Irgendwann hat Tomas Todorovic einfach aufgehört, schon am Telefon zu sagen, dass er blind ist. Bis dahin bekam er meist ganz plötzlich zu hören, dass die Wohnung, wegen der er anrief, ach herrje, gerade eben vermietet worden sei. "Die Leute machten ruck, zuck zu", berichtet der 27-jährige Politikwissenschaftler aus Marburg. "Schließlich habe ich die Taktik geändert und die Vermieter erst in der Wohnung mit der Behinderung konfrontiert." Dort selbst, sagt er, sei es den meisten schon etwas schwerer gefallen, ihn abzuweisen.

Und wenn die Anbieter trotz allem ihre Vorurteile pflegen? Wenn sich die Mehrheit der Mehrheit partout nicht mit einer Minderheit einlassen will? Nur weil ihr Gegenüber blind ist? Oder die falsche Hautfarbe hat? Oder ein Kopftuch trägt? Oder schwul ist?

Bisher haben Behinderte, Ausländer, Muslime oder Homosexuelle kaum eine Möglichkeit, sich gegen willkürliche Benachteiligungen zu wehren. Sei es bei der Wohnungssuche, beim Discobesuch, im Vorstellungsgespräch – Diskriminierung tarnt sich oft mit Scheinrechtfertigungen, die kaum zu demontieren sind. Jetzt will die rot-grüne Koalition den Bürgern diese Schäbigkeit austreiben.

Voraussichtlich noch in dieser Woche werden sich die Regierungsfraktionen auf ein breit angelegtes Antidiskriminierungsgesetz einigen. Es soll den Spieß umdrehen: Künftig sollen Vermieter, Arbeitgeber oder Restaurantbesitzer im Zweifelsfall vor Gericht nachweisen müssen, dass sie einen Bewerber oder Kunden nicht wegen dessen Rasse, Geschlecht, Glaubens oder Alters abgewiesen haben. Voraussetzung ist, dass das Opfer plausible Anhaltspunkte für eine Ungleichbehandlung vorbringt. Kann der Beklagte diesen Eindruck nicht entkräften, drohen ihm Schadensersatzzahlungen. Gelten soll das Diskriminierungsverbot nach einer Änderung des Paragrafen 611a des Bürgerlichen Gesetzbuches für alle "Massengeschäfte", die "typischerweise ohne Ansehen der Person" abgeschlossen werden.

Doch wer und was genau fällt unter diese Definition? Das wissen bisher selbst die Abgeordneten von SPD und Grünen nicht, die das Gesetz vorangetrieben haben.

"Für die meisten Menschen wird sich gar nichts ändern, wenn sie sich einfach anständig verhalten", sagt Olaf Scholz (SPD), der die Verhandlungen über das Antidiskriminierungsverbot in der Regierungsfraktion koordiniert. "Ich glaube, dass wir ein Gesetz bekommen, das lebensnah ist und keine Prozessflut auslösen wird."

Tatsächlich? Je lebensnäher man das Projekt betrachtet, desto größer erscheint die Gefahr, dass Alltäglichkeiten geregelt werden, die sich juristisch kaum regeln lassen.