er zu den Organisatoren des Deutschen Tages in Eisenach, dessen Ziel es ist, die völkischen Kräfte zusammenzufassen. Er wird einer der Vorsitzenden der in seiner Folge entstehenden Deutsch-völkischen Vereinigung. Er gehört zum Judenausschuss des Alldeutschen Verbandes, der die Gründung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes betreibt. Er ist gern gesehener weltanschaulicher Berater zahlreicher Bünde, Organisationen und Parteien im völkischen Umfeld. Er setzt sich für die völkisch-antisemitische Bildung ein, will zu diesem Zweck »judenfreie« Theater und gründet die Weimarer Jugendfestspiele, die den Jugendlichen das Gefühl vermitteln sollen, »einer Kulturnation ersten Ranges« anzugehören. Auch will er den Glauben durch ein vom »Judenchristentum« der Kirche befreites »Deutschchristentum« nationalisieren. Die Titel seiner Schriften lassen es an Deutlichkeit nicht fehlen: Heine-Genossen. Zur Charakteristik der deutschen Presse und der deutschen Parteien (1907), Weshalb ich gegen die Juden kämpfe. Eine deutliche Auskunft (1919), Die Berechtigung des Antisemitismus (1921), Der Nationalsozialismus. Deutschlands Rettung (1924), Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft (1925) – um nur einige zu nennen.

Nach 1933 hat Bartels, selbst NSDAP-Mitglied seit 1925, keine bedeutende Rolle mehr gespielt. Vor allem wohl, weil seine »weiche«, fehleranfällige Form der Judenidentifizierung durch eine härtere, amtliche ersetzt worden war. Auch hatte er sich in Hitlers Bedeutung geirrt. Dieser war zwar am Tag seiner ersten Rede in Weimar im März 1925 mit ihm zusammen gekommen, Bartels hatte den neuen Führer aber eher in Männern wie General Erich Ludendorff oder Ernst Graf zu Reventlow gesehen oder in dem Schriftsteller Artur Dinter (Die Sünde wider das Blut, 1918). So verbrachte er seine letzten Jahre zurückgezogen – eine Traditionsfigur, von seinen Schülern hoch verehrt, versehen mit einem Ehrensold und ausgezeichnet mit dem Adlerschild des deutschen Reiches und (seit seinem 80. Geburtstag) dem Goldenen Parteiabzeichnen.

Bartels’ Fall zeigt, dass es wenig hilft, vermeintlich skurrile politische Figuren wie ihn zu unterschätzen. Spott, von vielen gleichsam notwehrartig geübt, hat seine Wirkung nicht einschränken können. Auch hilft es nichts, das vermeintlich Brauchbare – seien es wissenschaftliche Ergebnisse oder Patriotismus – vom Unbrauchbaren, zum Beispiel seinem Antisemitismus, zu trennen. Oft ist auf Bartels in dieser Weise reagiert und er am Ende gestärkt worden. Vor allem aber ist es an der Zeit, den Blick in willentlich sich selbst beunruhigender Weise auf das ganze Weimar zu lenken. Erinnert sei nur an das Schicksal Harry Graf Kesslers, die Vertreibung des Bauhauses oder die Vorwegnahme nationalsozialistischer Kultur-, Bildungs- und Innenpolitik 1929/30. Nicht nur – aber auch – die Anna Amalia Bibliothek wäre für solche willentliche Selbstbeunruhigung in aufklärerischer Perspektive ein guter Ort. Das Kostbare an Weimar würde dadurch nicht verschattet, sondern doppelt kostbar jenseits aller kulturbewussten Hoffart oder Naivität.

Der Autor ist Direktor der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar und lehrt an der Universität Jena

 
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